Dekanat und jüdische Gemeinde erinnern vor ehemaliger Synagoge in Bad Ems an 80. Jahrestag der Pogromnacht
Menschen warnen in Gebet und Gedenken vor Antisemitismus und Hass
Bad Ems. Mit einem Gebet und Gedenken hat das evangelische Dekanat Nassauer Land in Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde an den 80. Jahrestag der Pogromnacht erinnert, mit dem am 9. November 1938 erstmals Hass und Gewalt gegenüber Menschen jüdischen Glaubens offen ausbrachen.
Jüdisches Leben sei bis dahin ganz selbstverständlicher Bestandteil des Alltags in Bad Ems gewesen, sagte Dekanin Renate Weigel. 1932 hätten noch 100 Bad Emser jüdischen Glaubens in der Stadt gelebt, 1941 keiner mehr. Der von einem jungen Juden in Paris verübte Mordanschlag sei den deutschen Machthabern ein willkommener Anlass gewesen, zu Hass und Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung aufzurufen. Dabei seien die Pogrome von langer Hand geplant gewesen. Der Grund, warum die Gewalt gegen sie in Bad Ems erst am 10. November ausbrach: ein entsprechender Befehl an die SA wurde zu spät übermittelt. Die Theologin zitierte den Bibelvers „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan“.
Während des Gedenkens leuchteten rund um die Gedenkplatte, die in der Römerstraße 65 an die ehemalige Synagoge erinnert, 55 Kerzen für die jüdischen Bad Emser, die Opfer des Holocaust und in Konzentrationslagern ermordet wurden, sich selbst das Leben nahmen oder als verschollen gelten. Schülerinnen des Goethe-Gymnasiums Bad Ems verlasen deren Namen.
Geschichte könne nicht umgeschrieben, nur wahrgenommen werden
Das Aussprechen der Namen sei Zeichen, dass die Opfer nicht vergessen sind, erklärte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz Avadislav Avadiev vor den Besuchern der Gedenkveranstaltung. Die Geschichte könne nicht umgeschrieben, nur wahrgenommen werden; es gebe nur den Weg der Versöhnung, blickte Avadiev vor allem auf die Gegenwart, in der der Antisemitismus zunehme, und sich sogar auf Schulhöfen verbreite, wenn dort Jude als Schimpfwort benutzt werde oder jüdische Gräber sinnlos mit Hakenkreuzen beschmiert werden. Er betonte die Verantwortung in Erziehung und Familie, aber auch den Hass, der im Internet geschürt werde. Antisemitismus gebe es nicht nur in Deutschland, „er ist überall“, so der Landesvorsitzende. Er schätze es, dass in Deutschland der Tag als Anlass genommen wird, zu erinnern. Jüdische Menschen, die einer Minderheit angehörten, seien umgebracht worden und Millionen Menschen – nicht nur jüdischen Glaubens – diesem geschürten Hass zum Opfer gefallen. Avadiev erinnerte an einen Satz des Königs Salomon, der vor fast 3000 Jahren feststellte: „Kriege entstehen durch sinnlosen und grundlosen Hass“. Er betonte vor allem den Blick nach vorn, der nur in Vergebung und im Leben von Vergebung gelinge. Er erinnerte an einen Gedanken von Bundespräsident Steinmeier: Jedem, der in einem Land leben will, müsse bewusst sein, dass die Geschichte dieses Landes die Geschichte „unser aller Gesellschaft und Bevölkerung ist“.
Für den Anlass sehr passende musikalische Einlagen mit geistlichen jüdischen Gesängen sorgte ein Ensemble um Hans-Joachim Liefke aus Lahnstein. Dekanin Renate Weigel verabschiedete die vielen Teilnehmenden mit dem Hinweis, dass Erinnern und Beten nur der Anfang seien, „dann kommt das Handeln“.
Pressemitteilung
Dekanat Nassauer Land
Mit Kerzen gedachte man den Opfern.
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