Neulich als Einzige(r)
von Gregor Schürer
Neulich habe ich mal wieder gedacht: Bin ich eigentlich der Einzige? Und mich gefragt, ob es Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, genauso geht.
Ob Sie auch manchmal denken: Bin ich eigentlich…?
Die Einzige, die in Deutschland auf einer dreispurigen Autobahn rechts fährt.
Der Einzige, der die Kartons zusammenlegt oder zerreißt, bevor sie in die blaue Papiertonne kommen.
Die Einzige, die entgegenkommende Spaziergänger grüßt
oder ‚Guten Tag‘ sagt, wenn sie einen Raum betritt.
Der Einzige, der nicht mit dem Auto ins Dorf fährt und dort den Marktplatz zuparkt, anstatt mal ein paar Meter zu Fuß zu gehen.
Die Einzige, die die Tasche unaufgefordert vom Sitz nimmt, wenn sich der Zug füllt, damit ein Platz frei wird.
Der Einzige, der nicht mit Karte bezahlt und auch keine Punkte sammelt.
Die Einzige, die dem Kassierer bei einer Summe von 16,48 Euro den abgezählten Betrag von 21,50 Euro hinlegt und in ein ratloses Gesicht blickt.
Der Einzige, der nicht versteht, warum in der Tageszeitung der Sportteil und die Bunte Seite immer im selben Bogen sind und deshalb ein Ehepaar nie gleichzeitig die Zeitung lesen kann.
Die Einzige, die im Sommer die Straße und den Hof kehrt.
Der Einzige, der im Winter bei Schneefall oder Glätte räumt und streut.
Die Einzigen, die sich abends beim gemeinsamen Schauen der Nachrichten fragen, ob man eigentlich Psychopath, Kriegstreiber oder Narzisst sein muss, um ein hohes politisches Amt auszuüben.
Ich kann Sie beruhigen. Da fast alle von Ihnen gerade beim Lesen mehrfach den Kopf geschüttelt oder ein leises ‚Nein‘ vor sich hingemurmelt haben, wissen Sie - und das sollte uns alle trösten: Sie sind nicht die oder der Einzige.
Wir sind viele.
