Vorsitzende Nicole Merzbach macht sich für ein neues Image von Stadttauben stark
Stadttaubenhilfe mit Preis ausgezeichnet
Koblenz / Neuwied. Wenn Tiere zum Problem erklärt werden, hat der Mensch meist selbst die Ursache dafür gesetzt. Keine andere Art manipuliert die Natur und ihre Bewohner wie der Mensch, ungeachtet aller Konsequenzen, die zwangsläufig folgen müssen. Denn die Natur ist in ihrer Ursprünglichkeit ein perfektes System, jedes Tier und jede Pflanze hat darin ihren Sinn und ihren Platz. Durch gezieltes Züchten und Eingreifen haben Menschen vieles ins Ungleichgewicht gebracht und viele Arten zu Opfern gemacht. Stadttauben liefern hierfür ein trauriges Beispiel: Jahrhundertelang gezielt vermehrt und auf bestimmte Eigenschaften hin gezüchtet, als Fleisch- und Eierlieferant geschätzt und in den unfreiwilligen Botendienst gezwungen, dienen Tauben heute nur noch der Belustigung Weniger im seit langem umstrittenen „Brieftaubensport“, der sich perfider, tierschutzwidriger Methoden bedient, um seine „Sportgeräte“ zu ihren Leistungen zu zwingen. Der Großteil der Tauben aber blieb sich selbst überlassen, als gesellschaftliche Veränderungen und der technische Fortschritt ihre Dienste und Vorzüge obsolet machten. Damit gerieten die Vögel nicht nur in einen erbitterten Überlebenskampf, der sich von dem der Straßenhunde und –katzen im europäischen Ausland kaum unterscheidet, sondern heute als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet in die direkte Schusslinie des Menschen. Mit Fütterungsverboten, Vergrämungs- und sogar Tötungsmaßnahmen versuchte man bereits vielerorts ihre Population einzudämmen – ein Verbrechen für den, der um die Hintergründe weiß.
Keine Krankheitsüberträger
Zum Glück gibt es inzwischen in vielen deutschen Städten Initiativen, die um das Dilemma der Tiere wissen und zu ihrem Schutz aktiv geworden sind. Eine davon ist die Stadttaubenhilfe Koblenz – Neuwied. Die Koblenzerin Nicole Merzbach hat den Verein im Jahr 2015 gegründet, nachdem ihr in der Koblenzer Innenstadt immer wieder kranke, unterernährte und verletzte Tauben aufgefallen waren. In diesem Jahr wurde ihre Initiative mit dem Tierschutzpreis des Landes Rheinland – Pfalz ausgezeichnet – eine Würdigung, die Merzbach und ihren inzwischen rund 35 Mitstreiterinnen und Mitstreitern guttut. Mit derzeit zwei mobilen Taubenschlägen kümmert sich der kleine Verein um die artgerechte Ernährung und die medizinische Versorgung der Tauben in der Region Koblenz - Neuwied. Gleichzeitig praktizieren die Ehrenamtler eine tierschutzkonforme, tierleidfreie und nachhaltige Bestandskontrolle - ganz einfach, indem sie Teile des Geleges gegen Plastikattrappen austauschen. Neben der direkten Versorgung der Tauben ist Nicole Merzbach die Aufklärungsarbeit ganz besonders wichtig: „Unser ganz großes Anliegen ist es, die Bevölkerung darüber aufzuklären, was Stadttauben im Prinzip sind: verwilderte Haustiere. Durch mehr Information um Herkunft und Notlage der Tauben, steigt auch die Toleranz“, hofft die Tierschützerin. Leider hielten sich zwei große Vorurteile ganz besonders standhaft: Dass Tauben gefährliche Krankheitsüberträger sind und dass ihr Kot Gebäudesubstanz schädigt. „Beides ist seit langem klar widerlegt“, weiß Nicole Merzbach. „Regelmäßig gewässerte Blumenerde einer Zimmerpflanze ist ein gefährlicherer Krankheitsüberträger als eine Taube“, machte es Dr. med. vet. Kamphausen, Tierarzt in der Taubenklinik Essen, einmal auf die Frage nach der Relevanz von Tauben als Krankheitsüberträger fassbar. Dass der Kot der Tiere Gebäudesubstanz bestenfalls verschmutzt aber keinesfalls schädigt, belegt ein Prüfbericht der Technischen Universität Darmstadt bereits seit 2004. „Tauben sind reine Körnerfresser, die gezwungen sind, sich von menschlichem Abfall zu ernähren. Das führt zwangsläufig dazu, dass die Tiere krank werden“, wissen die Tierschützer der Stadttaubenhilfe. „Der Kot, den die meisten Menschen beklagen, ist der sogenannte „Hungerkot“, ein latenter Durchfall, der allein durch die Fehlernährung bedingt ist“, erklärt Nicole Merzbach. Einige Städte hätten Fütterungsverbote ausgesprochen, „was die Lage der Tauben allerdings nur verschärft“, so die Tierschützerin. „Statt dem falschen Essen finden sie jetzt nichts mehr und leiden an Hunger. Fehl und Mangelernährung machen gleichermaßen krank und bedeuten riesengroßes Leid.“ Viele Stunden am Tag seien die Tiere auf der Suche nach etwas Essbarem zu Fuß unterwegs, dabei verletzten sie sich häufig oder verfingen sich in Unrat, was nicht selten zu schweren Verletzungen und Verkrüppelungen führe. „Die meisten Menschen sind auch offen, wenn sie das alles erfahren“, berichtet Nicole Merzbach und stellt noch einmal klar: „Die Tauben sind auf den Menschen angewiesen - allein der Mensch hat dieses Stadttaubenproblem verursacht. Daher sind wir als Menschen auch dafür verantwortlich, das Ganze tierschutzkonform in den Griff zu bekommen - über die betreuten Taubenschläge mit Eiaustausch. Das Problem sind nicht die Tauben, sondern die Menschen, die diese Tauben wahrnehmen.“ Die Stadttaubenhilfe lebt allein von Spenden. Für die 2000 Euro, die mit dem Tierschutzpreis verbunden sind, hatten die Tierschützer schnell Verwendung: „Das meiste Geld geht für´s Futter drauf aber natürlich müssen wir auch zusehen, dass wir mehr betreute Taubenschläge bekommen“, berichtet Nicole Merzbach. „Dabei muss man immer dahin gehen, wo die Tauben sind – weil ihnen die Standorttreue eben auch angezüchtet wurde. Und vor Ort versuchen, die Tiere von der Straße zu holen, indem man ihnen ein Zuhause bietet, was sie aber auch sehr gerne annehmen.“ Zudem müssten dringend weitere Pflegestellen eingerichtet und Volierenplätze gebaut werden – „das sind immer die Sachen, die Geld kosten“, seufzt die Vorsitzende der Tierschutzinitiative. „Wenn wir ein geeignetes Plätzchen finden und jemanden, der uns das betreut, wäre als nächstes auch noch eine Voliere zu bauen für die Täubchen, die im Moment nicht fliegen können oder die langfristig ohne Freiflug untergebracht werden müssen, wie zum Beispiel die vielen Zier- und Hochzeitstauben, die wir jedes Jahr einsammeln. Die sind eigentlich für den Freiflug gar nicht geeignet und sterben oft qualvoll oder werden von anderen Tieren gefressen. Für solche Tauben suchen wir auch immer Endplätze und auch die müssen finanziert werden.“
Grausammer Brieftaubensport
Fragt man Nicole Merzbach, was sie an ihren Schützlingen so liebt, muss sie nicht lange überlegen. „Tauben sind sehr, sehr intelligente und liebenswerte Tiere. Wer die mal so ein bisschen beobachtet hat, kann sich wohl stundenlang damit beschäftigen. Alleine das Balzverhalten oder wie sie ihre Kinder umsorgen: Es sind immer Mutter und Vater, die gemeinsam brüten und anschließend füttern und sich die ganze Arbeit rund um den Nachwuchs teilen. Zudem sind sie monogam und hängen unheimlich an ihren Partnern“, bewundert die Taubenschützerin. Tragisch sei, dass diese Treue der Tiere beim Brieftaubensport ausgenutzt würde. „Die Tauben werden dabei oft tausende von Kilometern von ihren Partnern und den Jungtieren getrennt und versuchen einfach nur verzweifelt, nach Hause zu kommen“, berichtet Merzbach, „auch das wissen leider viele Menschen nicht. Das ist eine unheimlich brutale Sache. Viele Tauben schaffen es gar nicht mehr nach Hause. Auch wenn die Brieftaubenzüchter dann gerne behaupten, dass sie Raubvögeln zum Opfer gefallen sind, was sicherlich auch vorkommt, landen viele auf der Straße , verhungern oder verdursten irgendwo oder sterben an Erschöpfung.“ Für die Tierschützer sind solche Fakten schwer zu ertragen; schon seit langem engagieren sich auch große Tierschutzorganisationen gegen den Missbrauch der sozialen Tiere im Freizeitbereich. Vor Ort sind es Menschen wie Nicole Merzbach, die neben der wichtigen Aufklärungsarbeit aktiv viel Leid lindern und verhindern. Sie hofft, dass immer mehr Menschen ihre Haltung den Tieren gegenüber überdenken. „Der Tierschutz - Preis bedeutet uns nicht nur wegen des Preisgeldes sehr viel, sondern natürlich auch, weil wir ein bisschen mehr in die Öffentlichkeit gerückt wurden und dadurch mehr aufklären können“, stellt die Tierschützerin klar. „Und nicht zuletzt, weil wir als Verein generell ernster genommen werden. Wir sind schließlich nicht nur für die Tiere, sondern auch für die Bevölkerung da - eben dadurch, dass wir konsequent versuchen, das Problem einzudämmen. Wir freuen uns also in erster Linie über die Anerkennung, die wir uns so sehr gewünscht haben.“ Wer mehr über die Arbeit des Stadttaubenhilfe Koblenz – Neuwied erfahren, spenden oder sich vielleicht auch aktiv engagieren möchte, findet auf der Homepage des Vereins www.stadttauben-koblenz-neuwied.de sowie auf der Facebook – Seite „Stadttaubenhilfe Koblenz/Neuwied e. V.“ alle weiteren Infos und Aktuelles. Einen TV – Beitrag über Nicole Merzbach gibt es in der Mediathek des SWR: www.swr.de/landesschau-rp/koblenzerin-kuemmert-sich-um-verletzte-tiere-hilfe-fuer-stadttauben/
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