Iranisch-israelische Gruppe „Sistanagila“ begeisterte in Puderbach
Musikalisches Freundschaftsprojekt
Junge Leute machen „nichts außer Musik und Liebe“
Puderbach. „Eigentlich machen wir nur Musik und Liebe“, sagen die jungen Leute von „Sistanagila“. Das wäre erst mal nichts Besonderes. Wenn es sich bei den vier Musikern und der Sängerin, die am Samstagabend im Alten Bahnhof Puderbach die Bühne füllten, nicht um angehörige extrem verfeindeter Staaten handeln würde: Iran und Israel! Und das ist dann auch schon, abgesehen von der sensationell stimmungs- und gefühlvollen Musik, die sie machen, ihre Botschaft: Unabhängig von der Politik ihrer Länder können sich Menschen vertragen und eine unglaublich gute Zeit miteinander verbringen.
„Dieses Projekt gibt es seit zehn Jahren“, sagen die Mitglieder von „Sistanagila“ in einer Spielpause im Alten Bahnhof. Man verständigt sich auf Englisch. Eher selten spielt die Gruppe in ländlichen Regionen. Berlin, Stuttgart, Hamburg, Frankfurt, Duisburg, Freiburg sind die um Puderbach herum liegenden Tourstationen in diesem Jahr. Nur durch die guten Kontakte von
Sabine und Martin Henn von der Projektgruppe Jugend, Kultur und Soziales in Puderbach war es überhaupt möglich, den Abstecher in den Westerwald zu ermöglichen.
„Uns geht es nicht darum, berühmt zu sein oder viel Geld zu verdienen. Uns ist wichtig, unsere Botschaft von Hoffnung zu verbreiten. „Eigentlich ist es nur ein kompliziertes politisches Verhältnis zwischen unseren Ländern“, sagt die iranische Sängerin. „Wir leben in einem Land mit einem verrückten Regime. Die Menschen wollen diese Regierung nicht mehr. Die Menschen im Iran haben überhaupt nichts gegen die Menschen in Israel. Das schlechte Verhältnis zwischen den beiden Ländern wird nur vom Regime gefördert. Und so entsteht in der Welt ein Bild vom Iran, wo alle Israel hassen. Aber das ist nicht die Wahrheit. Das wollen wir zeigen, indem wir friedlich miteinander Musik machen. Wir sind glücklich, zusammen zu sein und gemeinsam Musik zu machen! Wir sprechen alle dieselbe internationale Sprache, die Sprache der Liebe. Und die Sprache der Musik.“
Die israelischen und iranischen Musiker suchen mit ihren Liedern den Dialog. Getragen von jahrhundertealter jüdischer und iranischer Musiktradition, bedienen sie sich sowohl folkloristischer und religiöser Melodien aus Klezmer, sephardischer und persischer Musik als auch moderner und klassischer Kompositionen. Dem Publikum gefiel’s. Es wurde mitgewippt, geschnippt, geklatscht und gelacht. Der Applaus nach jedem Lied schien immer sagen zu wollen: Wir bewundern euch für eure Völkerverständigung und wir lieben euch für eure zu Herzen gehende Musik. Selbst ein virtuos vorgetragenes fünfminütiges Solo eines Mitglieds der Gruppe auf seiner Handtrommel ließ die Menschen im Alten Puderbacher Bahnhof andächtig lauschen. „Löst euch von dem, was die Politik oder die Religion von euch verlangen!“, sagt die Sängerin. Womit sie vielleicht nicht nur ihre Landsleute im Iran meint.
Dem außergewöhnlichen Konzert vorausgegangen war eine Gedenkstunde der Bürgerinitiative „Stolpersteine“ in der Ortsmitte von Puderbach. Am Platz, wo 1983 im Zusammenhang mit der Reichskristallnacht die Puderbacher jüdische Synagoge niedergebrannt wurde, hielten Bürgermeister Volker Mendel und Initiativen-Sprecher Martin Henn Ansprachen. Sabine Knorr-Henn trug Gedichte von Paul Celan vor. Martin Henn verglich das Schicksal der Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer mit der Situation der jüdischen Emigranten 1939 auf dem Passagierschiff St. Louis, die eine lange Irrfahrt hinter sich bringen musste, bis endlich Belgien die Genehmigung zum Anlegen erteilte. Geradezu komfortabel muss diese schlimme Reise aus heutiger Sicht erscheinen, wenn man sich die tödliche Gefahr ansieht, in die sich Bootsflüchtlinge aus Afrika heute begeben. „Wollen wir das?“ fragte Martin Henn, „dass die Situation von Flüchtlingen heute schlimmer ist als zur Zeit des Holocausts?“ Der Kommunalpolitiker Jochen Bülow sprach ebenfalls auf der Veranstaltung. Er wies darauf hin, dass wir uns fast schon wieder in einer Situation befinden, an die wir in früheren Gedenkveranstaltungen zwar erinnert haben, von der sich aber niemand vorstellen konnte, dass vergleichbare Zustände wieder möglich sein könnten.
Innerhalb der nächsten Monate will die Bürgerinitiative „Stolpersteine“ es schaffen, die noch fehlenden fünf Stolpersteine als Erinnerung an ermordete und vertriebene Puderbacher Juden an geeigneter Stelle zu platzieren. Gedacht ist an eine zentrale Stelle an der Kreuzung Hauptstraße/Steimeler Straße. Dort hat, sagt Sabine Knorr-Henn, das „Judenhaus“ in Puderbach gestanden.
Die iranische Sängerin gab auf Deutsch einige Erläuterungen zu den von ihr und ihrer Gruppe vorgetragenen Liedern.
Die Gruppe machte nach Auftritten in Berlin und Frankfurt Station in Puderbach, bevor es weitergeht nach Hamburg.
