Kultursalon Koblenz überprüft die Würde des Menschen
Sind unsere Werte noch zu retten?
Koblenz. Herbst, die Bäume vor dem Schloss wollen weder gelb noch braun werden. Um 16 Uhr stellte der Herrgott den Regen ab, schickt Sonnenstrahlen. Das garantierte ein gutes Ankommen im Schloss zum 20. Kultursalon Koblenz.
Eingeladen waren: Schwester Scholastika Jurt, Generaloberin vom Dominikanerinnenkloster Arenberg, Schwester Magareta bekannt als Dekanin Prof. Dr. Gruber an der Philosophisch Theologischen Hochschule, Fachbereich Theoplogie, in Vallendar, Abt Andreas Range, Leiter der Abtei Marienstatt aus dem Westerwald und der Koblenzer Unternehmer, Stifter Martin Görlitz. Thema des Abends war das Wertesystem unserer Gesellschaft. Die Moderation übernahm Salongründerin Petra Lötschert.
Werte authentisch leben und lieben
Schwester Scholasika sprach über christliche Werte, die interdisziplinär zu betrachten sind. „Denn jede Religion vertritt letztendlich Werte. Werte, die uns zu uns, zum Göttlichen in uns und zu einer gesunden Gesellschaft führen. Wer Gott dient, dient der Gesellschaft.“
Lötschert machte das Thema Liebe zum Mittelpunkt der ersten 20 Minuten. Einen Wertebegriff, den nicht nur die Salonleiterin als Triebkraft des Universums, des Menschen sieht. Wie der Makrokosmos, so der Mikrokosmos. Über Liebe wollte die Dominikanerin Scholastika Jurt nicht nur philosophieren. Liebe will umgesetzt werden: „der Mensch, der liebt, hat etwas zu tun.“ Lötschert unterbrach hier leicht: „Liebe ist nicht zweckbetont“. Die Generaloberin holte weiter aus: „sie sollte aber auch nicht ins Blaue verlaufen“. Beide Sprecherinnen ergänzten sich. „Jeden Tag eine gute Tat, heißt es im Volksmund“, ermunterte sie Petra Lötschert. Schwester Scholastika sei aber auch schon mit einem Anlächeln des Mitmenschen, einem wohlwollenden Blick zufrieden. Die Moderatorin ermunterte die Dominikanerin zu den Werten Demut und Hingabe Stellung zu nehmen. Das Gästehauses im Kloster Arenberg biete einiges für den non-monastisch lebenden Bürger, um abseits von den Ablenkungen des Konsumtrubels zu sich selbst zu finden, positive Werte, die Würde des Menschen, wieder leben zu können. Yoga, Qi Gong, Bibliodrama, Schweigewanderungen und vieles mehr helfen abzuschalten. Das begrünte Klosterareal biete mehr als nur Wellness, es ist eine Schatztruhe, die jeder für sich öffnen kann. Nicht nur zu Krisenzeiten.
„Das Göttliche wieder in uns finden“
Die PTH in Vallendar bietet zwei Fakultäten an Theologie wie Pflegewissenschaft. Alle Religionsgruppen können an der Philosophisch Theologischen Hochschule studieren. Hier werden Werte vermittelt, die die Menschen das Gute in sich selbst, im Leben erkennen und verstehen lassen, um es bewusster leben wie vorleben zu können, vermittelte Dekanin Schwester Gruber mit Enthusiasmus. „Auf der Suche nach uns, unseren Werten, unserer Würde kommen wir bei Gott in uns an“, erklärte sie in ihrem klugen Vortrag. Der PTHV-Unterricht verspreche Qualität. Auf einen Dozenten kommen fünf bis sieben Studenten. Träger der Philosophisch Theologischen Hochschule sind die Marienhaus Holding und die Vincenz Palotti GmbH. Diese Hochschule ist die einzige, die Pflegewissenschaft deutschlandweit anbietet und entwickelt sich gerade zu einer echten Perle am Rhein. Auf dem Lehrplan stehen neben Marketing, Forschung und Technik, die Ethik. Perspektiven eines guten Alterns, alter Patient im modernen Krankenhaus, Weisheit und Alter, Menschenwürde im Alter sind nur ein Teilaspekt eines großartigen Angebots. Die Vortragsabende sollte der Bürger der Region nutzen.
Für die Management-Hochschule WHU in Vallendar bietet die PTHV Beratung im Bereich Business-Ethik an, ein Fach das hervorragend von kommenden Spitzenmanagern und Jungunternehmern angenommen wird.
Der barocke Abt Andreas
Eigentlich ist er Zisterzienser, doch hat er auch Sinn für das Schöne. Ein Barockgarten schmückt die Abtei Marienstatt. Die Abtei ist wie alle Klöster auf Selbstversorgung angelegt. Eine eigene Brauerei zum Einkehren, eine Privatschule, einen Hofladen mit leckeren Likören, spannende Vorträge, Lesungen und Musikkonzerte liefert das Haus neben Gottesdiensten und Wallfahrten. „Das Land Rheinland-Pfalz hat neun Millionen Euro in die Sanierung des Klosters gesteckt. Und die acht verbleibenden Mönche haben einen neuen Bruder bekommen“, berichtete er. Pater Andreas Range freute sich sehr darüber. Den Rückgang des Klerus und seiner Nachfolger sehe er nicht als Katastrophe, er bleibe gelassen wie Schwester Scholastika. Beide leben im Hier und Jetzt. Nicht Zahlen beherrschen ihr Leben. Qualität siege über Quantität. Schon immer. Sie wollen authentisch spirituell bleiben, sich nicht verbiegen, noch anbiedern. Sie schenken sich Gott, letztendlich den Menschen, der Gesellschaft. „Denn in uns ist Gottes Funke. Wir sind seine Ebenbilder. Es scheint, als hätte die Gesellschaft es vergessen und gleichzeitig die Würde des Menschen. Mancher sieht vor lauter Funktionalität und Konsumverhalten den Weg zu sich nicht mehr. Der Weg zu sich, zu Gott.“ Scholastika Jurt und Bruder Andreas Range wissen, dass sie mehr denn je gebraucht werden. Sie leben ein Leben in höchster spiritueller Erfüllung und können ihr Glück mit denen, die sich trauen, ihnen anvertrauen, teilen. Das mache glücklich, unsagbar zufrieden - ein innerer Frieden ging von beiden Talkgästen aus. Klostermenschen haben losgelassen von Hab und Gut. Sie besitzen noch den Blick für das Wesentliche. Trauen sich auch täglich immer wieder, neu loszulassen, und gewinnen an immateriellem Reichtum. Marientstatt ist eine Reise wert. Alle am Tisch waren sich einig. Die Kirche werde es weiter geben, solange der Bruder, die Schwester eines Ordens authentisch bleiben, mit Liebe und Hingabe der Ordnung des Ordens dienen.
Packen wir es an
Als „ein Mann der Tat“ müsste Petra Lötschert ihren Gast Martin Görlitz beschreiben. Sie kümmerte sich noch um die Gäste, da hatte Herr Görlitz schon ihr die Mikros und ein Roll up justiert. Dieser Unternehmer ist ein Macher, bringt gern alles auf den Weg. Der Ex-Unternehmer ist mittlerweile ein ebenso erfolgreicher Stifter. Koblenz hatte er mit der „Jugendwerkstatt“, dem „Solar Campus“ und „ISSO“ bereits bereichert. Über Managerwerte im herkömmlichen Sinn verlor der Ingenieur keine Worte. Er ließ ein blaues Kundenmagazin einer deutschen Bank für sich sprechen. Auf dem Booklet stand „Werte“. Gesellschaftswerte werden hier zu Unternehmenswerten degradiert, umfunktioniert. Worte und damit Werte aus ihrer gewohnten Umgebung genommen, geknackt, missbraucht, erfuhren die Zuhörer. So entstünden Pseudowerte, die mit den Menschen spielen. Er selbst leite den Begriff Wert, Wertebildung von der Elternverantwortung ab, Kindern Gutes vorzuleben. Martin Görlitz brachte ein Beispiel. Beim Familienausflug mit den Söhnen fand er unter einer Bank 300 DM. Sechs braune Scheine. Die Kinder hätten das Geld schon umzusetzen gewusst. Aber er wollte Verantwortung vorleben. Ging zur Fundstelle, gab die 300 DM ab und seine Adresse. Nach sechs Monaten wurden ihm vom Fundbüro 600 DM überwiesen. Ehrlich währt am längsten. Ein Unternehmerwert sei die Verantwortung und diese vorzuleben. Für Schwester Scholastika Jurt war auch Gandhi`s Appell an die Pünktlichkeit ein Wert. Dem anderen Achtung durch Pünktlichkeit zu zeigen.
Zur Entschleunigung für den nur noch funktionierenden Menschen oder Manager von heute schlug der Koblenzer Slow Trekking, das Wandern mit Eseln vor. Das Publikum lauschte seinen Anekdoten. Ein Esel ließe sich nur von klar denkenden Menschen führen. Eine echte Herausforderung für Führungskräfte. Abt Andreas war bereit diese biblischen Wanderer über Nacht bei sich in der Abtei Marienstatt aufzunehmen. www.slowtrekking.de.
Wer macht den hier Theater
Der Kultursalon Koblenz lädt die Koblenzer und Gäste der Region wieder am Samstag, 10. Dezember zu sich ins Schloß, wie immer ab 17.30 Uhr. Marcel Hoffmann vertritt die Riege der Schauspieler, Astrid Sacher die privaten Theaterbesitzer, Frank Eller, die Regisseure der Region.
Welche Werte vertreten diese Berufe? Zusammen mit Petra Lötschert wirft das Publikum einen Blick hinter die Bühnen der Region. Eintritt frei. www.kultursalonkoblenz.de.
Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.
