Neulich im Fundbüro
von Gregor Schürer
Neulich war mit dem Intercity von Bremen nach Köln unterwegs. Fahrplanmäßig dauert das drei Stunden und drei Minuten. In Echtzeit dauert das meist deutlich länger. Unmittelbar nach dem Einsteigen, nachmittags nach 16 Uhr, kommt ein Zugbegleiter und bietet Heißgetränke zum Verkauf an, es ist schließlich Kaffeezeit. Später lässt sich niemand mehr sehen, auf der ganzen Strecke kein Personal in Sicht.
Als ich kurz vor dem Aussteigen in der Domstadt meine Sachen zusammenpacke, entdecke ich unter dem Sitz vor mir eine weiße Computermaus. Ich halte sie hoch und frage laut in die Runde, ob sie jemand vermisst, Fehlanzeige. Eigentlich würde ich das Fundstück gerne dem Zugpersonal übergeben. Wenn aber weit und breit keines da ist, geht das nicht. Also nehme ich die Maus mit.
Durch die Verspätung habe ich im Kölner Hauptbahnhof keine Zeit mehr, das Fundbüro der Deutschen Bahn zu suchen, sondern muss im Laufschritt die Treppen erst runter und wieder hochlaufen, um meinen Regionalexpress noch zu kriegen. Kein Problem, denke ich, es gibt ja in Bad Neuenahr auch einen Bahnhof mit Reisecenter.
Tags darauf bin ich in der Kreisstadt. Und ich habe doppeltes Glück: Erstens ist das Reisezentrum geöffnet, zweitens ist niemand vor mir, ich komme direkt dran.
Meinen Wunsch, das Fundstück abzugeben, kann mir die freundliche Dame hinter dem Tresen aber trotzdem nicht erfüllen. Denn es gibt keinerlei Postaustausch nach Koblenz oder Bonn, physisch wird nichts mehr befördert, alles erfolgt online. Sie gibt mir den Rat, Fundsachen in Zukunft einfach liegen zu lassen. An der Endstation ginge eine Putzkolonne durch den Zug und würde alles einsammeln.
Kopfschüttelnd verlasse ich den Neuenahrer Bahnhof und frage erst mich selbst und jetzt Sie, liebe LeserInnen: Würden Sie beispielsweise ein mit Geld und Papieren gefülltes Portemonnaie, das Sie im Zug finden, einfach liegen lassen?
Den Gedanken, meine Fundsache im Rathaus Bad Neuenahr abzugeben, verwerfe ich. Also bleibt die weiße Maus noch ein paar Tage bei mir.
Bei meiner nächsten Fahrt nach Köln nehme ich mir dann die Zeit, sie im DB Reisezentrum des Hauptbahnhofs abzugeben, höchstpersönlich und vollkommen offline.
