Volles Haus bei bewegendem Vortrag von ehemaliger Dekanin im evangelischen Gemeindehaus Bad Ems
Mit Renate Weigel zu Fuß über den Balkan gepilgert
Bad Ems/Rhein-Lahn. Der Förderverein zur Sanierung der Kaiser-Wilhelm-Kirche hatte zu einem Vortrag über einen ungewöhnlichen Pilgerweg ins evangelische Gemeindehaus nach Bad Ems eingeladen.
Die ehemalige Dekanin Renate Weigel berichtete von ihrem Pilgerweg über den Balkan. Das Interesse war so groß, dass noch Stühle gestellt werden mussten. Renate Weigel war im vergangenen Frühjahr zu Fuß und allein durch Serbien, Kosovo und Nordmazedonien gelaufen als Teil des Jerusalemwegs, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Armin Himmighofen von der Haustür in Pohl aus schon im Jahr 2022 begonnen hatte. Die Referentin hatte für den Einstieg ein Haiku, einen japanischen Vers von Kobayashi Issa (1763-1827) gewählt: „Ja, kleine Schnecke. Besteige den Berg Fuji. Aber mach langsam.“ Die kleine Schnecke hatte sich etwas vorgenommen, was ihre Vorstellungskraft übersteigt. Aber sie legte los. „Jeder noch so großartige Weg besteht aus einzelnen Schritten. Ein Schritt ist nichts Besonderes. Er will gelaufen werden. Ganz ohne Trara“, sagte Weigel.
Für sie sei „die kleine Schnecke“ und ihr Weg zum Programm geworden. Und ab da nahm sie die Anwesenden mit auf den Weg über den Balkan, Schritt für Schritt. Es ging los im serbischen Novi Sad, tagelang im Regen. Mit Bildern und Geschichten führte sie die Besucherschar über Felder, durch Dörfer, über schwere, regennasse fruchtbare Böden, durch unwegsame Wälder, vorbei an Kirchen, Klöstern und Moscheen. Die Zuhörerschaft gewann Eindrücke von den großen Städten wie Belgrad (Serbien), Mitrovica, Pristina (Kosovo) und Skopje (Nordmazedonien). Mehr noch aber verzauberten die Bilder aus der stillen Natur oder aus dem Alltagsleben der Menschen. Weigel wollte in der Fremde Menschen begegnen, sie wahrnehmen, von ihnen lernen. Wie sie das im fremden Sprachraum bewerkstelligte, mal mit Englisch oder etwas Französisch, ein paar Worten Russisch, oft mit Händen und Füßen, wusste sie in vielen kleinen Geschichten lebendig und lebensnah zu erzählen.
Wann immer sie Hilfe brauchte, waren Helferinnen und Helfer zur Stelle. All diejenigen, die sie unterwegs unterstützten, hat sie in ihrem Pilgertagebuch mit einem Engelsflügel festgehalten und gekennzeichnet. „Das Büchlein ist voller Flügel!“, so die Pilgerin. Besonders merkte man ihr die innere Bewegtheit an, als sie von den Ostertagen erzählte, die sie in einer kleinen katholischen Gemeinde in einem Bergdorf im Kosovo verbringen und mitfeiern durfte. Sie war, auch wenn sie die Sprache nicht verstand, unter Geschwistern zuhause. Doch konnte sie auch in einem muslimischen Familienvater den Bruder erkennen.
Nicht zuletzt wurde an diesem Abend deutlich, wie Pilgern gehen kann, wie ein Tag beginnt und endet im Vertrauen auf Gott: „Du erfüllst den Raum“, sagte die Theologin und erinnerte, wie der Weg durchzogen und getragen war von Liedern, Bibeltexten und Gebet. Später sagte Weigel im Gespräch mit Besucherinnen: „Wenn ich die Nachrichten verfolge, könnte ich manchmal verzweifeln. Was soll nur aus uns Menschen werden?“. Seit ihrem Pilgerweg trage sie dazu ein Gegengewicht in sich. „Die Welt hat so viel Schönheit. Und es gibt überall gütige Menschen, die einfach teilen. Deshalb gebe ich uns nicht verloren.“ Ihr Vortrag wurde mit reichlich Beifall quittiert. Der Vorsitzende des Fördervereins Karl-Werner Köpper dankte der Referentin und der großen Gästeschar und freute sich über den rundum gelungenen Abend. Viele nahmen die Gelegenheit wahr und blieben noch zu Gespräch und Austausch. Häppchen und Wein waren von Mitgliedern des Vereins gestiftet; die Technik besorgte Jürgen Dötsch aus dem Kirchenvorstand.
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