Im ehemaligen Montabaurer Caritashaus waren damals bis zu 400 Kranke und Behinderte untergebracht
Stiftung gibt Geld für Leid und Unrecht
Ein Empfänger ist Josef Ströbl, der bei einem Treffen 15 Funktionsträgern unschöne Dinge von 1971 schilderte
Montabaur. Leid und Unrecht mussten kranke und behinderte Menschen von 1949 bis 1975 in entsprechenden Einrichtungen ertragen. Eine davon war das sogenannte Caritashaus (übersetztbedeutet das „christliche Nächstenliebe“) der Barmherzigen Brüder Montabaur.
Josef Ströbl aus der Nähe von Kassel war 1971 von Februar bis Mai im Montabaurer Caritashaus und bekam für das, was er dort ertragen musste, 9.000 Euro von der Stiftung Anerkennung und Hilfe.
Um die Leistungen der Stiftung bekannt zu machen, die Hintergründe darzulegen und Berichte des Betroffenen zu hören, trafen sich jetzt 15 Funktionsträger zu einem Gespräch im Montabaurer Krankenhaus, wo einst das 1861 erbaute Caritashaus stand – es wurde Anfang der 80er Jahre abgerissen.
„Viele Menschen, die als Kinder oder Jugendliche in der Behindertenhilfe oder Psychiatrie untergebracht waren, leiden noch heute an den Folgen von ungerechtfertigten Zwangsmaßnahmen, Gewalt, Strafen, Demütigungen oder unter finanziellen Einbußen, weil sie sozialversicherungspflichtig in den Einrichtungen gearbeitet haben, ohne dass dafür in die Rentenkasse eingezahlt wurde. Um diese Menschen zu unterstützen, haben der Bund, die Länder und die Kirchen die Stiftung Anerkennung und Hilfe ins Leben gerufen“, heißt es auf der Homepage der Stiftung, die am 31. Dezember 2021 aufgelöst wird.
Im vergangenen Jahr haben Bund, Länder und christliche Kirchen als Stiftungserrichter rund 72 Millionen Euro eingezahlt, die in unterschiedlicher Form angelegt wurden. 2017 zahlte die Stiftung knapp 14,5 Millionen Euro als Anerkennungs- und Unterstützungsleistungen aus.
Es sollen noch mehr betroffene Menschen von solchen Leistungen partizipieren, das möchte der 64-jährige Josef Ströbl und hat deshalb dieses Treffen in Montabaur gemeinsam mit Uli Schmidt vom Westerwälder Forum für soziale Gerechtigkeit initiiert. Natürlich finden alle Teilnehmer diese Stiftung gut, aber es ging auch um das, was dem damals 17-jährigen Josef Ströbl im Montabaurer Caritashaus widerfahren ist.
„Ich wurde hier zwangsweise vom Jugendamt untergebracht, weil ich wohl mit meinem Vater nicht zurechtkam, genau weiß ich das nicht mehr“, sagte Ströbl und verwies auf unschöne Dinge: „Es gab nur wenig zu essen und Tee nur zu bestimmten Zeiten. Ich habe die Reste aus den Kannen zusammengeschüttet und in meinem Zimmer versteckt, damit ich auch abends etwas zu trinken hatte. Ich sollte in der Schreinerei eine Ausbildung machen, habe in der Werkstatt aber nie Holz angefasst, ich wurde mit Puzzlespielen beschäftigt“, erinnert sich Ströbl.
Am schlimmsten war jedoch für ihn, wie mit seinen Mitbewohnern verfahren wurde: „Manche hatten epileptische Anfälle und lagen auf dem Boden. Aber das Personal kam nicht, es hieß stets, ‚die simulieren‘. Die brauchten aber Hilfe und daher habe ich ihnen geholfen“, berichtet Ströbl.
Obwohl Briefe versenden schwierig war, schaffte Ströbl es, einen Brief an Mutter und Bruder zu schreiben: „Die konnten zwischen den Zeilen lesen setzten sich mit den Behörden auseinander, kamen sofort nach Montabaur und holten mich hier ab“, so Ströbl, „ich war nur kurz hier, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor, denn ich durfte das Gelände ja nicht verlassen.“
Eine hohe Mauer umgab das Caritashaus, da ja nach damaliger Ansicht Behinderte, im Caritashaus waren es bis zu 400, nicht ins Stadtbild von Montabaur passten.
Was Josef Ströbl erlebt hatte, wurde von den Anwesenden – darunter auch ein Mitglied der Barmherzigen Brüder Montabaur – nicht kommentiert, sondern nur zur Kenntnis genommen. Der Orden Barmherzige Brüder aus Trier, der Träger des Montabaurer Krankenhauses ist, hat jedoch mit dem ehemaligen Heim im Caritashaus absolut nichts zu tun.
Uli Schmidt setzte die Geschehnisse im Caritashaus in Relation zu anderen Ungerechtigkeiten der Epoche und meint: „Es war nicht besonders schön, aber auch nicht besonders schlimm.“
Immer wieder wurde betont, das Treffen diene dazu, die Stiftung bekanntzumachen und Betroffene zu animieren, sich zu melden. In Rheinland-Pfalz ist die Beratungsstelle im Mainzer Sozialministerium angesiedelt und telefonisch unter (0 61 31) 96 75 44 oder per E-Mail an stiftungauh@lsjv.rlp.de erreichbar. Dort sollen Betroffene sich bald melden, denn nach dem 31. Dezember 2019 ist dies nicht mehr möglich. HEP
Von einem Klinikfenster aus zeigte JosefStröbl (mit Kappe), wo einst die Schreinerei gestanden hat. Fotos: HEP
Im sogenannten Caritashaus der Barmherzigen Brüder waren bis Ende der 70er Jahre Behinderte untergebracht.
