LVR-LandesMuseum in Bonn stellt herausragende Funde aus 2018 vor
„Ötzi von Rheinbach“ war wahrscheinlich ein Mann zwischen zwei Kulturen
Archäologen und Paläontologen präsentierten erste Forschungsergebnisse im LVR-Landesmuseum in Bonn – Zwischen Schnurkeramik- und Glockenbecher-Kultur – 7000 Jahre alte Siedlung in Rheinbach gefunden
Rheinbach/Bonn. Archäologie und Paläontologie präsentieren jetzt die neuesten Forschungsergebnisse sowie eine Vielzahl von herausragenden Funden aus dem Jahr 2018 im LVR-Landesmuseum in Bonn. Eine herausgehobene Stellung hat dabei der Fund eines 4500 Jahre alten Leichnams in Rheinbach im Gewerbegebiet „Wolbersacker“, über die wir in unserer letzten Ausgabe berichteten. Mittlerweile scheint zumindest klar zu sein, dass „der Ötzi von Rheinbach“ ein Mann war, wie Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland, dem „Blick aktuell“ erklärte. Mittlerweile weiß man schon etwas mehr über den Menschen aus der Jungsteinzeit, der dort in Hockstellung begraben wurde.
Etwa 450 Fachleute waren zum 15. archäologischen Jahresrückblick ins LVR-Landesmuseum Bonn gekommen, wo die wichtigsten archäologischen Entdeckungen des vergangenen Jahres noch einmal vorgestellt wurden. „In einem archäologischen Rekordjahr mit weit mehr als 500 archäologischen Maßnahmen im Rheinland konnten gleich an mehreren Orten Siedlungen der frühesten Bauern untersucht werden“, berichtete Claßen. Neben Erkelenz-Borschemich und Erftstadt-Blessem sei hier vor allem Rheinbach zu nennen. Die Funde ergänzten die Kenntnisse über das vor rund 7000 Jahren schon erstaunlich dichte Siedlungsbild in der Region. Typisch für diese Ansiedlungen seien Langhäuser, aber auch Brunnen und Umzäunungen wie in Rheinbach. Charakteristische Funde dieser ersten jungsteinzeitlichen Gesellschaft Mitteleuropas seien bandverzierte Keramikgefäße und Steinbeile.
Hockerbestattung mit dem Kopf nach Norden
Eine Rarität im Rheinland sei jedoch eine „Hockerbestattung“ aus der späten Jungsteinzeit, die in Rheinbach entdeckt wurde. „Die Beisetzung in Hockerlage – seitlich mit angewinkelten Armen und Beinen – und das beigegebene Gefäß mit der horizontal umlaufenden Verzierung sind typisch für die sogenannten Becherkulturen vor etwa 4500 Jahren“, erklärte Claßen. Weitere Beigaben seien eine flächenretuschierte Klinge und ein messerartiger Abschlag aus Feuerstein. Dass es sich wohl um einen Mann handelt, habe man an der Lage des Skelettes abgeleitet, so Claßen.
Bei den Bestatteten habe es sich wohl um einen Menschen zwischen zwei Kulturen behandelt, nämlich zwischen der Schnurkeramik-Kultur und der Glockenbecher-Kultur, erläuterte Classen. Die beiden Kulturen seien zur damaligen Zeit weitgehend friedlich miteinander in Kontakt gewesen. Der Tonbecher als Grabbeigabe weise zwar eine Schnurkeramik-Verzierung auf, habe aber zugleich die Glockenbecher-Form. Die Himmelsrichtung, in der er bestattet wurde, lasse ebenfalls auf die Glockenbecher-Kultur schließen.
Zwischen Schnurkeramik und Glockenbecher
Die beiden Kulturen hätten nämlich ihre Toten unterschiedlich behandelt: Während die „Schnurkeramiker“ ihre Toten in Ost-West-Richtung beerdigen, hätten dies die Angehörigen der „Glockenbecher“-Kultur in Nord-Südrichtung getan. Dieser Leichnam habe in Nord-Südrichtung gelegen. Nach den bisherigen Erkenntnissen seien die männlichen Toten der Glockenbecher-Kultur mit dem Kopf nach Norden und die weiblichen Toten mit dem Kopf nach Süden beerdigt worden. Da in diesem Fall der Kopf nach Norden zeigte, geht man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich um einen Mann handelt. Definitiv könne man das aber erst sagen, wenn die anthropologische Untersuchung abgeschlossen sei und auch die DNA-Analyse vorliege.
Doch in direkter Nachbarschaft fanden die Archäologen eine noch viel ältere menschliche Siedlung. Im Rheinland begannen die Menschen vor etwa 7300 Jahren damit, Felder zu bestellen, Tiere zu halten und dauerhaft in festen Häusern zu wohnen. Aus dieser Zeit der ersten Bauern habe man im Zusammenhang mit der Errichtung des DHL-Logistikzentrums bei Rheinbach eine große Siedlung nicht weit vom Fundort des „Ötzi von Rheinbach“ ausgraben können. Überliefert seien dort unter anderem die Grundrisse von mindestens 25 Hausstandorten, ein Brunnen, ein die Siedlung teilweise umgebender Zaun sowie das typische Fundmaterial der „Bandkeramik“, der ersten Jungsteinzeitlichen Gesellschaft Mitteleuropas: Tongefäße mit den namensgebenden, bandförmig umlaufenden Verzierungen, Querbeilklingen zur Holzbearbeitung, Klingen aus Feuerstein, die als Einsätze in Sicheln genutzt wurden, sowie Mahlsteine zur Verarbeitung des geernteten Getreides. Weitere Untersuchungen sollen es ermöglichen, die Landschaftsnutzung vor rund 7000 Jahren zu rekonstruieren. Schon jetzt ergänzte der Fundplatz das Bild der ersten bäuerlichen Besiedlung der Gegend.
Frühmittelalterliche Siedlung in Meckenheim gefunden
Aber auch in Meckenheim sei ein Grabungsteam auf frühmittelalterliche Bestattungen und mehrere Hausbefunde der wohl zugehörigen Siedlung gestoßen. Ein seltener Fall, denn meist seien nur die Gräber zu finden, weshalb solchen Fundplätzen besondere Bedeutung zukommt. Die schon kurz nach der Beisetzung beraubten Bestattungen enthielten jedoch nur noch wenige Beigaben aus der späten Merowingerzeit zwischen 650 und 700 nach Christus.
Wer sich die herausragenden Funde des Jahres 2018 einmal aus der Nähe anschauen möchte, kann dies noch bis zum 18. März im LVR-Landesmuseum Bonn in der Colmantstraße 14-16 machen. Dort hat der Fund aus Rheinbach eine eigene Vitrine, in dem sämtliche Grabbeigaben sowie die Funde aus der noch früheren Jungsteinzeitlichen Siedlung ausgestellt sind. Dahinter zeigt eine Informationstafel die Fundsituation mit dem Skelett im „Wolbersacker“. Die Öffnungszeiten: dienstags bis freitags und sonntags elf bis 18 Uhr, samstags 13 bis 18 Uhr. Weiberfastnacht geschlossen.
JOST
Eine eigene Vitrine im LVR-Landesmuseum Bonn zeigt die Funde aus Rheinbach, die auf großes Interesse der Besucher stoßen. Foto: Volker Jost
Mit diesem Grabbeigaben wurde der „Ötzi von Rheinbach“ bestattet, auch sie sind im LVR-Landesmuseum Bonn noch bis zum 18. März in einer eigenen Vitrine ausgestellt. Foto: Volker Jost
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