Allgemeine Berichte | 12.11.2019

Drei Ereignisse waren Anlass zur Feierstunde in der ehemaligen Synagoge in Niederzissen

„Seit undenklichen Zeiten... Der jüdische Friedhof Niederzissen“

Buchvorstellung, Erinnerung an die Reichspogromnacht und 10 Jahre Kauf der ehemaligen Synagoge durch die Ortsgemeinde Niederzissen

Das neue Buch wurde in der ehemaligen Synagoge vorgestellt.Zahlreiche Gäste gratulierten und sprachen ihre Grußworte. Fotos: HE

Niederzissen. Der 9. November ist der Gedenktag an die Pogromnacht in Deutschland im Jahr 1938. In dieser Nacht stürmten Nazis die Synagogen im Land, plünderten und steckten sie in Brand. Jetzt – 81 Jahre später fand in der ehemaligen Synagoge in Niederzissen die Vorstellung des Buches „Seit undenklichen Zeiten... Der jüdische Friedhof Niederzissen“ von Gerdt Fried und Brunhilde Stürmer. Es ist bereits die zweite überarbeitete Auflage, denn die erste ist bereits vergriffen. Die auffällige Polizeipräsenz vor dem Gebäude wirkte erschreckend und beruhigend zugleich, war abr wohl vor allem im Zusammenhang mit dem Gedenktag erforderlich.

Der Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen begrüßte die Gäste in der ehemaligen Synagoge, so die Bürgermeister Rolf Hans, Johannes Bell und aus Brenk Bürgermeister Christoph Stenz, den Kreisbeigeordneten Horst Gies, sowie den Landtagsabgeordneten Guido Ernst. Ebenso hieß er als Vertreter der jüdischen Gemeinde Koblenz Dr. Christoph Simonis und Marina Kashdan willkommen, Abt Benedikt Müntnich und natürlich die Autorin und jetzt Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Brunhilde Stürmer sowie ihre Mitstreiterin Brigitte Decker, die maßgeblich an der Überarbeitung des Buches beteiligt war.

„Heute vor 81 Jahren geschah es in Niederzissen, vor einem Monat, am 9, Oktober, in Halle,“ begann Richard Keuler seine Begrüßungsrede. „Im November 1938 erstürmten Schergen des Naziregimes dieses Haus, die Synagoge der jüdischen Gemeinde. Sie entweihten das damalige Versammlungs- und Gotteshaus, in dem die Menschen jüdischen Glaubens aus Niederzissen und dem Brohltal zusammen kamen, im Gebet mit Gott in Verbindung traten, lernten und die Feste im Jahreskreis feierten.“ Und im weiteren Verlauf betont er: „Das Erlebte damals und die aktuellen Ereignisse führen uns besonders vor Augen, dass die Gesellschaft endlich aufwachen und erkennen muss, wie tief und breit Antisemitismus in Deutschland verbreitet ist. Das macht mich wütend und traurig zugleich. Es bestärkt mich aber auch, und da schließe ich uns alle ein, die wir heute hier sind und besonders die, die sich hier permanent engagieren, unseren eingeschlagenen Weg der Aufklärung und aktiven Mitarbeit gegen Antisemitismus zu verstärken.“

Dies wusste auch Bürgermeister Rolf Hans zu bestätigen, indem er einen Einblick in die Geschichte der Synagoge und vor allem dem Auf und Ab des Ankaufes durch die Gemeinde gab. Vor zehn Jahren hatte diese nämlich nach zweijährigem Ringen und den Bemühungen einer Bürgerinitiative das Gebäude, das inzwischen als Schmiede und Traktorenwerkstatt genutzt wurde, gekauft, und dann begann die aufwändige Renovierung und Wiederherstellung durch den Heimat- und Kulturverein, der auch heute noch verantwortlich für den perfekten Zustand des Hauses zeichnet. Zwei Jahre lang hatten die Bürger und Ratsmitglieder beraten und gestritten, bis es zum Kaufentscheid kam. „Die Bürgerschaft der Gemeinde Niederzissen war wegen des Ankaufs zweigeteilt“, so Ortsbürgermeister Rolf Hans. „Es gab Befürworter, aber auch lautstarke Gegner. Mir Anfeindungen mussten sich zahlreiche Mitglieder des Kultur- und Heimatvereins auseinandersetzen.“

Seitdem wurde das Gebäude saniert und wiederhergestellt und dient heute als Veranstaltungsort für die Gemeinde und für Vereine und ist zusätzlich zu einem Heimat- und Kulturdenkmal geworden, das über die Grenzen des Ortes hinaus bekannt ist.

Es geschah auch bei uns

Kreisbeigeordneter Horst Gies überbrachte die Grüße des Landrates und erläuterte in seinem Grußwort: „Vor 81 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte, Wohnungen und Einrichtungen verwüstet, unschuldige Menschen verhaftet, misshandelt und in Konzentrationslager verschleppt. Das geschah auch bei uns: In Niederzissen, Königsfeld, Gelsdorf, Sinzig, Remagen, Bad Neuenahr und Ahrweiler“. Das ehrenamtliche Engagement des Vereins wurde bereits 2013 durch den Kreis mit der Verleihung der Ehrenplakette gewürdigt. Ebenso sei eine finanzielle Unterstützung erfolgt, im Laufe der Jahre seien so 6.500 Euro geflossen. Die zweite, überarbeitete Auflage des Buches von Gerdt Fried und Brunhilde Stürmer sei eine hervorragende Teamarbeit und könne sich sehen lassen.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal, Johannes Bell, zeigte sich bedrückt von der gegenwärtigen Entwicklung: „Die bürgerlichen Parteien der Mitte haben ihre Mehrheiten verloren.“ Dies zeige nicht nur die politische Entwicklung in Thüringen, sondern auch ein Blick in europäische Nachbarländer sowie nach Russland und in die USA. Es könne „einem angst und bange werden, die Nationalsozialisten dürfen eben nicht, wie vor 80 Jahren, erneut zum Erfolg kommen.“ Daher müsse man Einrichtungen wie die ehemalige Synagoge und damit auch den Heimatverein unterstützen. Dies bestätigte auch Dr. Christoph Simonis von der jüdischen Gemeinde in Koblenz: „Niemand wird als Antisemit geboren, dies wird im Laufe der Sozialisierung von Generation zu Generation weitergegeben. Was kann man tun? Man muss bei der jungen Generation ansetzen und durch Bildung und Information eine Entwicklung wie vor 80 Jahren verhindern.“

Im Anschluss stellten Brunhilde Stürmer und Brigitte Decker das neue Buch vor, das in einer überarbeiteten Ausgabe und mit verbessertem Kartenmaterial ab sofort in der Buchhandlung Maria Laach zum Presi von 15 Euro erhältlich sein wird.

Richard Keuler, der Vorsitzende desHeimat- und Kulturvreins begrüßte die Gäste.

Richard Keuler, der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvreins begrüßte die Gäste.

Ortsbürgermeister Rolf Hans schildertesehr eindrucksvoll den Werdegang des An kaufs der Synagoge.

Ortsbürgermeister Rolf Hans schilderte sehr eindrucksvoll den Werdegang des An kaufs der Synagoge.

Johannes Bell, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal zeigte sich entsetzt über die gegenwärtige politische Entwicklung.

Johannes Bell, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal zeigte sich entsetzt über die gegenwärtige politische Entwicklung.

Kreisbeigeordneter Horst Gies überbrachte die Grüßedes Landrates.

Kreisbeigeordneter Horst Gies überbrachte die Grüße des Landrates.

Der jüdische Friedhof in Niederzissen. Um dessen Erhalt kümmert sich der Kultur- und Heimatverein ehrenamtlich seit 12 Jahren.

Der jüdische Friedhof in Niederzissen. Um dessen Erhalt kümmert sich der Kultur- und Heimatverein ehrenamtlich seit 12 Jahren.

Vor zehn Jahren wurde die ehemalige Synagoge in Niederzissen nach zweijährigen Beratungen von der Gemeinde erworben.

Vor zehn Jahren wurde die ehemalige Synagoge in Niederzissen nach zweijährigen Beratungen von der Gemeinde erworben.

Dr. Christoph Simonis von der jüdischen Gemeinde in Koblenz: „Niemand wird als Antisemit geboren.“

Dr. Christoph Simonis von der jüdischen Gemeinde in Koblenz: „Niemand wird als Antisemit geboren.“

Das neue Buch wurde in der ehemaligen Synagoge vorgestellt. Zahlreiche Gäste gratulierten und sprachen ihre Grußworte. Fotos: HE

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Imageanzeige
Regionales aus Ihrem Hofladen
Titel - Alles für die Schule
Innovatives aus Weißenthurm
Vorabrechnung, Nr. AF2025.000354.0, Juli 2026
SSV
Empfohlene Artikel
So eine Standard-Kapelle ist bei den herkömmlichen Sightseeingtouren nicht unbedingt in den Top 10 mit dabei, schon gar nicht im Westerwald.
146

So eine Standard-Kapelle ist bei den herkömmlichen Sightseeingtouren nicht unbedingt in den Top 10 mit dabei, schon gar nicht im Westerwald. Aber wie gut, dass es die Kapelle am Heilborn gibt. Hier hat sich die Natur ihren Weg gebahnt und ein solider Baum wächst schnurstracks durchs Vordach. Offenbar hat dem Baum niemand erklärt, dass man normalerweise erst baut und dann pflanzt. Egal: Das Ergebnis ist jedenfalls spektakulär.

Weiterlesen

Kita-Pilotprojekt zur Mülltrennung erfolgreich umgesetzt.  Foto: Valeriia Weckert, Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied
24

Kreis Neuwied. Mit der Übergabe neuer Bildungsmaterialien und Mülltonnensets an die städtischen Kitas sind die „Müllprojekttage“ erfolgreich abgeschlossen. Das Vorschulprojekt zum Thema „Müll“ wurde von Ende 2025 bis Mitte 2026 erstmals in allen städtischen Kindertagesstätten in Neuwied angeboten und stieß bei Kindern und Erzieher*innen gleichermaßen auf große Begeisterung.

Weiterlesen

Weitere Artikel
(v.l.) Charlotte Jürgens (linke und rechte Hand) von Annette Bartsch (DSM-Direktorin)
1358

Bad Neuenahr. Ein sportlich erfolgreicher Turniertag fand seinen krönenden Abschluss bei einer besonderen Abendveranstaltung im Steigenberger Hotel Bad Neuenahr. In stilvollem Ambiente kamen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Gäste sowie Organisatoren zusammen, um die besondere Atmosphäre des Turniers auch abseits der Tennisplätze zu genießen. Der Abend stand ganz im Zeichen regionaler Gastfreundschaft, langjähriger Verbundenheit und des gemeinsamen Blicks in eine erfolgreiche Zukunft des Turniers.

Von HTC Bad Neuenahr aus Bad Neuenahr-Ahrweiler

Weiterlesen

Mitglieder und Freunde des VdK Ortsverbandes Mayen.Tagesausflug nach Luxemburg.
267

Mayen. Der Sozialverband VdK zählt in der Stadt Mayen mittlerweile über 1.000 Mitglieder und ist damit einer der größten Sozialverbände vor Ort. Die kompetente Beratung und Unterstützung der Mitglieder durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der VdK-Geschäftsstelle sowie eine engagierte Mitgliederbetreuung durch den Vorstand gehören zu den zentralen Aufgaben des Ortsverbandes.

Von Stefan Müller aus Mayen

Weiterlesen