Komplett erhaltenes Skelett eines Menschen aus der Jungsteinzeit in Rheinbach gefunden
„Ötzi“ vom Rheinland ist ein Glücksfall
Bei Erschließungsarbeiten im Gewerbegebiet „Wolbersacker“ fanden Archäologen das 4500 Jahre alte Grab eines Menschen aus der Zeit der Schnurkeramik mit Grabbeigaben
Rheinbach. Auch Rheinbach hat jetzt einen „Ötzi“. Denn es war eine echte wissenschaftliche Sensation, die bei Erschließungsarbeiten im Gewerbegebiet „Wolbersacker“ in Rheinbach zum Vorschein kam. Vor ziemlich genau einem Jahr, im Januar 2018, entdeckten dort Archäologen ein menschliches Skelett, und zwar ein ganz besonderes. Sein Alter wird nämlich auf mehr als 4500 Jahre geschätzt – ein absoluter Glücksfall, denn nach Aussagen von Experten handelt es sich um das allererste erhaltene Skelett im Rheinland aus der Zeit um 2800 bis 2200 vor Christus. Mithin handelt es sich um einen Menschen aus der Jungsteinzeit, welcher der schnurkeramischen Kultur angehörte. Ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, ist bislang noch nicht geklärt. Spätestens im kommenden Jahr soll das aber geklärt sein, denn dann soll der archäologische Fund in einer Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn gezeigt werden.
Verstorbener wurde in Hockstellung bestattet
In einem Internet-Blog auf der Seite des LVR-LandesMuseums Bonn hat Susanne Domke, eine wissenschaftliche Volontärin in den Restaurierungswerkstätten die Geschichte des Fundes nachgezeichnet. Demnach hat der Archäologe Dr. Martin Heinen von der Grabungsfirma Arthemus GmbH (Frechen) das Skelett entdeckt, er habe zuvor schon einige herausragende Objekte ausgegraben, wenn niemand mehr damit rechnete. So fiel ihm auch im Januar 2018 bei Voruntersuchungen für die Erschließung des Industriegebiets „Wolbersacker“ eine Stelle auf, an der er einen Fund vermutete. Kurz darauf legte er mit seinem Team ein Grab mit sterblichen Überresten frei. Die verstorbene Person wurde in Hockstellung bestattet, also seitlich liegend mit angewinkelten Beinen. Diese Bestattungsart sowie ein Becher und zwei Steinwerkzeuge als Grabbeigaben machten schnell klar, dass es sich um einen verstorbenen Menschen aus der Zeit der Schnurkeramik handeln muss.
Namensgebend für die schnurkeramische Kultur sind linienförmige Gefäßverzierungen, die beispielsweise durch das Eindrücken von Schnüren in den feuchten Ton erzeugt wurden. Die Menschen der schnurkeramischen Zeit lebten zwischen 2800 und 2150 vor Christus und gehörten damit den Becherkulturen der Jungsteinzeit an. Nach allem, was man weiß, waren sie sesshaft, betrieben Viehzucht und Ackerbau. Außerdem begannen sie, mit Kupfer zu experimentieren und schufen damit die Grundlage der Metallverarbeitung. Damit steht die schnurkeramische Kultur zeitlich an der Schwelle von der Steinzeit zur Bronzezeit.
Einst existierte dort eine große Siedlung
Die für solche Bodenfunde zuständige Außenstelle des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland beschloss, das Skelett zu erhalten und veranlassten die Bergung und den Transport ins LVR-LandesMuseum Bonn. Schon im Winter 2004/2005 wurden in direkter Nachbarschaft des heutigen Fundes und an vielen anderen Stellen im Rheinbacher Gewerbegebiet Siedlungsreste aus vergangener Zeit festgestellt. Deshalb weiß man heute, dass auf dem Areal des Gewerbegebietes einst eine große Siedlung existierte. Verfärbungen und Spuren vergangener Pfosten und Wände zeigen, dass hier während der Kultur der Bandkeramik im Zeitraum zwischen 5300 und 4900 vor Christus mindestens 30 Häuser gestanden haben. Wie bei der Kultur der Schnurkeramik leitet sich die Bezeichnung Bandkeramik von Mustern ab, mit denen die Menschen damals ihre Gefäße verzierten. Die Zeiten der Bandkeramik und die der Becherkulturen, zu der die Schnurkeramik gehört, liegen demnach mehr als 2000 Jahre auseinander. Anhand der Becherformen, den Verzierungen und Bestattungsriten können Archäologen die Funde zeitlich einordnen.
Da man zuvor schon eine Reihe von Befunden der bandkeramischen Kultur und einige wenige der späten Bronze- und Eisenzeit im „Wolbersacker“ ausgegraben hatte, war ein weiterer Befund also nicht ganz unerwartet. Völlig überrascht war das Ausgrabungsteam jedoch, als man auf die Überreste der schnurkeramischen Bestattung stieß, denn die hatte niemand an dieser Stelle erwartet. Zunächst kam ein komplett erhaltener schnurkeramischer Becher zum Vorschein, der in diesem Erhaltungszustand eigentlich nur in einem Grab vorstellbar war. Von diesem Zeitpunkt an wurde noch vorsichtiger als bisher mit der Kelle weitergesucht. „Schon nach wenigen Zentimetern stießen wir völlig überraschend auf erste Knochen“, erinnert sich Dr. Heinen. „Die weiteren Arbeiten mit noch feineren Werkzeugen wie Stukkateureisen, Zahnarztbesteck und Pinseln führten dann zur Freilegung des fast vollständigen schnurkeramischen Skeletts. Von der heutigen Oberfläche aus betrachtet lag es etwa in einem Meter Tiefe.“
Ein einmaliger Fund für das gesamte Rheinland
Nach seiner Ansicht ist dieses Grab ein ganz besonderer Glücksfall. Zum einen, weil Hinterlassenschaften aus der Zeit der schnurkeramischen Bauern im Rheinland bislang äußerst selten sind. Zum anderen, weil hier erstmals eine Bestattung mit Knochenerhaltung aus dieser Zeit in den rheinischen Lössbörden entdeckt wurde. Normalerweise vergehen Knochen nach wenigen Jahrhunderten in den im Rheinland vorkommenden sauren Lehmböden. Nur der Tatsache, dass das Grab bis knapp an die Grenze des tieferliegenden kalkhaltigen Lösses eingetieft war, habe man die überraschend gute Erhaltung der Knochen zu verdanken. Gleichzeitig habe die Tiefe der Grabgrube dazu beigetragen, dass die Bestattung nicht dem Ackerbau zum Opfer gefallen ist. Die Archäologen sind sich also sicher, alle Beigaben aus nichtorganischen Materialien erfasst zu haben. Ob dem oder der darüber hinaus Objekte aus organischem Material für die Reise ins Jenseits mitgegeben wurden, lässt sich nicht beantworten. „Wenn es sie gab, sind sie bis heute längst vergangen“, so Dr. Heinen weiter.
Da der Grabbefund für das Rheinland in seiner Erhaltung und Seltenheit einzigartig ist, entschied sich das LVR-LandesMuseums Bonn, das Grab komplett zu bergen, um es in einer neu konzipierten Dauerausstellung präsentieren zu können. Das Skelett wurde daher vorsichtig im Block geborgen, das heißt samt dem umgebenden Erdreich, in das es eingebettet war. Somit können auch alle Befundzusammenhänge gewahrt bleiben. Die „Bestattung im Block“ erreichte somit die Museumswerkstätten für die weitere Bearbeitung exakt so, wie sie im Erdreich vorgefunden wurde. So wurde das schnurkeramische Skelett auf einem etwa 1,4 mal 0,7 Meter großen Erdblock liegend geborgen.
Hinweise auf die verstorbene Person werden gesucht
Weil der Fund einmalig für das Rheinland und das Knochenmaterial in vergleichsweise gutem Zustand ist, waren sich die Verantwortlichen schnell einig, Untersuchungen in die Wege zu leiten, die Hinweise auf die verstorbene Person selbst, ihre Lebensgewohnheiten und ihre Umgebung liefern können. Da die Grabung in Rheinbach in den Aufgabenbereich der Außenstelle Overath des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland fiel, empfahl Dr. Erich Claßen als Leiter der Institution, Untersuchungen der Anthropologie, Isotopie und DNA vorzunehmen.
Eine anthropologische Untersuchung beschreibt und interpretiert biologische Merkmale wie die Knochenlänge oder den Zahnstand. Sie lässt Rückschlüsse auf Alter, Größe, Geschlecht, Gesundheitszustand und manchmal auch auf die Tätigkeiten und Essgewohnheiten der verstorbenen Person zu. Die Untersuchung der Isotopie verschiedener Elemente kann Informationen zur Herkunft und zu den Aufenthaltsorten der verstorbenen Person liefern. Wenn sich noch Zähne erhalten haben, steigt die Chance, auch die Genetik des Individuums untersuchen zu können, das heißt, seine DNA zu entschlüsseln. Zähne schützen unsere DNA, denn der Zahnschmelz, der sie umgibt, ist das härteste Material unseres Körpers. Selbst wenn die DNA in den Knochen längst vergangen ist, kann sie durch den Schutz des Zahnschmelzes noch in den Zähnen vorhanden sein – auch nach mehreren tausend Jahren in der Erde. Wenn sie sich extrahieren lässt, könnte sie zum Beispiel mit der DNA bereits untersuchter Individuen verglichen werden und über Verwandtschaftsverhältnisse oder Gruppenzugehörigkeiten informieren.
Backenzahn lag in der Augenhöhle
Die Knochensubstanz des Menschen aus der Schnurkeramik ist noch ausreichend gut erhalten, um Untersuchungen zur Anthropologie und Isotopie durchführen zu können. Obwohl die rechte Hälfte des Schädels nicht mehr erhalten ist, tauchte bei der Freilegung ein Teil des Unterkiefers mit einigen Zähnen auf. Sogar zwei Backenzähne ließen sich finden. Überraschenderweise jedoch nicht im Kiefer, sondern in der Augenhöhle und rechts neben dem Schädel. Mit diesen Zähnen steigt die Chance, auch die DNA des Individuums untersuchen zu können. Es bleibt also spannend: Wer ist die Person aus der Kultur der Schnurkeramik und was erzählt sie uns von sich und ihrem Lebensraum? Die Wissenschaftler hoffen, schon bald nähere Auskünfte darüber geben zu können.
JOST
Das Wissenschaftler- und Archäologenteam des LVR-Landesmuseums Bonn hatte das Skelett, hier im Vordergrund, freigelegt (von links): Christian Cremer, Sarah Hillebrand, Dr. Martin Heinen, Ute Knipprath, Regine Vogel, Dr. Ralf Schmitz und Claudia Holtschneider, im Vordergrund das freigelegte Skelett. Foto: Jürgen Vogel/LandesMuseum Bonn
Eine der drei Grabbeigaben ist ein linienförmig verzierter Becher aus der Zeit der Schnurkeramik. Foto: Jürgen Vogel/LandesMuseum Bonn
