Allgemeine Berichte | 22.05.2017

Reportage: Medienrummel um Salafistenprediger in Bendorf

Salafismus und die Bendorfer

BLICK aktuell TV fragt nach, was der Auftritt des Hasspredigers für Bendorf bedeutet

Michael Kessler

Bendorf. „‘Hassprediger‘ in Bendorf – Salafisten-Treff im Visier der Behörden“. So titelte ein Beitrag des SWR, der große Wellen schlug. Die Reporter hatten beobachtet, dass der bekannte Salafist Abul Baraa in Bendorf zu Gast war.

BLICK aktuell TV hat in der Kleinstadt bei Koblenz nachgefragt: Was halten die Bendorfer Bürger davon?

Im Gegensatz zu dem, was in den Sozialen Netzwerken kundgetan wurde, beteuerten die meisten Bendorfer, dass sie das Ganze relativ kalt lasse. Dennoch waren nur wenige zu einem Gespräch vor der Kamera bereit: Man habe doch ein wenig Angst, dass diese Leute nicht so harmlos seien, wie bisher geglaubt. Aber Angst, auf die Straße zu gehen? Nein. Angst um die Kinder vielleicht, die in die falschen Kreise abrutschen könnten. Aber keine Angst, Bendorfer zu sein. „Ich habe noch nie Angst in Bendorf gehabt und das werde ich auch nie haben“, entgegnet ein Bendorfer fast trotzig – er findet den Rummel um die ganze Sache übertrieben. Wir stehen vor den Gebetsräumen in der Luisenstraße, in denen Abul Baraa gastierte.

Dass bärtige Männer besonders zum Freitagsgebet zahlreich hierherkommen, viele mit auswärtigen Autokennzeichen, ist in dieser Gegend kein Geheimnis. Auch dass ein bekannter Salafist hier zu Gast war, ist für die Bendorfer kein Grund zu Aufruhr. „Wir verstehen uns eigentlich alle gut hier. Dass das so hochgeschaukelt wurde, dass der Hassprediger hier war – das interessiert uns eigentlich gar nicht. Im Endeffekt sind das auch eigentlich friedliche Menschen“, meint ein Bendorfer.

Das sieht Marwan Abou-Taam anders. Er ist Islamwissenschaftler des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes und stuft Abul Baraa – den Mann, der in Bendorf auftrat – als Hassprediger ein.

Wer ist der Hassprediger Abul Baraa?

Ahmad Abul Baraa lehrt seine Auslegung des Islam, die sich streng auf das überlieferte Leben der ersten Muslime bezieht, überwiegend in der salafistischen as-Sahaba-Moschee in Berlin. Im Rahmen von Deutschlandtourneen besucht er auch andere Gemeinden und hält dort Vorträge. Unter anderem in den Gebetsräumen in der Luisenstraße 21 in Bendorf. Nachdem der türkische Bildungs- und Kulturverein die Räume vor einigen Jahren aufgab und in ein Gebäude im Engersport umzog, wurden sie wieder vermietet. In der nun dort betenden Gemeinde war Abul Baraa bereits am 5. November 2016 zu Gast, das wurde auf der in seinem bürgerlichen Namen Ahmad Armih betriebenen Webseite bekannt gegeben. Auch im Januar 2017 soll er dort gesprochen haben, ebenso wie vor wenigen Wochen, als der SWR ihn filmte.

Abul Baraa ist ein Gegner der Demokratie und fördert die Unterdrückung der Frau. Das wird in den veröffentlichten Videos seiner Reden deutlich: „Eines der gewaltigsten Rechte, die ein Mann über seine Frau hat, ist, dass sie mit ihm den Geschlechtsverkehr vollzieht.“ Sie solle sich ihrem Mann nicht verwehren, sonst bestrafe Allah sie. Was Abul Baraa auch ist: Ein Entertainer. Er lacht, zeigt ein herzliches Wesen und geht auf sein Publikum ein. Er umgarnt sein Gegenüber mit einem eingeworfenen Kompliment, einem schelmischen Kommentar und einem verbrüdernden Zwinkern.

Das Thema seiner Reden ist meist gleich: Was darf ein guter Muslim, welches Verhalten wird von Allah gutgeheißen? Immer wieder geht es dabei auch um den Kontakt mit Nichtmuslimen oder „schlechten“ Muslimen. Dieser wird untersagt. Der einzige Grund, aus dem ein guter Muslim Kontakt zu einem Nichtmuslim haben sollte, ist, um ihn zum Islam zu bekehren.

Das erklärt, weshalb alle Bendorfer angaben, keinen Kontakt zu haben zu der Gemeinde, die in der Luisenstraße betet. In Bendorf lebe man ein friedvolles Miteinander – an dem allerdings nicht alle gleichermaßen teilhaben. Die anderen muslimischen Gemeinden, die christlichen Gemeinden und die weltlichen Organisationen kämen gut miteinander aus und kooperierten hier und dort. Nur die Muslime aus der Luisenstraße, die will niemand kennen. „Das sind Zugezogene.“ „Die kommen von außerhalb.“ „Wir kennen diese Leute nicht, die sind vor Kurzem hierher gekommen.“

Besorgte Bürger fordern Konsequenzen

Die Gelassenheit gegenüber den Unbekannten, die die kleine Stadt zu ihrem Treffpunkt auserkoren haben, wird nicht von allen geteilt. In den Sozialen Netzwerken lösten die Medienberichte über den Auftritt des Hasspredigers heftige Reaktionen aus. Es wurde ein sofortiges Verbot der Gemeinde gefordert; Der Prediger Abul Baraa und diejenigen, die mit ihm verkehren, sollten ausgewiesen werden; Die Bürger wurden aufgerufen, Widerstand zu leisten, Flagge gegen Extremismus zu zeigen; Bürgermeister, Polizei und Staat wurden aufgefordert, umgehend zu handeln.

Der Bürgermeister allerdings fragt: Auf welcher Grundlage? „Warum? Weshalb? Wieso? Gegen wen?“ Jurist der er ist, bricht Michael Kessler die Situation auf die belegten Fakten herunter und stellt fest, dass die Beweislage viel zu dünn ist, als dass die gemachten Anschuldigungen gerechtfertigt wären. Er habe keine Beweise dafür, dass in Bendorf im Sinne des Gesetzes strafbare Handlungen in dieser Richtung begangen werden. Darum findet er es „nicht fair, wenn jetzt so getan wird, als wäre Bendorf das Netz von radikalen Muslimen. Dem ist nicht so; Ich kann so etwas nicht feststellen.“ Er meint: „Was im Moment betrieben wird, das ist ein Hype.“

„Wir leben gelungene Integration“

„Wir leben in Bendorf seit Generationen gut zusammen“, findet der Bürgermeister. In der alten Industriestadt Bendorf, in die viele türkische Mitbürger kamen, weil sie die Drecksarbeit machten, die Deutsche nicht mehr machen wollten, gebe es schon lange verschiedene muslimische Gemeinden, die ein Teil des guten Miteinanders in Bendorf seien. Und genau dieses Miteinander liegt Bürgermeister Kessler sehr am Herzen. Das sei für ihn als Bürgermeister einer kleinen Stadt das Wichtigste und seine Aufgabe.

Die Strafverfolgung dagegen, das ist Sache der Polizei, des Landeskriminalamtes und anderer Institutionen. „Ich habe ein großes Vertrauen in die Funktionsweise all unserer Behörden, die zuständig sind für Sicherheit und für die Wahrung der verfassungsgemäßen Rechte all unserer Bürger“, so Kessler. Die Angst, die in Bendorf geschürt werde und mit der politische Spielchen betrieben würden, teilt der Bürgermeister nicht. „Ich bin wirklich beruhigt, dass in unserem Land alles das getan wird, was erforderlich ist, um diese Dinge zu beobachten und erforderlichenfalls auch zuzugreifen.“ Die Rufe, dass umgehend etwas getan werden solle gegen die vermeintliche salafistische Zelle in Bendorf, seien falsch. Denn ein Rechtsstaat müsse es aushalten, wenn Menschen sich regelwidrig verhalten – bis es bewiesen werden kann. In dubio pro reo; Im Zweifel für den Angeklagten.

Kein Generalverdacht, bitte!

Insbesondere die Verallgemeinerung, die Bendorfer Muslime seien Salafisten, wird streng zurückgewiesen. Das fordert auch Zeynep Begen, Vorsitzende des Beirates für Migration und Integration des Landkreises Mayen-Koblenz. „Ich möchte nicht, dass die türkische Bevölkerung oder islamische Bevölkerung jetzt unter Generalverdacht steht. In Bendorf wurde gemeinsam gute Integrationsarbeit geleistet, das sollte nicht zunichte gemacht werden. Wir leben gelungene Integration in Bendorf.“

Nachdem bekannt wurde, dass ein salafistischer Prediger in Bendorf zu Gast war, offenbarte sich allerdings genau das: Eine Verallgemeinerung, ein Generalverdacht. Es wurde gefordert, dass die muslimischen Gemeinden sich von salafistischen Umtrieben distanzieren – woraufhin die Frage aufkam: „Wieso von etwas distanzieren, mit dem man ohnehin nichts zu tun hat?“.

Das kennt Dilek Kilci vom Türkischen Elternbund nur zu gut. „Wenn ein Anschlag passiert, dann ist der erste Gedanke: Hoffentlich ist es kein Muslim. Dann müssen wir uns wieder rechtfertigen. Wir sind in einer Zeit, in der wir uns für alles, das passiert, rechtfertigen müssen. Für das, was ein Verrückter veranstaltet und sagt, er mache das im Namen des Islam. Dabei ist das nicht der Islam. Im Islam darf man nicht töten und es gibt keinen Zwang. Der Islam ist eine Friedensreligion.“

Dr. Ute Stuhlträger-Fatehpour bedauert, dass die Bendorfer Muslime durch den Vorfall in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt wurden. „Wir haben in Bendorf schon seit Jahren eine sehr gute Integrationsarbeit gelebt. Das wird jetzt in Frage gestellt. Es wurde wieder sehr konfrontativ.“ Um dagegen ein Zeichen zu setzen, haben sich Bendorfer zusammengetan und veranstalten gemeinsam ein kulturelles Fest im Stadtpark.

Lange Tafel am 26. Mai

Am Freitag, 26. Mai, dem Tag nach Christi Himmelfahrt und vor Beginn des Fastenmonats Ramadan, sind alle Bendorfer eingeladen, miteinander an einer langen Tafel Platz zu nehmen. Wer möchte, bringt einen Beitrag zum internationalen Buffet mit. „Wir sitzen beieinander, wir reden miteinander, wir lernen uns kennen. Das ist so wichtig, dass wir den anderen kennenlernen, verstehen lernen, dann ist uns das Andere nicht so fremd und macht auch nicht so viel Angst“, ermuntert Stuhlträger-Fatehpour die Bendorfer. Ab 17.30 Uhr treffen sich am 26. Mai alle, die für ein Miteinander in Bendorf einstehen möchten, bei Live-Musik im Stadtpark. Fotos:

Dilek Kilci

Dilek Kilci

Dr. UteStuhlträger-Fatehpour

Dr. Ute Stuhlträger- Fatehpour

Zeynep Begen

Zeynep Begen

Das Video finden Sie im Internet unter: www.blick-aktuell.tvReinschauen lohnt! Viel Spaß.

Das Video finden Sie im Internet unter: www.blick-aktuell.tv Reinschauen lohnt! Viel Spaß.

Salafismus und die Bendorfer

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Reaktionen in auf die Berichterstattung in verschiedenen Foren.

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Michael Kessler

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Kommentare
22.05.201712:23 Uhr
Uwe Klasen

Es ist Traurig, mit ansehen zu müssen, wie diese Menschen, die den Schutz und die Freiheit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in unserem Land genießen, gegen diese und die Menschen hier zu Felde ziehen! Es ist Traurig, mit ansehen zu müssen, dass die Zuhörer dieser "Hassprediger" nicht Aufstehen und diese aus ihren Gotteshäusern hinauswerfen, denn es ist ja, angeblich, eine Religion des Friedens! Es ist Traurig, mit ansehen zu müssen, wie viele Menschen eine offene, sachliche und objektive Diskussion, unter dem Deckmantel des "Rassismus", darüber verweigern! Es ist Traurig, mit ansehen zu müssen, wie die freiheitlich demokratische Grundordnung und die daraus resultierenden Errungenschaften, aufgrund dieser und weiterer Verfehlungen, langsam aber sicher Verloren gehen!

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