Vortrag von Klaus Peter Scholz im Odendorfer Zehnthaus
Ringelnatz – der Mann hinter den Versen
Odendorf. Wer war Joachim Ringelnatz? Unter diese Frage stellte Klaus Peter Scholz, der Kulturvorstand des Zehnthausvereins seinen Vortrag über diesen vielfältig begabten Dichter, Kabarettisten und Maler. Anschaulich beschrieb Scholz den von vielen Rückschlägen geprägten Lebensweg des 1883 als Hans Gustav Bötticher im sächsischen Wurzen geborenen Ringelnatz.
Beginnend mit der Kindheit in einem verständnisvollen Elternhaus leitete er zu dem Desaster über, das ihn in der Leipziger Schulzeit erwartete. Hier wurde er von Schülern und Lehrern wegen seiner langen Nase, dem vordrängenden Kinn und der kleinen Statur gehänselt. Er entwickelte sich zu einem nicht einfachen Schüler, flüchtete sich in Trotz, Rüpeleien, einsames Zeichnen und Schreiben. Nach dem Verweis vom Gymnasium konnte er auf einer Privatschule gerade noch einen Abschluss erlangen.
Auch die nächste Phase seines Lebens als Seemann, ursprünglich von der Begeisterung für die Seefahrt getrieben, war für ihn vielfach schwierig und enttäuschend. Sie fand 1905 mit dem einjährigen Dienst in der Kriegsmarine und dem Dienstgrad Maat zunächst einen Abschluss. Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs wurde Ringelnatz - anfangs durchaus kriegsbegeistert – dann wieder zur Marine eingezogen.
Anhand von Textbeispielen illustrierte Scholz die literarische Entwicklung des Dichters und Kabarettisten, die von 1905 bis 1914 in München und nach dem Krieg im Wesentlichen in Berlin stattfand. Der Münchner „Simplicissimus“ und das Berliner „Schall und Rauch“ waren dabei wichtige Wirkungsstätten. An beiden Orten, so der Referent, konnte Ringelnatz, der sich erst 1919 diesen Künstlernamen zugelegt hatte, viele beutende Künstler als Freunde gewinnen.
Den literarischen Durchbruch aber schafft er mit seinen Balladen und Gedichten des Matrosen Kuttel Daddeldu, einer Figur, in der sich viele seiner Lebensabschnitte wiederfinden. Dann, 1923 beginnt Ringelnatz sich auch ernsthaft mit Malerei zu beschäftigen. Sein Stil ist keiner modernen Kunstströmung zuzurechnen, doch bei den Zeitgenossen finden seine Bilder schnell Anklang. Der bedeutende Berliner Galerist Alfred Flechtheim stellt sie aus.
Die traurige Wende im Leben des Künstlers kommt mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ab Mai 1933 darf Ringelnatz aufgrund seiner politisch unerwünschten Arbeiten nicht mehr auftreten und publizieren. Er erkrankt und stirbt ein Jahr später völlig verarmt.
Scholz endete seinen Vortrag mit den Worten: „Man kann Ringelnatz lesen, ohne etwas von seinem außergewöhnlichen Leben zu wissen. Man kann auch versuchen, diesem großen kleinen Mann mit der gewaltigen Nase nachzureisen. Das haben wir heute getan.“ Das Publikum dankte mit lebhaftem Applaus.
