Theater-AG des Dierdorfer Martin-Butzer-Gymnasiums führte Goethes „Faust“ in einer modernen Inszenierung auf
Schwaches Gretchen siegt über vermeintlich starken Teufel
Drei gut besuchte Vorstellungen an drei Tagen
Dierdorf. Mit einem Donnergrollen betritt Mephisto die Bühne. Gefolgt von Heldenmusik und der Lichtgestalt, die auf dem Thron in der Mitte der Bühne Platz nimmt. Es ist Gott. Zwischen ihm und Mephisto entwickelt sich ein fast schon freundschaftlicher Diskurs. Mephisto schlägt vor, mal wieder die Menschen zu besuchen, denn noch nicht mal vor ihm, dem Teufel, hätten sie Respekt.
Die Theater-AG des Martin-Butzer-Gymnasiums mit Unterstützung des Schulchores zeigte am Wochenende drei Aufführungen des Stücks „Augenblick verweile doch! Ein Faustprojekt“ von Klaus Opilik. Alle Aufführungen waren gut besucht und erhielten stehenden Applaus vom Publikum.
Opilik betitelt sein Werk nicht als Interpretation des Literatur- und Bühnenklassikers, sondern als „Faustprojekt“.
Der Text ist komplett neu, die Figuren und Schauplätze jedoch mehrheitlich aus dem Original, und auch die zentralen Zitate kommen in Versform daher - unterstützt durch den Einsatz moderner Musik.
Die Schüler sitzen in der Klasse und pauken Begriffe und Fachwissen. Nachfragen ist nicht erlaubt. So entsteht kein Zusammenhang. Ein Schüler klagt: „Je länger ich hier lerne, umso unklarer wird alles!“ Er interessiert sich für das Prinzip, für das große Ganze. Damit ist er in der Klasse aber der Einzige. Sicher ist er auch der einzige „Faust“ auf einer Bühne, der seine Texte rappen kann. Bis zu der bekannten Zeile, wo er wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Klasse kann damit wenig anfangen.
Die Gegensätze orientieren sich an zwei Extremen: Streben auf der einen, Sinn genießen auf der anderen Seite. Mephisto erkennt Faust in der Klasse sofort als geeignetes „Opfer“, als „labilen Typ“. In dieser Faust-Aufführung spielen sogar die Rolling Stones mit, deren zum Stück passender Superhit „Sympathie for the devil“ durch die Boxen erklingt. Und wenn es um den mächtigen Gott „Mammon“ geht, darf natürlich das legendäre „Money“ von Pink-Floyd nicht fehlen.
Mephisto monologisiert vor dem Publikum und referiert: „Macht euch keine Illusionen, alles was entsteht, ist wert, dass es vergeht!“ Und schon ist er mit Faust im Gespräch, der sich für den „Spinner“ interessiert. Mephisto kleidet Faust ein und führt ihn in die Versuchungen des Lebens ein. Dabei lernt Faust Gretchen kennen und verliebt sich in sie. Bei ihr funkt es nicht auf Anhieb.
In mehreren Szenen werden von verschiedenen Paaren Anbahnungen von Beziehungen gespielt, wie sie so oder in ähnlicher Form in der heutigen Zeit passieren könnten. Leider auch: Dass auf einmal jemand schwanger ist. Damit, weil es ihm mit dem sechzehnjährigen Gretchen passiert ist, kommt Faust gar nicht klar. Und Mephisto lässt nicht locker, Faust zum Mitmachen bei dem „großen Spiel“ zu bewegen. Es gelingt ihm aber nicht, Faust findet kein wirkliches Glück in den Zerstreuungen, die ihm geboten werden. Am Ende siegt das Gute, die Liebe. Mephisto bleibt erfolglos. Vielleicht war es auch Gott, der seine Hand im Spiel hatte?
Gelegentlich wird das Bühnengeschehen unterbrochen durch die kommentierenden oder mutmaßenden Chorgesänge der jungen Schüler des MBG. Wie Engelschöre hörte sich deren Gesang an. Zum Glück blieben der Aufführung größere technische Pannen erspart. Auf deren Möglichkeit hatte Regisseur Wolf-Achim Hassel zu Beginn hingewiesen, weil nach dem Sturm gelegentlich der Strom ausgefallen war. Insgesamt überzeugte die Aufführung mit: tollen Texten, coolen Schauspielerinnen und -spielern, grandiosen Bühnenbildern, einer klasse Beleuchtung und irre gutem Musik-Sound. In den wesentlichen Rollen waren zu sehen und zu hören: Stefan Voth (Faust), Yannick Willers (Mephisto), Hanna Oßing (Gretchen), Kakob Güttler (Gott und verschiedene andere Rollen), Kristina Troß, Hannah Scholz, Marilen Zilian und Janina Beyer (Teufelinnen).
Einige der Mitglieder des Ensembles mussten sich zeitgleich mit den Proben und dem Lernen der Texte auf die schriftliche und mündliche Abiturprüfung vorbereiten. Beides ist ihnen gut gelungen.
Trinken, zocken, chatten – auch in diesen Vergnügungen in der Kneipe findet Faust nicht die Erfüllung.
