Druckfrische Mammutwerke zur Geschichte der Stadt Ahrweiler erschienen
Sechs Albus „Fleischgeld“ für die Armen
Autor und Heimatforscher Hans-Georg Klein widmete sich diesmal der Armenfürsorge im alten Ahrweiler
Ahrweiler. Es dürfte in Rheinland-Pfalz, wenn nicht sogar bundesweit, nur wenige Städte geben, die über ein derart umfangreich erarbeitetes historisches Quellenwerk verfügen wie Ahrweiler. Hierfür verantwortlich ist seit vielen Jahren Hans-Georg Klein, der als profunder Heimatforscher und Autor in akribischer und aufwendiger Detailarbeit die „Quellen zur Geschichte der Stadt Ahrweiler“ erfasst. Seit März dieses Jahres auch Vorsitzender des herausgebenden Heimatvereins „Alt-Ahrweiler“, zeichnete Klein auch für die jetzt erschienenen Bände 10 und 11 verantwortlich. Im Fokus des 1.488 Seiten starken Werks steht diesmal die „Armenfürsorge im alten Ahrweiler“. Dass dies kein leichtes Thema ist, stellte der Erste Beigeordnete der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, Peter Diewald, schon in seinem Grußwort im Rahmen der kürzlich erfolgten Buchvorstellung in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler fest. „Das bringt Licht ins Dunkel eines bislang kaum beachteten Teils der Stadtgeschichte“, so Diewald.
Frömmigkeit und Gebet als gutes Werk
Dann galt es für die mehr als 50 Besucher abzutauchen in die Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts, denn aus eben jenem Zeitraum wertete Hans-Georg Klein die noch vorhandenen Gilden- und Hospitalrechnungen aus und verschafft dem Leser so überaus interessante Einblicke in das hiesige Sozialwesen weit vor der Einführung von Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Denn mit der heute bekannten Fürsorge für sozial schwache Menschen hatte die Armenversorgung im späten Mittelalter und früher Neuzeit nicht viel gemein. Die Mentalität der Menschen im alten Ahrweiler war stark vom katholischen Glauben und von großer Frömmigkeit geprägt, und so galten schon das Gebet und die Fürbitte als gutes Werk. Freilich half das Gebet nur spirituell und machte nicht satt.
„Haus-Arme“ und „Weingartsleut“
Um hier Abhilfe zu schaffen, kümmerten sich die Gildenbruderschaft und das Hospital um die Armenfürsorge, deren Finanzierung ab dem 16. Jahrhundert in kommunaler Hand lag. „Zielgruppe“ waren in erster Linie die „Haus-Armen“, also verarmte Bürger und Bettler sowie Tagelöhner ohne Grundbesitz, auch bekannt als „Weingartsleut“.
Arm werden, das ging seinerzeit schnell. Verwitwet, erkrankt oder verunglückt zu sein reichte dabei schon, um in schwere Armut abzurutschen. Half hier nicht die Familie, sah es für die Betroffenen alles andere als rosig aus. Um die knappen öffentlichen Mittel optimal zu verteilen, wurde ein „Bettelvogt“ eingesetzt, der nicht nur die Verteilung überprüfte, sondern auch für die Vertreibung ortsfremder Bettler zuständig war und den einheimischen Bettlern sogenannte „Bettelscheine“ ausstellte – sozusagen ein Berechtigungsschein, um in Ahrweiler betteln zu dürfen. Vor Bettlern von außerhalb fürchtete man sich nicht nur wegen den Kosten, sie galten auch als Überträger gefährlicher Krankheiten.
Medizinische Behandlung vom Scharfrichter
War medizinische Versorgung notwendig, gingen die Menschen entweder ins damals noch im weißen Turm ansässige „Hospital“ oder konsultierten einen der lokalen Ärzte und Wundärzte. Letztere waren keineswegs immer studierte Personen – so sind beispielsweise auch medizinische Handlungen durch den Scharfrichter (!) dokumentiert. Interessant ist auch ein Blick auf die Zahlen: So wurden im Jahre 1584 in Ahrweiler, das damals rund 1.050 Einwohner hatte, insgesamt 116 verarmte Personen vom Rat mit je sechs Albus „Fleischgeld“ bedacht.
Die just erschienenen „Quellen zur Geschichte der Stadt Ahrweiler“, Band 10 und 11, zusammengestellt von Hans-Georg Klein sind in der „Buchhandlung am Ahrtor“ in Ahrweiler erhältlich.
