Wie kreativ Sprache und Dialekt sein können

So wurde aus einem Knaben in Remagen-Kripp der „Schenki“

05.05.2020 - 14:00

In unserem kleinen Dorf Kripp am Rhein wurde eine ganze Reihe von Halbwüchsigen und Erwachsenen mit Spitznamen benannt. Warum überwiegend Vertreter des männlichen Geschlechts mit solch vielfältigen Scherznamen gerufen wurden, ist schwer zu sagen.


Wollte man die Mädchen und Frauen schonen, sie nicht ärgern oder auf die Palme bringen?

Dafür hat man doch dem einen oder anderen im Dorf einen Namen verpasst, der ihn charakterisiert, persifliert oder, was noch häufiger vorkam, seinen echten Familiennamen verändert und verniedlicht. Mit manchem Spitznamen traute man sich auch, den Träger dieses Namens anzusprechen. Dagegen gab es andere, die nicht so sehr schmeichelhaft waren, und nur hinter dem Rücken der jeweiligen Person genannt werden durften.


„Düres“ und der lachende Vagabund


Ein Beispiel dafür ist der Ulkname „Der lachende Vagabund“. Ich muss gestehen, dass ich das richtig komisch fand. Der Mann in mittleren Jahren war groß, unsicher sein Gang. Mit seiner Familie war er in unser Dorf gezogen, wo sie in einem kleinen Häuschen wohnten.

Sah ich ihn in meiner Jugend auf der Straße, fiel mir tatsächlich immer auf, dass, wenn er sich mit jemand unterhielt, beim Lachen in seinem übergroßen Mund, eine Reihe von ungezählt vielen Zähnen zu sehen war. Auch seine Augen und das ganze Gesicht lachten mit. Als ich später als Schüler in den Ferien zeitweise auf dem Bau arbeitete, um mir das Geld für ein Rennrad zu verdienen, waren wir mal Kollegen auf der Baustelle. Da war der „Lachende Vagabund“ ein netter Arbeitskamerad. Ein paar Jahre später habe ich dann erfahren, dass er auf tragische Weise ums Leben gekommen ist.

Ein Berufsfischer mit Namen „Düres“ kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich an die alten Zeiten zurückdenke. Als Jungs verbrachten wir viel Zeit am Rhein und an der Ahrmündung. Dort war das Revier, wo der alte „Düres“ mit seiner Trötsch und einem Wurfnetz vom Ufer aus fischte. Er war einer der letzten seiner Art und mochte wohl keine Kinder, sah sie als Störenfriede und Konkurrenten beim Fischen an. So schimpfte er öfters mit uns oder versuchte uns zu verjagen. Das war immer so eine Art von Katz-und-Maus-Spiel.

Seinen Spitznamen „Düres“ trug er hingegen mit Würde und Stolz. Abgeleitet war dieser vom Namen „Theodor“, der im Rheinland damals nicht selten war, und wie viele andere Namen dort in einer rheinischen Variante vorkam, eben „Düres“.

Der Kosename „Brüderlein“ hingegen entsprang nicht dem rheinischen Dialekt: Ein Brüderpaar, vom Alter her nur ein paar Jahre auseinander, spielte viel zusammen und machte gemeinsam kleine Ausflüge auf der Dorfstraße. Der ältere nannte seinen jüngeren Bruder meist zärtlich mein „Brüderlein“. Erwachsenen oder anderen Kindern stellte er den Kleineren oft als „Brüderlein“ vor.

Wer diese Verkleinerungs- und Koseform zuerst gebraucht hat, ist nicht überliefert. Ungewöhnlich war jedoch der Gebrauch solch „feiner“ Ausdrücke. Im Dorf wurde überwiegend „Platt“, also Dialekt gesprochen. Im mündlichen Ausdruck ging es eher rau zu. Das war der Grund, warum dieser recht „vornehme“ Kosename zwischen uns eher raubeinigen Dorfknaben auffiel.

Dass man mit einem Spitznamen total daneben liegen kann, zeigt das folgende Beispiel: Ich habe es selbst erlebt. In meiner Jugend war es nicht an der Tagesordnung, dass jemand ein Rennrad besaß und damit weite Touren machte. Daher fiel mir ein älterer Mann auf, der oft mit seinem Rad auf den Straßen innerhalb und außerhalb unseres Dorfes unterwegs war. Meine Kumpels, die teilweise in seiner Nähe wohnten, nannten ihn nur „Ungeheuer“. Ich hätte schwören können, dies sei sein Spitzname gewesen. Daher habe ich ihn auch nie mit diesem Namen angeredet.

Erst viele Jahre später habe ich dann erfahren, dass „Ungeheuer“ sein echter Familienname war. Aber da war er leider schon verstorben. So kann man sich irren. Wie ich erfahren habe, war ich nicht der einzige, dem es so ergangen ist.

Damals, genauso wie heute, wurden deutsche Vornamen in englische umgewandelt. Das war chic, das war modern. Es war die Zeit, in der viele voller Bewunderung nach Amerika schauten und es sich als Vorbild wählten. Auch viele Deutsche, insbesondere jüngere Menschen, hörten im Radio den „AFN“, das „American Forces Network“. Dieser Radiosender für die amerikanischen Soldaten in Deutschland brachte gute Musik, darunter Country Music, Blues, Rock `n` Roll und vieles mehr, was der jüngeren Generation auch in Deutschland gefiel.

So war es nicht verwunderlich, dass aus dem traditionsreichen deutschen Vornamen „Karl“, die angelsächsische Variante „Charly“ wurde, was von allen schnell aufgegriffen wurde. Da „Karl“ seinerzeit ein beliebter Vorname war, benannten wir gleich mehrere Träger dieses Namens mit dem moderner klingenden „Charly“. Mit einem Träger dieses Namens war ich gut befreundet, bis Beruf und Bundeswehr uns in die Ferne führten.

Charly spielte mit mir zusammen in einer Schülerband, die sich die „Rhondas“ nannte. Wir verstanden uns gut; mit dabei waren noch mehrere Jungs, die auch auf einen Spitznamen „getauft“ waren. Unser Schlagzeuger war „Lenny“, ein Bursche namens Rolf, der bekannt dafür war, dass er vor nichts Angst hatte. Aus seinem Familiennamen hatten wir dessen Spitznamen „Lenny“ abgeleitet.

An der Rhythmusgitarre war unser Talent „Linda“; ebenfalls mit dem ihm eigenen Spitznamen benannt. Es war ein wenig seltsam, dass, außer unseren Eltern und Geschwistern, uns kaum jemand mit dem Vornamen anredete. Mir ist es passiert, dass ich in unserem Heimatdorf nach rund vierzig Jahren einen etwa Gleichaltrigen traf, und dieser mich mit meinem Spitznamen anredete, den ich selbst fast eine Ewigkeit nicht mehr gehört hatte. Lange war ich aus beruflichen Gründen von der Heimat weg gewesen; so wie er. Fast glaube ich, dass er meinen Vornamen vergessen hatte, sich aber sofort wieder an meinen Spitznamen erinnerte. Wie dieser lautet, wird ein wenig später im Text eröffnet.

Werner, unser Sologitarrist, war einer der wenigen, der noch keinen Spitznamen verpasst bekommen hatte. Dass dies nicht besonders auffiel, lag wohl auch mit daran, dass wir uns untereinander meist mit „Hey“ anredeten. Trafen wir im Dorf jemanden aus unserer Generation auf der Straße, begrüßten wir uns gerne mit einen „Ouh“. Das konnte mehr oder weniger laut oder freundlich ausfallen.


Das Rätsel um den eigenen Spitznamen


Was meinen Spitznamen betrifft, so wusste ich lange nicht, was er bedeutete und wo er herkam. So ab dem zweiten Schuljahr, begannen mich viele Mitschüler, aber auch Erwachsene „Schönki“ zu nennen. Bei anderen hörte es sich an wie „Schenki“. Für mich Steppke war klar, das musste etwas mit „Schenkeln“ zu tun haben. Aber wie kamen meine Mitschüler da drauf? War mit meinen Schenkeln oder Beinen etwas nicht in Ordnung? Nachdem ich einige Zeit darüber nachgegrübelt hatte, beschloss ich, meine Tante ins Vertrauen zu ziehen und zu befragen. Ihr traute ich am ehesten zu, mir in dieser Frage Auskunft geben zu können. Sehr erstaunt hat mich ihre Antwort. Denn es war ihr zu Ohren gekommen, dass ich von vielen im Dorf „Schenki“ genannt wurde, weil ich Leuten, die mit mir zu tun hatten, gerne etwas schenkte. Das war mir so gar nicht bewusst.

So habe ich im ersten und zweiten Schuljahr vor Unterrichtsbeginn des Öfteren ein kleines Blumensträußchen in unserem Garten gepflückt, und unserem Lehrer geschenkt. Freunden schenkte ich schon mal ein Buch, ein Fix-und-Foxi-Heft, einen Apfel oder ein paar Murmeln. Ich schreckte auch nicht davor zurück, Sachen zu verschenken, die mir gar nicht gehörten. So erhielt ein älterer Junge aus der Nachbarschaft, mit dem ich ab und zu spielte, von mir eine Kupferpfeife, die meine Großmutter seinerzeit von meinem Großvater als Andenken aufbewahrt hatte. Als Soldat war er 1900 in China gewesen, hatte die Pfeife damals von dort als Souvenir mitgebracht.

Auch heute, viele Jahrzehnte nachdem ich meinem Lehrer Blumensträußchen überreicht hatte, schenke ich immer noch gern. Seit dem ersten oder zweiten Schuljahr, in dem ich meinen Spitznamen „Schenki“ verpasst bekommen hatte, ist viel Zeit vergangen. Der Name hat sich im Laufe der Zeit verändert, die meisten wussten gar nicht mehr, woher er kam und was er bedeutete.

Solange ich noch in meinem Heimatdorf wohnte, nannten mich viele nun „Hönki“. Mit einundzwanzig Jahren kam ich zur Bundeswehr nach Oberschwaben in die Grundausbildung, dann zum Flughafen Köln-Bonn zur Flugbereitschaft BMVg. Es folgten eine Reihe weiterer Dienstorte. Da wusste natürlich niemand etwas von meinem Spitznamen.

Als ich dann nach vielen Jahren wieder nach Kripp zurückkehrte, nun verheiratet und mit einer kleinen Tochter, waren eine ganze Reihe meiner Jugendfreunde nicht mehr am Ort und ebenfalls in die Welt hinausgezogen. Nur selten hörte ich da noch, dass mich jemand mit meinem Spitznamen von damals ansprach.

Dafür dachte ich aber bei anderen, die mir im Dorf begegneten oder in meiner Erinnerung lebendig waren, an deren Spitznamen: Gefallen hatte mir damals immer der Kosename „Wolli“, ließ er einen doch an ein kleines, wolliges Schaf denken. Wenn ich meinen früheren Spielgefährten „Sibby“ mal auf der Straße traf, fragte ich mich, was er wohl dächte, wenn ich ihn heute mit seinem Spitznamen von damals anredete. Jahrzehnte sind seit jenen fernen Tagen vergangen, aber Jugenderinnerungen überdauern oft die Zeiten. Denke ich an „Sibby“, so fällt mir zu aller erst ein, wie wir beide in der Küche seiner Mutter, wenn diese außer Haus war, Blei geschmolzen haben. Dann erinnere ich mich auch gern an zwei seiner Freunde, die Geschwister „Pi“ und „Micky“. Die damals kleine „Micky“ hatte bereits als Nesthäkchen lustige Einfälle, sodass der Kosename zu ihr passte.

In meiner Jugendzeit war ein auf seine Art einzigartiger Mensch nicht aus dem Dorf wegzudenken. Auch mit ihm habe ich mal zwei, drei Wochen auf dem Bau gearbeitet. Sein Name „Bubes“ wird manchen noch bekannt sein. Sie werden sich erinnern, dass er kein leichtes Leben hatte. Dennoch war er immer freundlich, wenn man ihm begegnete.


Die ehrenvollen „Dökes“


Ganz anders verhielt es sich mit dem Spitznamen „Dökes“, welcher einer ganz anderen Familie zugeordnet wurde. Durch Zufall fand ich heraus, woher der Name stammte und was er bedeutete: Einen Tagesmarsch von Kripp entfernt, liegt in der Eifel das Dorf Langenfeld. Seit Generationen ist es das Ziel von Wallfahrern aus nah und fern, die dort den Heiligen Jodokus verehren. Sie kommen meist zu Fuß in Gruppen aus allen Himmelsrichtungen um den Heiligen um seine Fürbitte zu ersuchen. Festliche Gottesdienste an bestimmten Tagen lassen die Pilger die Strapazen der weiten Fußmärsche vergessen.

In ihren Heimatdörfern waren die Jodokus-Pilger oft hoch angesehen, denn nicht jeder konnte bei einer solchen Wallfahrt dabei sein. Ein gutes Maß körperlicher Fitness und Willenskraft waren erforderlich. Auch musste man von seiner Arbeit abkömmlich sein. Die Kraft für solch eine weite Wanderung muss unser Pilger „Dökes“ besessen haben, sodass er diesen ehrenvollen Spitznamen tragen durfte. Ganz leicht erklärt es sich, wie aus dem Namen des Heiligen Jodokus die rheinische Dialektvariante „Dökes“ geworden ist.

Vor ein paar Jahren unterhielt ich mich im Pfarrheim zufällig mit einer Nachfahrin jenes Pilgers. Dabei erfuhr ich, dass sie diese Tradition des Wallfahrens zum Heiligen Jodokus wieder aufgenommen hatte und sich einmal im Jahr einer Pilgergruppe nach Langenfeld anschließt.

Noch viele Spitznamen aus unserem Dorf Kripp wären zu nennen: Oft wohlklingend oder rätselhaft. Zum Beispiel kommt mir da der Name „Bimbambulla“ in den Sinn. Vielleicht sollte man den mal „googeln“.

Schließen will ich mit drei Spitznamen, deren Träger ganz verschiedenen Generationen angehören: Da wäre zum einen der „Bunna“ zu nennen, in etwa mein Jahrgang, zum anderen der „Plän“, aus der Generation meiner Großeltern. Last but not least soll hier ein Name genannt werden, der einer ganzen Schülergeneration der Kripper Volksschule bekannt gewesen ist: Der einzigartige Oberlehrer, hinter seinem Rücken nur „Olle“ genannt. Ein echtes Original. Was mir besonders an ihm gefiel, war, dass er die Musik liebte, und gerne mit seinen Schülern Lieder anstimmte. Obwohl oft kritisiert wurde, zu Lasten anderer Fächer würde zu viel gesungen, haben es viele seiner Schülerinnen und Schüler dennoch im Beruf sehr weit gebracht.

Manch einer trägt seinen Spitznamen gern und mit Stolz und Freude, ein anderer könnte darauf verzichten.

Immer zeigen solche Namen aber an, wie kreativ Menschen mit unserer Sprache, sei es Dialekt oder Hochdeutsch, umzugehen vermögen.

Gerd Lüttgen

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