Anti-Kriegstag des DGB
„Nie wieder!“
Joachim Hennig berichtete über im Zweiten Weltkrieg Verfolgte in Bendorf und Umgebung
Bendorf. Der Deutsche Gewerkschaftsbund in Bendorf erinnerte auch an diesem 1. September – dem Anti-Kriegstag – an die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Hitler vor 77 Jahren im Jahr 1939. In Kooperation mit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Mülhofen/Engers, den Senioren der IG Bergbau, Chemie und Energie sowie dem Förderkreis Geschichte der Bendorfer Arbeiterbewegung und ihrer Gewerkschaften war Joachim Hennig, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V. zu einem Vortrag eingeladen.
In der gut besuchten Veranstaltung referierte Hennig über „Verfolgung und Widerstand im heutigen nördlichen Rheinland-Pfalz 1933-1945“. Dabei spannte er den historischen Bogen vom ersten Weltkrieg, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, über die erste deutsche Demokratie, einer „Demokratie ohne Demokraten“, bis zum aufkommenden Nationalsozialismus. Hennig machte deutlich, dass die Politik Hitlers von vornherein auf einen neuen Krieg angelegt war und die Kommunisten zu Recht sehr früh, aber vergeblich warnten: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“.
Verfolgung von Kommnuisten und Sozialdemokreten
Diese Entwicklung ging einher mit der Demontage des Rechtsstaats und der Bürgerrechte sowie der Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner. Wie der Referent anhand von Beispielen aus Koblenz und Umgebung illustrierte, bekämpften die Nazis von Anfang an „die Marxisten“, zu denen sie Kommunisten und Sozialdemokraten gleichermaßen rechneten. Einen Unterschied machten die Nazis nur insoweit, als sie die Kommunisten noch unerbittlicher und radikaler als die Sozialdemokraten verfolgten und die Kommunisten, die weiterhin aktiven Widerstand leisteten, noch länger verfolgten.
Als ein Beispiel aus der frühen Zeit nannte Hennig das Schicksal des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Klaus Thielen aus St. Sebastian/Vallendar. Thielen wurde von seiner Partei aus dem Saargebiet, in das er nach dem Reichstagsbrand geflüchtet war, nach Deutschland zurückbeordert. Schon beim ersten konspirativen Treff verhaftete ihn die Polizei. Der Volksgerichtshof in Berlin verurteilte ihn wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 15 Jahren Zuchthaus. 1943 verschleppte man ihn in das österreichische Konzentrationslager Mauthausen (die Häftlinge nannten es „Mordhausen“). Dort kam er wenige Monate später unter ungeklärten Umständen ums Leben.
Bendorfer Schulleiter wurde in Zuchthaus und KZ gesteckt
In das Saargebiet, das damals noch unter der Verwaltung des Völkerbunds stand, flüchtete auch der Bendorfer Gewerkschafter und SPD-Mann Ernst Rebber. Als zu ihm eine Gruppe Bendorfer Sozialdemokraten und Gewerkschafter weiter Kontakte hielt und Informationen nach dort und illegale Flugschriften und Bücher nach hier brachte, wurde sie entdeckt. Der zuvor aus dem Dienst entfernte Schulleiter der Bendorfer Bürgerschule Dr. Johannes Bauer und Anton Gelhard II und I sowie die Frau von Gelhard I wurden deswegen zu bis zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach der Strafverbüßung kamen die Männer nicht frei, sondern wurden ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.
Verfolgte Schönstätter
Die regionale Widerstands- und Verfolgungsgeschichte schilderte Hennig immer wieder anhand von Schicksalen gerade auch aus Bendorf und Umgebung. Die Ernsten Bibelforscher, wie die Zeugen Jehovas damals hießen, waren allein wegen ihres Glaubens und ihrer Missionierung (wie heute) von Anfang an ins Fadenkreuz der Nazis geraten. Viele von ihnen, wie die Eheleute Michaelis aus Neuwied, wurden deshalb – immer strenger – von den Gerichten bestraft. Fritz Michaelis kam nach einer längeren Gefängnisstrafe nicht frei, sondern wurde aus der Haft sogleich ins Konzentrationslager Dachau überführt. Dort kam er bald um.
Einer schon früh beginnenden strengen Beobachtung und dann auch harten Verfolgung waren die Mitglieder der Schönstatt-Bewegung in Vallendar-Schönstatt ausgesetzt. Mehrere Patres – wie auch drei Frauen der Bewegung – waren jahrelang in Konzentrationslagern inhaftiert. Pater Franz Reinisch, der bei seiner Einberufung zum Wehrdienst den Treueid auf Hitler persönlich verweigerte („Einem Verbrecher wie Hitler leistet man keinen Eid“) wurde sogar vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Für Pater Reinisch wie auch für den Gründer der Schönstatt-.Bewegung Pater Josef Kentenich läuft zurzeit ein Seligsprechungsverfahren.
Am Beispiel von Pater Reinisch machte Hennig deutlich, dass der Zweite Weltkrieg einen markanten Einschnitt in der Verfolgung brachte. Damit änderte sich nicht die Richtung der Verfolgung, sondern vielmehr deren „Konsequenz“, Radikalität und Brutalität. Waren zuvor – so Hennig – die Toten die Ausnahme, so waren jetzt (gleichsam) die Überlebenden die Ausnahme.
Mord und Sterilisation von Kranken, Juden und Gefangenen
Das zeigt auch das Schicksal des Bendorfers Gerd Wiegand. Nach dem Abitur und dem gescheiterten Einstieg in einen Beruf wurde er offensichtlich schizophren. Die Krankheit verlief in Schüben, wiederholt war Gerd in der Heil- und Pflegeanstalt Andernach. Im Jahr 1934 wurde er von der Anstalt zur Sterilisation gemeldet und dann – nachdem er geflohen und wieder aufgegriffen wurde – zwangsweise unfruchtbar gemacht. Zu Beginn des Krieges, als er wieder einmal in Andernach war, meldete ihn die Anstalt für die NS-“Euthanasie“-Aktion T-4. Daraufhin wurde er mit anderen Patienten aus Andernach in die Anstalt Hadamar bei Limburg „verlegt“ und dort am selben Tag mit Giftgas ermordet.
Mit Giftgas – in den Vernichtungslagern im Osten – wurden auch Juden aus Bendorf und Umgebung ermordet. Nachdem sie ausgegrenzt, diffamiert, entrechtet und verfolgt worden waren, wurden sie ab dem 22. März 1942 in den Osten deportiert und dort mit Giftgas ermordet. Hierbei erwähnte Hennig vor allem die Patienten der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt (Bendorf-)Sayn und als bekanntesten Patienten den expressionistischen Dichter („Weltende“) Jakob van Hoddis.
Mit unerbittlicher Härte gingen die Nazis auch gegen die Zwangsarbeiter vor, die sie im Zuge des Zweiten Weltkrieges aus den überfallenen Ländern rekrutierten und zur Arbeit im „Altreich“ brachten. Insbesondere war deren Umgang mit Deutschen verboten. Auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen sexuellen Kontakt stand die Todesstrafe. Wegen eines solchen angeblichen Kontakts wurde auch der polnische Zwangsarbeiter Franciszek Matczak von der Gestapo Koblenz in einer Kiesgrube im Engerser Feld mit einem fahrbaren Galgen ermordet.
Auch die „eigenen Leute“ wurden gnadenlos verfolgt
Die Gegner der Nazis waren nicht einmal im Ausland vor Verfolgung sicher. Der Bendorfer Johann Clemen, der als Kommunist schon früh in „Schutzhaft“ kam, war über das Saargebiet nach Paris geflohen und hatte dort für seine Familie und sich sogar eine kleine Existenz aufgebaut. Nach der Besetzung des nördlichen Teils von Frankreich nahm der Sicherheitsdienst der SS (SD) ihn fest, verschleppte ihn nach Koblenz und brachte ihn dann ins KZ Buchenwald. Hatten die Nazis und ihre vielen, viel zu vielen Helfer zunächst „nur“ Menschen verfolgt, weil sie als Mitglied einer Gruppe anders waren als sie sich „die Arier“ vorstellten, so konnte gegen Kriegsende jeder in diese Verfolgung geraten, der nicht mehr an den „Endsieg“ glaubte. So ist es der Bendorferin Gertrud Roos passiert. Sie hatte einer „guten Freundin“ erzählt, dass sie in einem ausländischen Sender gehört habe, dass der Krieg für Deutschland verloren sei. Daraufhin wurde sie denunziert und kam in Gestapohaft. Ihr gelang es, die Geschichte dahin umher zu erzählen, sie habe diese Informationen von einem fremden Mann in der Straßenbahn gehört. Daraufhin kam sie ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück und musste dort Zwangsarbeit leisten. Als der Krieg zu Ende war, wurde sie befreit. Befreit wurden unter anderem auch die Häftlinge des KZ Buchenwald. Unter ihnen waren die Bendorfer Sozialdemokraten Bauer, Gelhard I und II und der Kommunist Clemen. Sie schworen mit 21.000 auf dem Appellplatz versammelten überlebenden Kameraden für ihre 60.000 toten Kameraden den „Schwur von Buchenwald“: „Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“
Beeindruckt von diesem Schwur und mit Blick auf die immer brutaler und gesellschaftsfähiger werdenden Neonazis und „Wutbürger“ waren sich die Besucher der Veranstaltung einig: „Nie wieder!“
Pater Reinisch von der Schönstatt-Bewegung wurde hingerichtet.
Neben vielen anderen wurden auch Sozialdemokraten der Region verfolgt. Joachim Hennig kennt viele ihrer persönlichen Schicksale. Fotos: privat
