Holocaust Gedenktag an der Realschule Plus Untermosel
Schüler/innen einer zehnten Klasse wandelten auf den Spuren Jehuda Bacons
Kunst als Weg zur Versöhnung und Verständigung
Kobern-Gondorf. Buchstaben zu Worten geformt, Worte, die schmerzhafte Erinnerungen bezeugen und mahnen, zusammengefasst im Buch „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“. Es ist ein Gesprächsband und gibt Zeugnis über das Leben von Jehuda Bacon, der - obwohl Schreckliches in der Nazizeit erlebt - nicht daran zerbrochen ist.
Wer ist Jehuda Bacon?
Er wurde am 28. Juli 1929 in Ostrava/Tschechoslowakei als Sohn einer chassidischen Familie geboren. Im Herbst 1942 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Er war für Transportarbeiten im gesamten Komplex Auschwitz II-Birkenau eingesetzt. Bei einem Einsatz sah er seinen Vater in die Gaskammer gehen. Auch seine Mutter und seine Schwester Hanna starben, bevor sie befreit werden konnten. Jehuda Bacon überlebte auch zwei Todesmärsche und wurde am 5. Mai 1945 in Gunskirchen befreit.
Autor dieses Buches über das Leben nach Auschwitz ist Manfred Lütz (*18. März 1954 in Bonn), Psychiater, Psychotherapeut, römisch-katholischer Theologe, Vatikanberater und Buchautor. Der Gesprächsband entstand 2016. Jehuda Bacon, der heute in Jerusalem lebt, verarbeitete seine Erlebnisse in Zeichnungen, suchte aber auch über die Kunst den Weg zur Versöhnung, entschied sich für Vergebung sowie Völkerverständigung und engagierte sich im „jüdisch-christlichen Dialog“: „Wer in der Hölle war, weiß dass es zum Guten keine Alternative gibt“.
Aus Anlass des Holocaust Gedenktages am 27. Januar 2020, befassten sich die Schüler/innen einer zehnten Klasse der Realschule Plus Untermosel mit diesem außergewöhnlichen Menschen. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin Lea Scherhag lasen sie das Buch über das Leben Jehuda Bacons und setzten sich umfassend mit der Lektüre auseinander. Daraus entstand eine Ausstellung, bei der sein Schicksal, sein Aufenthalt im Musterghetto Theresienstadt und im KZ Auschwitz, sowie sein zeichnerisches Talent in den Fokus gestellt wurden.
Die eindrücklichen Bilder Bacons hängen weltweit in großen Galerien und haben nicht nur mit der Schreckenszeit zu tun. Doch die im Konzentrationslager entstandenen haben eine so starke Ausdruckskraft, dass sie sogar in NS-Prozessen als Beweismittel dienten. Eine Zeichnung zeigt seinen Vater, den er im Rauch, der aus einem Krematorium aufsteigt, darstellt.
Zur offiziellen Gedenkfeier hatte die Schule zahlreiche Gäste eingeladen. Sie begann mit dem Schüler der Klasse 10b Bastian Stein. Er sang das Lied „Schwerelos“ von der Band „Die Toten Hosen“. Es folgte ein sich mit der Thematik befassendes selbst erstelltes Video. Anschließend lasen die Schülerinnen Anna Langen, Sarah Wunder und Julia Hicke Passagen aus dem Gesprächsband von Martin Lütz vor. Sie gewährten den Gästen einen kleinen Einblick in den Menschen Jehuda Bacon, der sich mit Weisheit, Güte und einer hohen Sensibilität auszeichnet.
Die Besucher hatten die Gelegenheit sich die Ausstellung an zu sehen und nutzten ihre Zeit auch zum Gedankenaustausch. Darin waren die Schüler/innen einbezogen. Julia Hicke erzählte, dass ihr Opa Zeitzeuge ist und unter seinem Vater, der überzeugter Nazi war, leiden musste. Durch das Buch und die genannten extrem schrecklichen Grausamkeiten, die in die Tiefe gehen, sind sich Anna Langen, Sarah Wunder und ihre Mitschüler/innen einig: „Das darf nicht noch einmal passieren!“ Sie sind politisch noch wacher geworden, wissen wie wichtig wählen ist, wollen genau hinsehen und nicht alles glauben, was versprochen wird. Sie verurteilen diese Generation nicht, denn sie wissen: es war eine Zeit, geprägt von Angst, die mundtot machte.
Darüber sprach auch die 90-jährige Walburga Seibel, die mit neun Jahren mit der Zeit des Schreckens konfrontiert wurde und in ihr aufwuchs. Aus der ehemaligen Lehrerin aus Kobern-Gondorf sprudelte es förmlich heraus, als sie die jungen Menschen an ihren Erfahrungen im Krieg und bei der Verfolgung der Juden teilhaben ließ: „Ich merkte als Kind schon, dass etwas nicht stimmte. Aber aus Angst wurden keine offenen Gespräche geführt.“ Trotz ihrer Erlebnisse ist sie ein positiver Mensch geblieben, verarbeitet diese, in dem sie eine Chronik zur Erinnerung an ihren Vater verfasst und Unterlagen zusammenträgt, die dann an das „Museum für Dokumente“ in Berlin geschickt werden. Denn diese Zeit sollte niemals vergessen werden. EP
