Allgemeine Berichte | 22.07.2021, 12:33 Uhr

Heimatministerin Ina Scharrenbach besucht Rheinbach und Swisttal

Ministerin macht Mut: „Jetzt räumen wir auf, dann bauen wir auf!“

Schnelle Hilfe für die von der Hochwasserkatastrophe Betroffenen zugesagt

Heimatministerin Ina Scharrenbach am Orbach in Odendorf. Foto: JOST
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Rheinbach/Swisttal. „Man kann das alles nicht in Worte fassen, selbst der Ausdruck ‚verheerend‘ trifft es nicht!“, gab Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) offen zu. Sie besuchte gemeinsam mit Landrat Sebastian Schuster (CDU) die Stadt Rheinbach und die Gemeinde Swisttal, um sich persönlich ein Bild von den Schadensereignissen im Zusammenhang mit dem Starkregen vom 14. und 15. Juli zu machen. Es müsse man für schnelle Hilfe sorgen und schauen, dass es keine Obdachlosen gebe. Auch die öffentliche Infrastruktur müsse wieder schnellstmöglich in Gang gebracht werden. Dazu gehören auch die beiden Rathäuser in Rheinbach und Ludendorf, die beide durch die Flutwelle im wahrsten Sinne des Wortes abgesoffen und derzeit nicht mehr nutzbar sind. „Die Bürger brauchen unbedingt eine Anlaufstelle für ihre Sorgen, Nöte und Probleme, die sie nun unweigerlich haben“, wusste Scharrenbach. Erfreulich sei es aber auch zu sehen, dass der Zusammenhalt in der Bevölkerung unglaublich hoch sei und dass auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfsorganisationen hervorragend funktioniere. Sie wolle dafür sorgen, dass die Hilfe so schnell wie möglich vor Ort ankomme: „Jetzt räumen wir auf, dann bauen wir auf, aber das wird dauern.“

Bilder vom Orbach machten fassungslos

Vor allem die Bilder vom Orbach in Odendorf machten die Ministerin fassungslos. Gemeinsam mit Landrat Schuster, Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner (CDU) und Kreisbrandinspektor Dirk Engstenberg lief sie die Orbachstraße entlang bis zur Brücke an der Odinstraße, wo sich das Wasser aufgrund des angestauten Unrats aufgestaut hatte und in die benachbarten Häuser vier Meter hoch eingedrungen war. Erst tags zuvor waren die Odendorfer wieder in ihre Häuser zurückgekehrt, nachdem sie mehrere Tage wegen des drohenden Dammbruchs an der Steinbachtal evakuiert worden waren. Darunter auch die stellvertretende CDU-Ortsverbandsvorsitzende Brigitte Hasselwanter, die in einem der am schwersten betroffenen Häuser wohnt und die Politiker-Delegation von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt begrüßte. Landrat Schuster fand tröstende Worte, und unter den interessierten Augen der umstehenden Betroffenen versprach die Ministerin schnelle Hilfe. „Die Menschen wünschen sich, dass sie in jeder Hinsicht von der Landesregierung unterstützt werden“, machte Bürgermeisterin Kalkbrenner der Ministerin klar, die ihrerseits mit einem festen: „Ja, sicher“ Hoffnung machte. An diesen Worten werde man sie messen, hieß es.

Kalkbrenner schilderte der Ministerin, wie sie den Katastrophenabend erlebt hatte. Schon am Nachmittag, den „Stab für außergewöhnliche Ereignisse“ (SAE) zusammengerufen. Zunächst im Ludendorfer Rathaus, doch als man merkte, dass dies zu sehr vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen werde, zog der SAE gleich um ins nahegelegene Feuerwehrgerätehaus. „Während wir wegfuhren, mussten wir mit anschauen, wie das Rathaus abgesoffen ist“, erinnerte sich Kalkbrenner. Die letzten Mitglieder des SAE seien von einem Unimog gerettet worden und hätten auf dem Weg ins Feuerwehrgerätehaus noch eine Person aus einem Auto und eine andere von einem Autodach gerettet, „da spielten sich dramatische Szenen ab“. Schnell zog man weiter ins Feuerwehrgerätehaus Miel, doch dort gab es weder Funk, noch Handyempfang oder Digitalfunk. Ohnehin habe die Gemeinde eine Reihe von Feuerwehrhäusern und Feuerwehrautos verloren, die genauen Verluste müssten erst noch ermittelt werden.

Komplett von der Außenwelt abgeschnitten

„Wir waren von der Außenwelt komplett abgeschnitten, deshalb mussten wir so schnell wie möglich zur Bundespolizei.“ Mit einem geländegängigen Auto fuhr die Bürgermeisterin dort hin, die rechten beiden Räder immer auf der Bordsteinkante, unterwegs ging der Wagen mehrfach aus, doch sie schafft es schließlich nach Heimerzheim. Mit einem Trupp vom THW fuhr sie wieder zurück ins Feuerwehrgerätehaus Miel, nicht ohne auf dem Weg dahin noch eine ganze Reihe von Menschen aus ihren Häusern zu retten. Doch mittlerweile war auch das Feuerwehrgerätehaus in Miel abgesoffen, sodass man den SAE weiter nach Buschhoven verlegte, wo es aber auch keinen Strom gab. Von da aus ging es weiter zur Bundespolizei, und mittlerweile hat das „Hauptquartier“ des SAE seine Zelte auf dem Zehnthofplatz in Odendorf aufgeschlagen. Dort arbeiten nun Gemeindeverwaltung, Freiwillige Feuerwehr, Rotes Kreuz, Polizei, Technisches Hilfswerk und Bundespolizei Hand in Hand, um die entstandenen Schäden so koordiniert wie möglich zu beseitigen. Erfreulicherweise beweise die Bevölkerung ein und unfassbar große Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen, sodass die Aufräumarbeiten recht gut vorangingen. Mittlerweile seien auch einige Mitarbeiter der Psychosozialen Notfallversorgung in Odendorf und Heimerzheim unterwegs, um den Menschen in ihrer verzweifelten Situation beizustehen. „Da wird man wahrscheinlich noch mehr Leute brauchen“, fürchtete Kalkbrenner, deren Haus selbst von den Fluten unter Wasser gesetzt wurde.

Zuvor hatten die Ministerin und der Landrat in Rheinbach die Einsatzzentrale in der Feuerwache im Brucknerweg besucht, wo sie von Bürgermeister Ludger Banken (parteilos), dem Ersten Beigeordneten Dr. Rafael Knauber und Fachbereichsleiterin Daniela Hoffmann begrüßt wurden. „Man hat bei der Katastrophe gesehen, wie abhängig man mittlerweile von der Technik ist“, schüttelte Knauber den Kopf. Man habe das zwar theoretisch schon gewusst, aber es dann selbst praktisch zu erleben, sei etwas völlig anderes. Vor allem das Fehlen jeglicher Informationen sei daher nicht nur in der Anfangszeit eines der größten Probleme gewesen, denn auch in Rheinbach waren sämtliche Kommunikationswege ausgefallen. So habe man mit „reitenden Boten“ Lageberichte ins Meckenheimer Rathaus geschickt und von dort wiederum Instruktionen mitgebracht.

Wertschätzung für die Kameraden der Hilfsorganisationen

„Wir freuen uns, dass die Ministerin her ist, denn das zeigt, dass sie uns nicht vergessen hat“, sagte Banken im Kreis der Feuerwehrkameraden, von denen jedoch während seiner Ansprache gleich ein Dutzend zum nächsten Einsatz mit der Drehleiter und einem Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug ausrückten. Elf Einsätze waren in dem Moment gerade aktuell abzuarbeiten, erfuhr die Ministerin im Lagezentrum vom stellvertretenden Wehrleiter Jörg Kirchhartz. Auch hier klappe die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr, Bundeswehr, Polizei, Technischem Hilfswerk, den Maltesern und der Stadtverwaltung hervorragend. Der Besuch der Ministerin zeige auch deren Wertschätzung für die Kameraden aus den verschiedenen Hilfsorganisationen, die einen phänomenalen Job geleistet hätten. „Es ist mir eine große Ehre, Ihnen heute Dank zu sagen“, bestätigte Scharrensbach. Sehr viele Bürger hätten in den vergangenen Tagen gemerkt, was der ehrenamtliche Dienst für die Gesellschaft überhaupt bedeute. „Es ist keine Selbstständigkeit, dass Menschen ihre Zeit und ihr eigenes Leben riskieren, um das Leben, das Hab und Gut anderer Menschen zu schützen und zu retten.“

Die Stadt hatte sogar im zweiten Obergeschoss des Feuerwehrgerätehauses ein „Ersatzrathaus“ in einem Besprechungszimmer eingerichtet. Mit zwölf Stühlen an zwei großen Tischen mit einigen Laptops, einem Drucker, einem Aktenschrank, einem Dutzend Postkörbchen und einem unglaublichen Kabelgewirr hält die Stadtspitze hier die Stellung, bis das „richtige“ Rathaus in der Schweigelstraße wieder einsatzbereit ist. Denn auch das war von den Fluten komplett außer Gefecht gesetzt worden, die Wiederherrichtung wird wohl Wochen dauern.

Irrwitzige Menge von Abfall zu beseitigen

Vordringlichste Aufgabe sei nun die Beseitigung einer irrwitzigen Menge von Abfall aller möglichen Art, wusste Banken. Der Müll und Schutt türme sich auf den provisorisch errichteten Mülllagerplätzen in der Stadt und in den Dörfern mittlerweile zu gigantischen Bergen auf. „Das ist aber ein vielschichtiges Problem, das auch nicht von heute auf morgen zu lösen ist“, wusste der Bürgermeister und hoffte auf Unterstützung aus Bonn. Zudem müsse schnellstmöglich die Stromversorgung für die Bevölkerung wiederhergestellt werden, aber auch das gehe nicht so schnell wie man sich das wünschen würde. Zwar seien die Mittelspannungsstationen wieder zu 85 Prozent in Betrieb, „doch jetzt beginnt der Häuserkampf“, so Banken, denn letztlich müsse praktisch jedes Haus begangen werden, um zu erkennen, ob das Wasser die Elektrik beschädigt habe und dadurch Kurzschlüsse und tödliche Stromschläge drohten. Derzeit sei eine Truppe von Westnetz unterwegs von Tür zu Tür, um nach dem Rechten zu schauen. Banken schätzte die Schäden durch die Sturzfluten allein in der Stadt Rheinbach auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Allein auf dem Campus der Hochschule belaufe sich der Schaden auf geschätzte 20 Millionen Euro, weil die mehrstöckigen Keller mit Labors und technischen Anlagen zerstört wurden.

Kirchhartz gab der Ministerin zum Schluss noch einen „Wunschzettel“ mit nach Düsseldorf: „Wir brauchen dringend Notstromaggregate, Wasserpumpen und Schmutzwasserpumpen, und das so schnell wie möglich.“

JOST

Heimatministerin Ina Scharrenbach am Orbach in Odendorf. Foto: JOST Foto: Volker Jost

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