Allgemeine Berichte | 17.09.2019

Ein Tanzprojekt in Sinzig

Tänzer und Zuschauer finden zu sich selbst

Ballettschule „tanzahrt“ zeigte mit „Plan/et/terre“ die Entwicklungsziele der UNO als szenische Choreografie

Das Thema „Nachhaltigkeit“ wurde mit Hilfe von Plastikflaschen dargestellt. Foto: privat

Sinzig. Die Sinziger Ballettschule „tanzahrt“ präsentierte im Helenensaal „Plan/et/terre – Ein Tanzprojekt und 17 globale Entwicklungsziele“. Die Entwicklungsziele der UNO zu vertanzen, hat selbstverständlich starke politische Dimensionen. Und so ist es nur logisch, wenn Nicole Faust vor Beginn der Aufführung das Publikum dazu aufrief, für die eingeladenen Schülerinnen von „Fridays for future“ zu spenden.

Es begann mit dem Thema „Leben an Land“, wobei Ameisen, Schildkröten, Hummeln und Grashüpfer auftauchten. Schon diese ersten Tanzszenen ließen ahnen, dass es um mehr ging, als nur Natur zu spielen, denn nur wenn die Ameisen zusammenarbeiteten, konnten sie das Leben bezwingen.

Immer wieder standen zwei Aspekte im Vordergrund: Einmal das Ins-Bild-setzen der Problematik Nachhaltigkeit und gleichzeitig oder nacheinander der Appell an die Zuschauer, ihr Leben zu verändern. So wurde die „Saubere Energie“ von den Tänzerinnen als Wind dargestellt, und es folgte der Aufruf zum verantwortungsvollen Umgang mit Strom. Erstaunlich die unglaubliche Vielfalt an Bewegungsabläufen und -möglichkeiten, mal fließende und schwungvolle Bewegungen, mal langsam und sanft. So können die jungen Menschen die Dynamik und Kraft des Windes körperlich erfahren, und der Zuschauer kann es beinahe körperlich miterleben. Stets wird an unterschiedlichen Dynamiken, Koordination und Beweglichkeit gearbeitet. Beim Thema „Nachhaltigkeit“ füllte sich der Saal mit Plastikflaschen, die anschließend als Trommeln den Rhythmus bestimmten – ein Flaschentanz der besonderen Art, ein lautes und starkes Bild, das die Grenze zum politisch motivierten Flashmob schon überschritt.

Tango symbolisierte die soziale Lage von Landarbeitern

Nach der Pause ging es weiter mit Cello-Musik. Unter der Leitung von M. Recker-Johnson spielte das Ensemble einen Tango, wobei das Thema Armut/Kinderarbeit vertanzt wurde, das schließlich in einem Volkstanz der Arbeiterinnen gipfelte. Auch hier zeigte sich wieder sehr schön, wie bei jeder Choreografie Musik und Tanz korrelieren, denn der Tango spiegelt die soziale Situation und das Elend der südamerikanischen Landarbeiter wider. Beim nächsten Bild ging es um das Thema „Innovation“. Die zwei Seiten des Fortschritts wurden von den Tänzerinnen eindrucksvoll in Szene gesetzt: der Mensch als Maschine.

Als weiterer Gast trat Holger Queck auf, der die Seeräuber-Jenny von Brecht/Weil sang zum Thema „Gender“. Damit war der dramaturgische Höhepunkt des Abends erreicht: Krieg/Frieden und Frauenrechte, nicht zufällig steht der Mensch im Mittelpunkt, denn er hat schließlich die Probleme geschaffen, mit denen sich die gesamte Menschheit auseinandersetzen muss. Die Probleme der modernen Frau mit Haushalt, Ausbildung, Beruf, Kindern und Arbeit wurden als Schattenspiel dargestellt, ein Akt der Verfremdung, der das Schwarz-weiß-Denken vieler Menschen zum Thema macht. Zum Schluss kamen wieder Tiere auf die Bühne, womit sich dramaturgisch der Kreis schloss, diesmal sechs Eisbären, die zu Anfang ausgelassen herumtollen, sich aber dann auf ihre Eisscholle zurückziehen, auf der sie verhungern müssen: Das Licht ging aus.

Ein starker visueller Appell zum Ende der Vorstellung

Kein Happy-End, aber ein starker Appell in einer Vorstellung mit hohem Qualitätsanspruch und ungeheurer Kreativität bei allen Beteiligten. In ihrer Dankesrede betonte Nicole Faust noch einmal, dass dies ein Gemeinschaftsprojekt aller 105 Beteiligten zwischen fünf und 50 plus war von der Musik über die Plakate bis zum Tanz. Umgekehrt bedankten sich auch die Schülerinnen für die hohe künstlerische und tanzpädagogische Arbeit bei ihrer Meisterin Nicole Faust, die allen ein tolles Gemeinschaftserlebnis ermöglichte.

Bei dieser Performance waren die Zuschauer nicht mehr nur Empfänger und der Künstler Bedeutungsträger, sondern die Deutung und Bedeutung musste im Kopf des Zuschauers stattfinden, der so aktiver Teil der Aufführung wurde. So wie Nicole Faust offenbar zeitgenössischen Tanz versteht, finden die Tänzer sich selbst und ihre Themen im Tanz. Was könnte dafür besser geeignet sein, als die globalen Entwicklungsziele der UNO für die Menschheit.

Das Thema „Nachhaltigkeit“ wurde mit Hilfe von Plastikflaschen dargestellt. Foto: privat

BLICK aktuell bei Google bevorzugen
Erhalte mehr Inhalte von uns in deinen Google-Suchergebnissen.
Täglich exklusive Inhalte
Täglich exklusive Inhalte

Das digitale Magazin für Rhein, Ahr und Eifel — jeden Tag eine neue Ausgabe, optimiert fürs Smartphone.

  • 30 Tage gratis
  • Neue Ausgabe jeden Tag
  • Für unterwegs gemacht
Heutige Ausgabe lesen
Blick aktuell
Regio MAGAZIN

Bildergalerien
Dauerauftrag
Dauerauftrag 2026
Image Anzeige
Kreishandwerkerschaft
Premium Titel Seite 2
2+1
Anzeige Praxisübernahme
Reinigungskraft für Standort Andernach
Empfohlene Artikel
Kita-Pilotprojekt zur Mülltrennung erfolgreich umgesetzt.  Foto: Valeriia Weckert, Abfallwirtschaft Landkreis Neuwied
11

Kreis Neuwied. Mit der Übergabe neuer Bildungsmaterialien und Mülltonnensets an die städtischen Kitas sind die „Müllprojekttage“ erfolgreich abgeschlossen. Das Vorschulprojekt zum Thema „Müll“ wurde von Ende 2025 bis Mitte 2026 erstmals in allen städtischen Kindertagesstätten in Neuwied angeboten und stieß bei Kindern und Erzieher*innen gleichermaßen auf große Begeisterung.

Weiterlesen

Festliche Stimmung auf dem Weinlesezug der 10.000 Lichter.
41

Mit dem Beginn der Weinfest-Saison Ende Juli startet im Ahrtal eine Reihe von Veranstaltungen rund um den regionalen Wein. Zahlreiche Orte entlang der Ahr laden bis in den Oktober zu Weinfesten mit Weinverkostungen, kulinarischen Angeboten und einem abwechslungsreichen Musikprogramm ein. Lesen Sie mehr im RegioMAGAZIN

Weiterlesen

Weitere Artikel
Die Vorfreude auf die Meisterschaften sind schon groß.  Foto: AKS
450

Bad Breisig. Der Tennisclub Blau-Weiss Bad Breisig wurde 1957 gegründet und gehört mit ca. 300 Mitgliedern, darunter etwa 100 Kinder und Jugendliche zu den größten Vereinen der Quellenstadt. Zehn Erwachsenenmannschaften und sieben Kinder- und Jugendmannschaften nehmen an Ligenspielen teil, wobei neben dem sportlichen Ehrgeiz auch Fairness und Teamgeist im Mittelpunkt stehen. Damit ist der Tennisclub auch ein wichtiger Anbieter von sozialer Jugendarbeit.

Weiterlesen