Shoah-Gedenktag im evangelischen Gemeindesaal Montabaur
Traumatisierte Kriegskinder im Blick
Die ökumenische Gedenkveranstaltung war bis auf den letzten Platz gefüllt
Montabaur. Pfarrerin Sabine Jungbluth begrüßte im Namen des ökumenischen Vorbereitungsteams die in unerwartet großer Zahl erschienenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Gedenkstunde anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts im bis auf den letzten Platz gefüllten evangelischen Gemeindesaal in der Peterstorstraße 6.
Traumata der „Kriegskinder“ über Jahrzehnte verleugnet
Im Fokus des Abends standen die sogenannten „Kriegskinder“, die zu 60 Prozent beschädigt und traumatisiert wurden, erläuterte Jungbluth in ihrem Eröffnungsreferat. Die individuellen Schicksale seien „viel zu unterschiedlich“: Kinder des Lebensborns, Zwangsarbeiterkinder, Kriegswaisen oder jüdische Überlebende.
Die Verleugnung der psychischen Schädigungen dieser Generation sei erst nach Jahrzehnten durch die Veröffentlichung des Buches „Die Unfähigkeit zu trauern“ durchbrochen worden. Das Schlimmste zu denken, sei in den meisten Familien ein Tabu gewesen, die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung erst seit Anfang der 1980-er Jahre medizinisch anerkannt worden.
Disziplin, nicht zu weinen und sich nicht wichtig zu nehmen – diese Haltungen hätten sich nahtlos in die NS-Ideologie und ihre Institutionen eingefügt. Und dazu erfuhren diese pädagogischen Maßstäbe noch eine lange Wirkungsgeschichte. So sei der Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ aus dem Jahr 1938 noch Mitte der 1980-er Jahre in letzter Auflage erschienen.
Jüdisches Leben und jüdische Kultur seien aus der Öffentlichkeit verdrängt worden, nach dem Zweiten Weltkrieg habe im psychischen Erleben „Chaos, Not und Schweigen über die Vergangenheit“ vorgeherrscht. „Das Erleben der Kinder schien klein im Vergleich zu dem der Väter und Mütter. Es gab keinen Platz für Selbstliebe“, skizzierte Jungbluth die Seelen der Kriegskinder, die von der Erziehung zu Tüchtigkeit, Disziplin und Härte gegen sich selbst geprägt gewesen seien.
Medizinische Spätfolgen
Spätfolgen dieses Klimas seien Depressionen, Panikattacken und psychosomatische Beschwerden wie Krämpfe, Herzrasen und chronische Schmerzen. Nach Pfarrerin Jungbluth ist es längst überfällig, Trauerprozesse in Gang zu setzen. Diesen Rat fasse ein jüdisches Sprichwort gut zusammen: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“
Konkret anhand persönlicher geschilderter Erinnerungen wurde diese wissenschaftlich gedeckte Analyse durch den Hauptvortrag des Abends „Zeugen wider Willen“ der examinierten Pflegefachkraft und Ehrenamtskoordinatorin des Alten- und Pflegeheims des Hospitalfonds Montabaur, Margit Chiera. „Manchmal gibt es Situationen im Leben, da ist man anwesend, hat eigentlich mit der Situation nichts zu tun, aber auf einmal ist man emotional mittendrin, wenn auch nur als Beobachter. Man steht hilflos als Kind oder Jugendlicher dabei, man schaut zu, beobachtet, möchte gerne helfen, aber man darf, kann oder traut sich nicht.“ Hinterher mache man sich dann Vorwürfe: „Hättest du doch so oder so reagiert.“ Man versuche, die Geschehnisse zu ignorieren: „Weil es wehtut, weil man so nicht weiterleben kann.“ Doch irgendwann hole einen die Vergangenheit wieder ein, und sei es am Lebensende.
Auswirkungen über Generationen
Chiera präsentierte anhand anonymisierter Namen und Orte Schilderungen, die ihr in ihrer seelsorgerlichen Begleitung von Menschen in der letzten Lebensphase anvertraut wurden. „Meine Generation hat nie Krieg erlebt, und wir machen uns das gar nicht bewusst und können es auch gar nicht, welche seelischen Erschütterungen junge Menschen und Kinder mit sich tragen bis zu ihrem Tod. Welche verheerenden Auswirkungen über Generationen hinweg solch ein Krieg hat. Traumata, die einen das ganze Leben begleiten. Schuld, die man nicht loswird.“ Bis zu Beginn ihrer Arbeit mit Sterbenden sei Chiera überhaupt nicht bewusst gewesen, welche traumatischen Ereignisse die heute Hochbetagten mit sich herumschleppten. Dabei sei es nicht relevant, ob die Traumatisierten kognitive Einschränkungen hätten oder nicht, also eventuell an demenziellen Veränderungen litten.
„Gespenster der Vergangenheit“
In deutschen Altenpflegeeinrichtungen lebten Schätzungen zufolge 500.000 Kriegskinder. „Schon Gerüche, Bilder und Geräusche wie die Sprachfarbe einer Mitarbeiterin oder schwere Schritte auf dem Flur, Kleidung, können die Gespenster der Vergangenheit wieder in ihr Bewusstsein holen.“
Mit fortgeschrittenem Alter vereinsamten viele Menschen. Alles, was jahrzehntelang Halt gegeben habe, die Familie, der Beruf, Freunde brächen langsam weg, und dann auch die mentale Abwehr. Verdrängte Erfahrungen brächten sich als sogenannte „Flashbacks“ in das Bewusstsein zurück. „Das Unbewusste ist zeitlos, wenn Schlüssel und Schloss passen, sind die Erinnerungen wieder da – so, als ob es heute wäre.“
Nach den Forschungen des Facharztes für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikers Michael Ermann habe in diesen Familien keine Spiegelung der Gefühle stattgefunden. In der Konsequenz hätten dann auch die Kriegskinder eine Identität entwickelt, die von einem Mangel an Selbsteinfühlung und Gefühlsferne eigenen Empfindungen gegenüber geprägt sei.
Ängste aushalten und die Hand halten
Wie begegnet man diesem „inneren Grauen“, das vielen Menschen im Alter so zusetzt? Chiera gab folgenden Rat: „Wer leidet, der wartet darauf, getröstet zu werden.“ So könne der oder die Seelsorgende zum Beispiel zuhören, die Ängste ernst nehmen, sie aushalten und zum Beispiel die Hand halten. „Es gibt keinen Königsweg, um Menschen mit Kriegstraumata aus dem Gefängnis ihrer kaum fassbaren Angst herauszuführen“, fasste Chiera ihre Erfahrung in der Begleitung der traumatisierten Kriegskinder zusammen. „Es ist ein vorsichtiges Herantasten nötig, um Menschen beizustehen. Schreckensbilder verlieren ihre zerstörerische Kraft, wenn sie gemeinsam angeschaut werden.“
Das gemeinsame Hinsehen verändere die bisherige angstbesetzte Sichtweise und öffne den oft verschütteten Blick auf die guten Erfahrungen in dieser Zeit. „Gute Erinnerungen heilen und helfen, die Angst vor der eigenen Angst zu verlieren.“
Eingeladen zu der Gedenkstunde hatten die katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, Pax Christi und das Katholische Bildungswerk. Die liturgische Gestaltung übernahm Pastoralreferent Markus Neust. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Ursula Lubitz (Keyboard) und Marisa Bach (Gesang).
Margit Chiera.
