Lebenswerte Zukunft in der VG Mendig
Seniorenfürsorgeprojekt geht in die erste Testphase
Mendig. Es gibt bereits eine Senioren - Servicestelle und einen Sicherheitsberater für Senioren im Mendiger Rathaus, sowie auf die älteren Semester zugeschnittene Veranstaltungen. Auch ein Seniorentaxi, dessen Dienste in kurzer Zeit bereits von rund 10.000 Fahrgästen in Anspruch genommen wurde, ist Realität. Ein fahrendes Bürgerbüro besucht ältere Menschen auf Wunsch Zuhause - die VG Mendig hat in der Vergangenheit schon allerhand für ihre Senioren auf den Weg gebracht.
Eine weitere, zukunftsträchtige Idee schickt der Landkreis Mayen - Koblenz derzeit in ihre Testphase und hat im Rahmen dessen die Verbandsgemeinden Mendig und Maifeld zu „kommunalen Versuchskaninchen“ bestimmt: Am vergangenen Donnerstag trafen sich Initiatoren und potentielle zukünftige Netzwerker in der Mendiger Laacher - See - Halle, um das neue „Seniorenfürsorgeprojekt“ in der Verbandsgemeinde Mendig Wirklichkeit werden zu lassen. Das Projekt soll Ehrenamtler und professionelle Hilfsdienste vernetzen, um dauerhaft sicherzustellen, dass älteren Menschen jede Hilfe zukommt, die sie benötigen - medizinisch, persönlich, sozial und auch finanziell.
Die Koordination soll 28-jährigen Stefan Hilger im Rathaus Mendig stemmen - seine Aufgabe ist es ab jetzt, Menschen in einer Bedarfslage unbürokratisch direkte Hilfe zu vermitteln. Zu Beginn der Veranstaltung machte VG-Bürgermeister Jörg Lempertz anhand eines interessanten Exkurses fassbar, was der viel bemühte und dennoch einigermaßen abstrakt gebliebene Begriff des „demographischen Wandels“ eigentlich bedeutet: „Im Jahr Christi Geburt waren wir gerade einmal 300 Millionen Menschen auf der Welt“, so Lempertz, „heute sind wir siebeneinhalb Milliarden. Vor gerade einmal 18 Jahren waren wir noch 6 Milliarden Menschen auf der Welt. Diese Entwicklung ist unglaublich und wenn Sie sich die die Grafik anschauen, sehen Sie: Die ersten tausend Jahre nach Christus hat sich nicht wirklich viel verändert in der Bevölkerungsentwicklung: Von 300 auf 310 Millionen in 1000 Jahren - das war fast nichts.“ Weiter auf dem Zeitstrahl zeigte sich zwar ein latenter, aber dennoch kaum wahrnehmbarer Anstieg der Weltbevölkerung - bis zum Jahr 1950, dem Jahr der großen industriellen Revolution.
„Die Menschen begannen, Maschinentechnik und Gesundheitssysteme aufzubauen, sich besser der Landwirtschaft zu bedienen, effizientere Arbeitsweisen an den Tag zu legen und Produktionsprozesse voranzutreiben.“ Die Folge: „Heute in 80 Jahren werden wir 11, 5 Milliarden Menschen sein - so sind die Prognosen. Wir werden uns also in dieser Zeit fast verdoppeln - und das bedeutet riesige Herausforderungen: Wasser, Logistik, Nahrung - aber auch mit Menschen im Alter umzugehen. Sie sehen, dass wir pro Tag einen Zuwachs haben von 220.000 Menschen - das ist zweimal die Stadt Koblenz, die jeden Tag zusätzlich auf die Welt kommt. Im Jahr ist das einmal die Bevölkerung von Deutschland - all die Menschen kommen jedes Jahr dazu und die Zahl ist schon bereinigt um die Sterbefälle. Dieses Wachstum ist gigantisch. Viele wissen davon - aber bereiten wir uns vernünftig auf diesen Zuwachs vor?“
Die Bevölkerung wird älter
Noch im Jahr 1900 zeigte die Alterspyramide hierzulande, ihre klassische Form: „Als unsere Urgroßeltern geboren wurden, hat man es gekannt, dass es ganz wenige ältere Menschen gab und ein Haufen Kinder die Welt beseelten. Die Basis der Pyramide bildeten damals die Null- bis Fünfjährigen; mal einen 90 Jahre alten Menschen um 1900 zu erleben, das war selten“, machte Lempertz auch mit Hilfe entsprechender Grafiken deutlich, „steinalt war man damals schon mit 70 oder 75 Jahren - die meisten hatten nicht das Glück, wesentlich älter zu werden.“ Die Alterspyramide von heute zeigt dagegen ein deutlich anderes Bild und fast die Ambition, sich auf den Kopf zu stellen: „Die Grafik zeigt heute einen nach oben verrutschen Bauch“, beschrieb es der VG-Chef am Donnerstagabend in Mendig, „und das stellt, zumindest in Deutschland, die Welt komplett auf den Kopf.“ Vorbei sei die Zeit, in der man im Alter von Gebrechlichkeit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit in erster Priorität gesprochen habe, „unsere heutigen Senioren sind viel aktiver und gesünder und lebendiger als jemals zuvor und wir wissen alle, dass viele das Glück haben, gesund alt zu werden.“ Dennoch gebe es auch diejenigen, und mit steigendem Lebensalter automatisch eine immer größer werdende Anzahl von Menschen, die in unterschiedlichem Ausmaß hilfsbedürftig würden: „Eine hohe Lebenserwartung bringt zwangsläufig das ein oder andere Gebrechen mit sich“, so Lempertz, und genau darauf müsse eine Gesellschaft vorbereitet sein. Weitere Grafiken machten deutlich sichtbar, dass derzeit die „mittleren Jahrgänge“, Menschen zwischen dem 45. und dem 75. Lebensjahr, den Großteil der Bevölkerung ausmachen. „Die in der Mitte werden alle älter - von unten kommt aber dabei nicht mehr nach, als es die letzten Jahrzehnte der Fall war - seit dem „Pillenknick“ 1968“, so Lempertz zu den Prognosen, „die Pyramide der Zukunft wird diese Entwicklung auf den Kopf stellen: unten schmaler - oben breiter. Das heißt, immer weniger junge Menschen dürfen sich um immer mehr ältere Menschen kümmern.“ In der VG seien im Jahr 2000 2200 Menschen über 65 Jahre alt gewesen, „im Jahr 2030 wir ihre Anzahl der Prognose nach auf 4000 angestiegen sein“, so Lempertz, „das ist fast eine Verdoppelung in der kurzen Zeit. Wenn Sie dann später durch Mendig fahren, wird auch mehr los sein in der Stadt - und in der gesamten Verbandsgemeinde.“ Es würden die Grauhaarigen dominieren; ein ganz anderes Ortsbild werde sich gestalten - „all das stellt uns vor gigantische Herausforderungen.“ Nicht nur die Barrierefreiheit bei neuen Bauvorhaben sei heute wichtiger denn je, „wir müssen zudem eine altersgerechte Infrastruktur vorhalten“, machte Lempertz klar. In 20 bis 30 Jahren sei der mit Abstand gigantischste Händler, zumindest nach den derzeitigen Prognosen, Amazon. „Sogar Lebensmittel, werden per Internet bestellt werden - zumindest von der jüngeren Bevölkerung.“
Die Senioren seien auf dem Gebiet heute noch eher abgehangen und kauften noch „lebendig“ ein, „und das müssen wir in Zukunft bewahren, denn was gibt es Schöneres, als sich später in Geschäfte zu begeben“, deswegen erfordere das Ganze auch eine aktive Wirtschaftspolitik. Wichtige Themen und gleichzeitig die großen Herausforderungen der Zukunft seien zudem die ärztliche Versorgung - gerade in ländlichen Bereichen -, die Frage neuer Wohnformen „und natürlich auch die Attraktivität einer Kommune für junge Familien, um dauerhaft auch das altbewährte Familien - Pflegepotential zu generieren“, gab Jörg Lempertz zu bedenken; entsprechende „Updates“ der Bereiche Schulstruktur und Kinderbetreuung wurden bereits vorgenommen. „Wir haben viele Kräfte zu bündeln, um der großen Bevölkerungsschicht, unseren Senioren, zur Seite zu stehen - als die größte, die wir uns in den kommenden Jahrzehnten vorstellen konnten“, brachte der VG-Bürgermeister die Herausforderung auf den Punkt.
Junge, agile Rentner sollen in das Projekt eingebunden werden
Im Rahmes des neuen „Seniorenfürsorgeprojekts“ möchten die Initiatoren insbesondere junge, agile Rentner einbinden, denn die verfügen über das größte Pensum an freier Zeit. Nicht nur in Mendig, sondern in allen Ortschaften der Verbandsgemeinde sollen bald Ehrenamtler vor Ort sein, die Not- und Bedarfslagen ihrer Mitmenschen schnell erkennen und, das Einverständnis Betroffener vorausgesetzt, an den Koordinator im Mendiger Rathaus weiterleiten. Zu den Angeboten gehören die Beantragung von Sozialleistungen und medizinischer Hilfsmittel ebenso, wie die persönliche Zuwendung und das Etablieren attraktiver Sport- und Freitzeitangebote für die „jungen Alten“. „Manch einem ist schon mit einer gemeinsame Tasse Kaffee einmal mit Monat sehr geholfen“, so Lempertz. Von Vereinsamung seien besonders viele Menschen im Alter betroffen - dem müsse man unbedingt entgegenwirken, „Vereinsamung ist das Schlimmste, was es gibt“, weiß der Verbandsbürgermeister. Auch hier will die Initiative konkrete Angebote machen und die Senioren zudem mit auf sie zugeschnittenen VHS-Kursen fit machen fürs Internet, denn gerade per „www“ lassen sich leicht Freunde finden und neue Kontakte schließen. Es ist ein in Deutschland überfälliges Mammut - Projekt, das in Mendig und im Maifeld derzeit die ersten Schritte macht. Dänemark und die Niederlande, beispielsweise, gehen schon seit Jahren neue, innovative Wege, was Lebensmodelle und -sicherung im Alter betrifft.
Der menschliche Aspekt steht klar im Vordergrund
„Wenn die Koordinierungsstelle von einer Bedürftigkeit erfährt - vorausgesetzt, der ältere Mensch ist damit einverstanden, dass man das weitergibt - dieser Wunsch ist in jedem Fall zu respektieren - dann gibt es jetzt jemanden, der das gesamte Portfolio an Angeboten kennt - sowohl professionelle Hilfen, als auch ehrenamtlichen Hilfen“, präzisierte Kreistagsabgeordnete Lea Bales das Vorhaben. Es gebe schon eine ganze Menge Angebote, doch es gehe hier insbesondere darum, professionelle und ehrenamtliche Hilfe zu verbinden. Für Bales steht der menschliche Aspekt dabei klar im Vordergrund: „Es geht darum, „Face to Face“ Zeit zu investieren - ich glaube nämlich, genau das kommt heute viel zu kurz. Sicherlich macht es Sinn, das Projekt auch digital zu etablieren“, so die Kreistagsabgeordnete, dennoch sei es wichtiger, die Menschen Zuhause persönlich zu erreichen, „hier geht es vor allem um Zeit und ich glaube, das ist ein ganz kostbares Gut.“
Der Landkreis unterstützt das Projekt
Ehrenamtler müssten dabei selbst auch unterstützt werden, keinesfalls sollten sie überfordert werden, so Bales: „Ihre Aufgabe ist es in erster Linie, Bedarfslagen zu erkennen - und den Kontakt zur Koordinationsstelle zu vermitteln, das ist ein wichtiger Schritt.“ Alles andere könne wachsen, „es gibt ja auch schon hier und da ein Netzwerk einer sorgenden Gemeinschaft. Aber dennoch muss sich das eine oder andere noch verbinden und es gibt da auch sicherlich noch vieles, was man zukünftig darüber hinaus anbieten kann. Der Landkreis unterstützt die Sache vorerst mit 20.000 Euro, das ist für den einen viel - für den anderen wenig“, in jedem Fall sei es eine kleine Starthilfe, „und das heißt nicht, dass wir das Projekt nicht auch in Zukunft unterstützen werden; die Unterstützung wird auch in Zukunft da sein“, versicherte die Gleichstellungsbeauftragte, die nicht zuletzt dafür Sorgen tragen will, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben können.
Regelmäßige Sprechstunden für Senioren
„Die Koordinierungsstelle ist als eine Art Impulsgeber gedacht“, sagte Stefan Hilger, der als Koordinator ab jetzt regelmäßige Sprechstunden für Senioren, auch in den zur VG gehörenden Ortsgemeinden anbieten wird. „Ich habe festgestellt, dass die Angebotspalette an Hilfsmöglichkeiten erschlagend ist und die Leute wissen oft einfach nicht, mit welchem Anliegen sie sich an wen wenden sollen. Ich möchte die Möglichkeiten offenhalten, sich direkt an die Pflegestützpunkte zu wenden - oder an uns. Wir möchten dadurch einfach sicherstellen, dass ein regelmäßiger Austausch zwischen allen Stellen stattfindet.“ Oft sei es auch so, dass Menschen mitbekämen, dass beispielsweise ein Nachbar ein bestimmtes Problem habe, so Hilger, sich selbst keine Hilfe organisieren könne. „Die Aufgabe möchte ich für alle übernehmen und das auch richtig verteilen auf die Stellen, die zuständig sind. Ich möchte also Ansprechpartner für alle Probleme sein, die die Senioren in der Verbandsgemeinde umtreiben, ohne irgendwelche Kompetenzen zu beschneiden.“ Das Projekt wird in seiner Testphase von der Hochschule Koblenz begleitet, „die fanden die Idee toll und wollen sehen, was daraus wird und aktuell ist auch das zuständige Bundesministerium bereits an den Ergebnissen der Evaluation interessiert“, freute sich Lea Bales.
Mitstreiter gesucht!
Die Initiative ist dankbar für jeden weiteren Mitstreiter und freut über viele weitere tolle Ideen. Interessierte können sich entsprechende Formulare über die Hompepage der Verbandsgemeinde Mendig ausdrucken oder sich direkt mit Stefan Hilger unter der Tel. (0 26 52) 98 00 35 in Verbindung setzen. Weitere Treffen werden zeitnah stattfinden.
Koordinator für sämtliche Belange von Senioren im Rathaus Mendig ist ab jetzt der 28-jährige Stefan Hilger
Gleichstellungsbeauftragte Lea Bales brennt für die neue Idee.
