Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus in Heimerzheim
Reflektierte Auseinandersetzung soll sensibilisieren
Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner kritisierte eine zunehmende Brutalität der öffentlichen Rede und eine Toxikologie der Rhetorik
Heimerzheim. Auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in Heimerzheim gedachte die Gemeinde Swisttal der Opfer des Nationalsozialismus. Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner freute sich dabei besonders über die Mitgestaltung der Gedenkfeier durch die Schüler der neunten und zehnten Klasse der Georg-von-Boeselager-Sekundarschule Heimerzheim unter der Leitung ihres Lehrers Jonas Weichel. „Die reflektierte Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Ereignissen und den nationalsozialistischen Verbrechen sensibilisiert die Jugendlichen zugleich für die Bedeutung und die Werte von Menschenrechten und Demokratie“, war Kalkbrenner überzeugt. Die Schüler setzen sich mit der Vergangenheit auseinander, um daraus auch Lehren für die Zukunft zu ziehen und Bedrohungen der Demokratie, der Menschenrechte und der Menschlichkeit zu erkennen.
Der bundesweite Gedenktag am 27. Januar erinnere an den Tag der Befreiung des Konzentration- und Vernichtungslagers Auschwitz. Auschwitz stehe als Symbol für eine systematische Vernichtungsmaschine, für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma, Behinderten und Menschen, die nach der nationalsozialistischen Rassenideologie nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten. Es sei gleichzeitig ein Symbol für die vollständige Entrechtung der Menschen und den Verlust der Menschlichkeit.
„Ein neuer Ton geht um“
Der systematischen Verfolgung bestimmter Menschen durch das NS-Regime sei unter anderem ein diffamierender, herabwürdigender und schmähender Sprachgebrauch im Alltag und der öffentlichen Rede vorausgegangen, blickte Kalkbrenner auf die Geschichte zurück. „Deswegen sollte und muss es uns beunruhigen, dass sich gegenwärtig eine zunehmende Brutalität der öffentlichen Rede und eine Toxikologie der Rhetorik beobachten lässt.“ Denn aus Sprache könne als Brandbeschleuniger physische Gewalt werden. „Ein neuer Ton geht um“, eine Radikalisierung des öffentlichen Sprechens könne man im Umfeld jedes einzelnen und insbesondere in den sozialen Netzwerken feststellen. Doch in einer Demokratie sollte nicht Angst, sondern Recht herrschen, so Kalkbrenner, „denn Rechtsstaatlichkeit ist das Fundament der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft.“
Es genüge der geringste Zwischenfall, um das Gesellschaftsganze in Unordnung zu bringen, wusste die Bürgermeisterin. „Aber erst Brandredner der Populisten bewirken, dass eine Menge wütender Menschen sich sammeln und nach Vergeltung schreit“, zitierte sie den Schriftsteller Durs Grünbein. Um mit der Philosophin Martha Nussbaum fortzufahren, die sagte: „Heute mischt sich in unseren Gesellschaften die Angst mit dem Ärger, der Abscheu, den Schuldzuweisungen zu einem brandgefährlichen Gebräu, sie sucht Opfer und vergiftet Zuversicht.“
Informationstafel für den Gedenkstein
Der Swisttaler Gemeinderat und die Bürger hätten mit ihrem Engagement für die Verlegung von Stolpersteinen vor den Wohnhäusern ehemaliger jüdischer Mitbürger in der Kirchstraße in Heimerzheim gezeigt, dass Erinnern und Mahnen ihnen ebenso ein wichtiges Anliegen sei wie dem ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog. Auch auf dem jüdischen Friedhof in Heimerzheim erinnere ein Gedenkstein an die jüdischen Bürger, der Gedenkstein sei 1981 im Einvernehmen mit der jüdischen Synagogengemeinde Bonn nach einem Beschluss des Gemeinderates errichtet worden. Doch die Aufschrift des Gedenksteins könne womöglich missverstanden werden, deshalb habe der Rat im vergangenen September beschlossen, eine Informationstafel dazu zu stellen. Um den Inhalt der Informationstafel habe sich der „Initiativkreis Informationstafel Ehemaliger jüdischer Friedhof Heimerzheim“ um Michael Gadow gekümmert, Ortsvorsteher Hermann Leuning stellte den Stand der Dinge vor.
Demnach soll die Informationstafel am Donnerstag, 23. Mai, anlässlich des Feiertags „70 Jahre Grundgesetz“ auf dem Ehemaligen jüdischen Friedhof in Heimerzheim aufgestellt werden. „Die Gemeinde Swisttal mit ihren Bürgern möchte damit ein Zeichen setzen, dass die Verbrechen dieser Zeit des Nationalsozialismus nicht vergessen werden. Zugleich wollen wir heute, in unserer Bundesrepublik, in unserem Swisttal, ein friedliches und die Menschenwürde und die Menschenrechte aller Menschen unbedingt achtendes Zusammenleben“, so Leuning.
Das werde auf dem Gedenkstein aber nicht deutlich, der einen Vers aus dem Psalm 83 zitiere, ohne seinen Kontext und den Grundgedanken der Psalmen sei dieser aber nicht zu verstehen: „… Sie sagten, kommt, lasst uns sie vernichten, ihr Volk ausmerzen und der Name Israel soll nie wieder erwähnt werden.“
Für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben
Auf der Informationstafel soll nun Folgendes zu lesen sein: „Der ehemalige jüdische Friedhof am Dornbuschweg in Swisttal-Heimerzheim wurde von 1822 bis 1968 zur Bestattung genutzt. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Friedhof verwüstet. Heute sind noch zwölf Gräber und zehn Grabsteine vorhanden. Der Friedhof wurde 1960 von der damaligen Gemeinde Heimerzheim wiederhergestellt und im Jahr 2007 von der Gemeinde Swisttal instandgesetzt. 1981 wurde von der Gemeinde in Abstimmung mit der jüdischen Synagogengemeinde Bonn ein Gedenkstein auf dem Friedhof errichtet. Dieser ehemalige Friedhof ist Erinnerungsstätte in Swisttal an die Ermordung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus und Mahnstätte für unsere heutige Verantwortung für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben aller Menschen. Die Gemeinde Swisttal und ihre Bürgerinnen und Bürger achten und schützen die Menschenwürde aller Menschen.
Wir bekennen uns zu den Menschenrechten und Menschenpflichten, insbesondere zu Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit, wie sie verankert sind im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, der „Allgemeinen Erklärung Menschenrechte“ der Vereinten Nationen und der „Allgemeinen Erklärung Menschenpflichten“ der Vereinten Nationen.“
Die evangelische Pfarrerin Claudia Müller-Bück stellte in ihrer von persönlichen Erfahrungen geprägten Ansprache fest, es sei schwer, über Schuld zu reden und mit der Schuld zu leben. Deshalb müsse man unbedingt dafür sorgen, dass das Wort „Jude“ nicht wieder zu einem Schimpfwort werde. Der CDU-Landtagsabgeordnete Oliver Krauß fand es traurig, dass rechtes Gedankengut heutzutage mancherorts wieder salonfähig werde, alle demokratisch gesinnten Menschen müssten sich mit ganzer Macht dagegenstellen. „Die Verantwortung endet auch heute nicht“, machte er deutlich.
JOST
Die Schüler der Georg-von-Boeselager leisteten einen wertvollen Beitrag zur Gedenkfeier an die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Jüdischen Friedhof in Heimerzheim. Foto: Volker Jost
