Allgemeine Berichte | 02.01.2026

Dr. Astrid Lueg, Internistin, Geschäftsführerin und Mitbegründerin des SAPV-Teams Rhein-Erft, Bonn, Euskirchen im Gespräch mit BLICK aktuell

Palliativmedizin: Ein Tabuthema oder gehört es zu unserem Leben dazu?

Dr. Astrid Lueg und Pflegeteamleiterin Anthonia Maletzki bereiten sich auf die tägliche Frühbesprechung vor. Foto: BV

Region. Philipp Dörings Dokumentarfilm „Palliativstation“ feierte unlängst Premiere bei der Berlinale und machte damit auf das wichtige Thema Palliativmedizin aufmerksam. Insgesamt vier Stunden lang teilte er seine Beobachtungen einer Welt, in dem der nahende Tod zum täglichen Leben gehört. Er begleitete Menschen auf der Palliativstation des Franziskus-Krankenhaus in Berlin, wobei er auf Interviews verzichtet und vielmehr Bilder und Situationen sprechen lässt.

Für uns Grund genug, um einmal die sensible und vielseitige Arbeit eins SAPV-Teams zu beleuchten und zu hinterfragen.

Frau Dr. Astrid Lueg, Internistin, Geschäftsführerin und Mitbegründerin des SAPV-Teams Rhein-Erft, Bonn, Euskirchen hat sich bereit erklärt, uns einige Fragen zu diesem sensiblen Thema und ihre damit verbundene Arbeit zu beantworten.

In dem Film von Philipp Döring geht es um eine Palliativstation, Sie nennen sich SAPV-Team. Was ist der Unterschied zwischen einer Palliativstation, einem Hospiz und einem SAPV-Team?

Eine Palliativstation ist eine Station in einem Krankenhaus, auf der der Palliative Behandlungsweg umgesetzt wird, was Diagnostik und Therapie angeht. Dort kann man in besonders ausgestatteten Zimmern vorübergehend eine Behandlung erfahren. Ziel der Palliativstation ist eigentlich nicht, dass man dort zum Sterben hinkommt, sie hat vielmehr eine Verteilerfunktion.

Ein Hospiz ist eine stationäre Versorgung von Patienten, die unter ambulanten Bedingungen nicht mehr betreut werden können oder dieses nicht wollen, weil sie vielleicht allein leben oder auch sonstige Gegebenheiten es im originären zu Hause nicht zulassen. Hier findet ausschließlich Versorgung statt und keine Therapie.

Ein SAPV-Team ist quasi die Zwischenform von Palliativstation oder Hospiz zum eigentlichen zuhause, d.h. man lebt in seinem originären zu Hause; in der stationären Altenhilfe, in der Kurzzeitpflege oder im betreuten Wohnen, dort kommt dann zur Behandlungspflege das Palliativteam hin und setzt im Prinzip als Hüterin der Patientenverfügung den Patientenwillen um.

Seit wann gibt es das Palliativteam RheinErft Bonn bereits und wie ist die Idee dazu geboren?

Das Palliativteam RheinErft Bonn ist zunächst im südlichen Rhein Erftkreis auf Initiative von acht Hausärzten entstanden, die, die allgemeine Palliativversorgung verbessern, eine zentrale Anmeldung für die Patienten möglich machen und den multidisziplinären Charakter eines Palliativteams selbst umsetzen wollten. Ziel des Ganzen war und ist es, chronisch Kranken und sterbenden Patienten, eine bessere Betreuung, als Haus- und Palliativmediziner, zukommen zu lassen.

In der weiteren Historie sind zunächst Euskirchen, dann Bonn und Teile des Rhein Sieg-Kreises hinzugekommen, wo die Patienten in der Häuslichkeit oder in der ambulanten Situation zusätzlich zu den Hausärzten und Pflegediensten von uns versorgt werden.

Wie viele Menschen stecken hinter Ihrem Palliativ-Team und benötigen die Ärzte und Pflegekräfte eine spezielle Ausbildung, wenn ja welche und wie lange dauert diese Ausbildung.

Oh, hinter unserem SAPV-Team stecken eine Menge Menschen, darunter Bürokräfte, MFAs, ein Kernteam und natürlich Ärzte und Pflegekräfte, die zu ihrer Grundausbildung eine Fachweiterbildung benötigen.

Diese Fachausbildungen können bei uns im Team abgeleistet werden. Für das Pflegepersonal dauert die Ausbildung in 160 Stunden bei den Ärzten, die grundsätzlich eine Facharztausbildung haben müssen, ein halbes Jahr in Vollzeit.

Wie ist der Weg des Patienten zu Ihnen ins Palliativteam?

Entweder der Patient meldet sich selbst oder seine Zugehörigen oder aber die Anbindung findet über Haus- bzw. Fachärzte und natürlich Krankenhäuser und Kliniken statt.

Die Anmeldung kann telefonisch oder aber über unsere Webseite www.palliativteam-rheinerft.de erfolgen.

Wie ist die Erreichbarkeit ihres Palliativteams generell und in Notfällen?

Wir sind generell für jeden zu den normalen Bürozeiten zu erreichen. Unsere Patienten haben eine Notfallnummer, unter der wir natürlich 24 Stunden an sieben Tagen für sie erreichbar sind. Selbstverständlich auch an Feiertagen.

Wie werden Sie und ihre Mitarbeiter auf diese doch belastende Arbeit vorbereitet?

Bereits mit der Einarbeitung werden zu unterschiedlichsten Bereichen Schulungen angeboten, die auch sehr gerne angenommen werden. Wir haben jeden Morgen eine Art „Frühbesprechung“ hier findet ebenfalls ein reger Austausch statt. Zudem sind die Teamleitung und auch ich immer für das Team erreichbar. Des Weiteren haben alle Mitarbeiter die Möglichkeit an unserer regelmäßig stattfindenden Supervision teilzunehmen. In regelmäßigen Abständen werden Fortbildungen angeboten, die in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer stattfinden.

Ab wann ist man Palliativpatient und wer übernimmt generell die Kosten für Ihre Arbeit?

Die Faustformel heißt, wenn man aufgrund einer chronischen Erkrankung oder eines Tumorleidens die möglichen Therapieformen der heutigen Medizin nicht annehmen kann oder möchte, wenn man tatsächlich nur noch eine Erleichterung für seine Beschwerden wünscht

und an dem Punkt angekommen ist, wo man sagt, ich möchte nur noch das Nötigste, aber nicht mehr alles Mögliche, dann ist man ein Palliativpatient.

Wie kann man sich die spezialisierte Pflege vorstellen und wie sieht so ein Hausbesuch aus?

Die spezialisierte Pflege umfasst die Symptombehandlung, wie beispielsweise Übelkeit, Schmerzen oder Luftnot. Wir verbinden genauso komplizierte Wunden, sprechen mit dem Betroffenen und den Zugehörigen und bemühen uns darum, dass die Dinge, die der Patient oder die Zugehörigen benötigen auch einfach und schnell ankommen. Wir organisieren die Bestellung und Lieferung von Medikamenten. Wir schauen, dass wir auch durchaus beratend zur Seite stehen, wenn ein Grundpflegedienst notwendig ist, und ergänzen all das, was fehlt.

Ihr Leitsatz lautet „der Mensch im Mittelpunkt‘. Was darf man sich darunter vorstellen?

Es geht im Grunde genommen darum, dass der Betroffene der Dirigent ist und wir sozusagen das Orchester. Der behandelnde Arzt ist die erste Geige; aber gemeinsam im Sinne des Patienten soll er so behandelt werden wie er sich das für den Moment, in dem er sich befindet, vorstellt.

Ist palliativ immer die Endstation?

Nein, das denken die meisten Menschen immer. Es ist durchaus möglich, dass durch die Optimierung der Behandlung an sich, deren Strategie oder Maßnahmen eine gute Stabilität entsteht und der Patient wieder in die normale haus- oder fachärztliche Versorgung entlassen werden kann und nur bei einer erneuten Verschlechterung des Zustandes wieder aufgenommen wird.

Wird einem die Angst vor dem Sterben genommen?

Ja, ich denke schon ein Stück weit. Wir versuchen die Angst vor dem Sterben zu nehmen, letztendlich ist es häufig so, dass derjenige den Tod nicht fürchtet aber das Sterben. Gemeinsam mit den ambulanten Hospizvereinen sind wir auf einem guten Weg.

Gibt es auch Unterstützung für die Angehörigen? Wenn ja, welcher Art?

Wie schon erwähnt über die ambulanten Hospizvereine, aber auch durch psychologische oder psychoonkologische Hilfe. Häufig ist unsere Arbeit schon eine große Unterstützung, da wir den Angehörigen eine große Last abnehmen und einfach einen roten Faden für die Situation geben. Zudem gibt es einen Förderverein, der ebenfalls mit Hilfe zur Seite steht.

Was heißt Förderverein und wie finanziert sich der Verein?

Der Förderverein Palliativ-Netz südlicher Erftkreis e.V. unterstützt die Arbeit des Palliativteams, indem er auf unbürokratische Art und Weise dafür sorgt, dass Patienten und Zugehörige in den schweren Momenten all das haben, was sie benötigen, um in ihrer gewohnten und vertrauten Umgebung mit möglichst großer Lebensqualität, in Würde, ihren letzten Weg antreten können. Der Verein wird über die Mitgliedschaften und über Spenden finanziert.

Welche Vorkehrungen sollte man selbst frühzeitig treffen?

Man sollte mit dem 18. Geburtstag nicht nur daran interessiert sein, dass man einen Führerschein hat, man sollte auch eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung haben und sich eine Person aussuchen, von der man sicher ist, dass sie seine Wünsche und nicht die Wünsche der Bevollmächtigten Person erfüllt.

Welche Schicksale berühren Sie am meisten?

Das sind die, wo man einfach feststellt, dass man helfen kann, aber Helfen nicht zugelassen wird. Wo man einfach das System „Patient oder Zugehörige“ stehen lassen muss, obwohl man eigentlich weiß, dass es einen Weg aus dem Chaos herausgibt.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie und Ihr Team für Ihre Arbeit?

Für unser Team ist es immer wieder schön, gerade in der heutigen Zeit, ein Dankeschön in Worten oder in Form von kleinen Anerkennungen zu bekommen.

Wir als SAPV haben einen Fragebogen, der nach dem Schulnotenprinzip funktioniert und hier ist es tatsächlich so, dass wir in aller Regel gute bis sehr gute Bewertungen bekommen. Viele Hinterbliebene spenden zudem aus Dankbarkeit auch an den Förderverein, so dass wir in vielen Fällen durch diese Zuwendungen, sprich diese aktive Hilfe, auf unbürokratische Art und Weise, wiederum anders helfen und unterstützen können.

Wie sehen Sie die Zukunft des SAPV-Teams und welche Herausforderungen sehen Sie in Hinblick auf die geburtenreichen Jahrgänge und den Pflegenotstand?

Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mehr Leute haben werden, die wir versorgen müssen, aber deutlich weniger haben werden, die es tun.

Das Übernehmen von Verantwortung für sich und für andere Menschen ist im Laufe der letzten Generationen tatsächlich anders geworden und wir hoffen, dass wir durch unsere Teamstärke unseren Teamcharakter und durch unseren Satz „Der Mensch im Mittelpunkt“ weiter Bestand haben und Bestand haben können in bewehrter Form. Immerhin machen wir das jetzt schon im 14.Jahr. Selbstverständlich freuen wir uns immer wieder über neue motivierte Menschen, die Freude daran haben unser Team zu unterstützen und zu helfen.BV

Dr. Astrid Lueg und Pflegeteamleiterin Anthonia Maletzki bereiten sich auf die tägliche Frühbesprechung vor. Foto: BV

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