Allgemeine Berichte | 12.02.2026

Schwer – oder befreiend?

Pfarrer Jörg Meyrer.  Foto: privat

Fastenzeit. Das klingt immer noch nach Verzicht mit hochgezogenen Augenbrauen. Aschenkreuz. Keine Süßigkeiten. Kein Alkohol. Weniger Handy. Sieben Wochen lang. Das Wort selbst hat etwas Strenges, fast Düsteres. Als würde das Leben auf Sparflamme gestellt.

Und doch: Der Gedanke des Verzichts erlebt gerade eine erstaunliche Renaissance. „Dry January“ ist längst mehr als ein Modetrend. Zuckerreduzierte Ernährung boomt. Digital Detox verspricht Abstand vom Dauertreiber Onlinepräsenz. Immer mehr Menschen merken: Ständig alles haben, können, wissen und kommentieren zu müssen, erschöpft.

Vielleicht ist Fasten gar nicht so altmodisch, wie es klingt. Vielleicht ist es nur älter als die Verpackung, in der wir es heute wiederentdecken.

Sogar in sozialen Netzwerken taucht ein überraschendes Phänomen auf: Junge Frauen, die Ordensfrauen als Vorbilder sehen. Auf TikTok nennt sich das „Nuntok“ (Nun = engl. Nonne). Ordensschwestern als Influencerinnen – nicht mit Schminktipps oder Fitness-Challenges, sondern mit klarer Tagesstruktur, Gebetszeiten, Gemeinschaft, Selbstbestimmung. Ein Leben ohne Datingdruck, ohne ständigen Selbstoptimierungsstress, ohne das Gefühl, sich permanent beweisen zu müssen. Alte Lebensformen in neuem Gewand – oft ganz ohne ausdrücklichen Glaubensbezug, aber mit einer Sehnsucht nach Klarheit und Selbstbestimmung.

Es geht offenbar um mehr als um den Verzicht auf Schokolade oder Bildschirmzeit. Es geht um Freiheit. Freiheit von dem Zwang, überall dabei zu sein. Freiheit von der Vorstellung, dass ein gutes Leben vor allem aus maximalen Optionen besteht. Freiheit vom ständigen Selbstoptimieren. Freiheit, die sich in der Begrenzung findet.

Vielleicht sollten wir das Wort „Verzicht“ neu hören: nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit. Nicht als Last, sondern als Widerstand gegen eine Kultur der Dauerverfügbarkeit.

Sieben Wochen sind lang genug, um etwas auszuprobieren. Und kurz genug, um es zu wagen.

Fastenzeit, - ein Einspruch gegen das „Immer mehr“. Was tut mir gut? Und was lasse ich mal los?

Pfarrer Jörg Meyrer. Foto: privat

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