Neulich in der nackten Kirche
von Gregor Schürer
Neulich bin ich in der nackten Kirche gewesen. Nein, nicht in St. Laurentius in Ahrweiler. In der Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr. Ich war zu Fuß in der Stadt unterwegs und stand da, wo früher die Kurgartenbrücke war. Sah rechts das Steigenberger-Hotel, das in neuem Glanz erstrahlte. Sah links das Kurhaus, das in neuem Glanz erstrahlte. Drehte mich und sah, dass die Türen der Martin-Luther-Kirche offen standen. Also betrat ich das evangelische Gotteshaus, in der unsere beiden Kinder konfirmiert wurden und stand nach wenigen Metern vor einem Bauzaun. Im Kirchenschiff Leere, der Fußboden aufgerissen, überall Staub . Nur das Kreuz erinnerte an ein Gotteshaus. Im Juli sind seit der Flut fünf Jahre vergangen und diese Kirche ist wirklich nackt.
Gleich dazu gesagt, kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Die evangelische Kirchengemeinde tut, was sie kann. Behilft sich mit der kleinen Friedenskirche in Ahrweiler, die bei anderen Glaubensgemeinschaften gerade mal als Kapelle durchging. Und mit einem multifunktionalen Gemeindehaus in Bad Neuenahr, wo eben seit der Katastrophe die Gottesdienste und mehr stattfinden.
Die katholische Kirche hat zwar mit St.Pius ein Gotteshaus verloren. Die beiden anderen, großen Kirchen, St. Laurentius in Ahrweiler und die Rosenkranzkirche in Bad Neuenahr, erstrahlen aber, siehe oben, in neuem Glanz.
Da nimmt es schon Wunder, wenn nun Kritik an der mangelnden Ausstattung der Laurentiuskirche aufkommt, die Atmosphäre als kalt und kühl bezeichnet wird. Ich habe sie mir nach der Wiedereröffnung angesehen und fand sie hell, freundlich und prunkvoll genug. Das ist Jammern auf ziemlich hohem Niveau. Ich empfehle zum einen Solidarität mit den evangelischen Christen, zum zweiten einen Besuch in der nackten Martin-Luther-Kirche und drittens einen Blick in die Heilige Schrift: Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig (1 Petrus 3:8).
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