Allgemeine Berichte | 17.01.2024

Förderverein Mahnmal Koblenz

Veranstaltungen zum Gedenktag für die NS-Opfer

Irene und Bertha Schönewald in Koblenz, ca. 1938. Quelle: Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.

Koblenz. Zum Gedenktag für die NS-Opfer am 27. Januar erinnern wir in Koblenz wie auch im ganzen Land wieder an die verfolgten, geschundenen und ermordeten Menschen während der Hitler-Diktatur. Damit setzt der Förderverein Mahnmal Koblenz zusammen mit der Stadt und Kooperationspartnern die gute und wichtige Tradition fort. Mit Veranstaltungen am und um den Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wollen wir in dieser sehr aufgewühlten, friedlosen Zeit am 79. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau an die Nazi-Verbrechen und die sie erleidenden Menschen erinnern und mahnen.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltungen stehen Kinder und Jugendliche, die Opfer dieser Menschheitsverbrechen wurden. Für die Nazis hatte die Jugend von Anfang an eine große Bedeutung, sie wurde heftig umworben durch Uniformen und Aufmärsche, spektakuläre Wettkämpfe und öffentliche Auszeichnungen.

Aber schon ideologisch wurde diese Jugend ausgenutzt – als Partei- und Staatsjugend nach dem Gesetz über die Hitler-Jugend von 1936 als „Soldaten einer Idee“. Man beraubte sie aller Freiräume und autonomen Gestaltungsmöglichkeiten. Hitler selbst hat es propagandistisch einmal so umschrieben: „Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. (...) Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich.“

Ein derartiges System musste von seinem totalitären Anspruch her alles das in den Worten Hitlers „weghämmern“, was nicht in dieses Leitbild des Nationalsozialismus passte. Damit gerieten die Kinder und Jugendlichen in das Fadenkreuz der Nazis genauso wie die Erwachsenen. Die Nationalsozialisten machten da keinen Unterschied, gaben den Jüngeren keine Schonung wie wir sie – unter ganz anderen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen - unseren Kindern und Jugendlichen angedeihen lassen. Wie die Erwachsenen wurden auch sie wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung und ihres oppositionellen Verhaltens diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt und ermordet.

Zur Erreichung dieses Zieles wurden gewachsene jugendeigene Gruppen, die in Opposition zum Nationalsozialismus standen bzw. sich von ihm nicht vereinnahmen ließen, wie vor allem die katholische und bündische Jugend und ihre Führer bekämpft und gleich- und ausgeschaltet. Für diese Gruppen wird in der Ausstellung Hans Renner porträtiert, „Kastorianer“ und Aktivist der katholischen „Sturmschar“.

Zudem brachte das totalitäre NS-System jugendeigenen Widerstand und jugendeigene Resistenz hervor. Diese jungen Leute bildeten Gruppen und waren später auch nur noch einzelne aus dem bündischen, dem christlichen und dem Arbeiter-Milieu. Eine solche informelle Gruppe war die Michaelstruppe aus Kruft/Bell mit ihrem „Bezirkskommandanten“ Willi Lohner und ihrem „Kreiskommandanten“ Hans-Clemens Weiler. Auch der Andernacher Edgar Lohner mit seinen Bonner Freunden bildete eine solche Gruppe bündischer Jugendlicher.

In ihrem Rassenwahn, der sog. Rassenhygiene, brachten die Nazis großes Leid und auch Tod über junge kranke, behinderte, nicht angepasste Menschen, wie die in der Ausstellung porträtierten Maria K., Elisabeth M., die Brüder Willi und Horst Strauß sowie Alois Gass.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden jüdische Kinder und Jugendliche. Manche von ihnen konnten ihre Eltern schweren Herzens noch ins Ausland auf „Kindertransport“ schicken, wo sie überlebten, während ihre Eltern selbst im Holocaust ermordet wurden.

Ein solches „Kindertransportkind“ war die 1926 in Koblenz geborene Irene Schönewald, verh. Futter. Von ihr stammt das Motto der Ausstellung. Ihre Mutter Bertha hatte ihr in das Poesiealbum geschrieben: „Wohl dem, der in dem Herzen Friede und unter Menschen Freunde hat“. Bertha Schönewald konnte Irene noch auf den Transport nach Dänemark schicken, von wo sie nach Palästina emigrierte und wie ihre älteren Geschwister Jakob und Charlotte, verh. Hein, überlebte. Mutter Bertha gelang die Flucht aus Hitler-Deutschland aber nicht, sie wurde mit der 1. Deportation von Koblenz aus „nach dem Osten“ verschleppt und kam im Holocaust um.

Andere porträtierte Kindertransport-Kinder sind Hans Reiner Bernd/John Burne, Helga Treidel/Helen Carey, Marianne Brasch/Pincus, und die Geschwister Ingeborg und Fritz Berlin. Die ebenfalls biografierten jüdischen Kinder und Jugendlichen wurden hingegen von Koblenz aus und zum Teil auch aus ihren Fluchtorten im Ausland nach Auschwitz u.a. deportiert, wie Hannelore Hermann, Eva Hellendag/Salier, Addie Bernd, Heinz Kahn, Paul Sonnenberg, Werner Strauß und Hella Brück.

Ein ähnliches Schicksal hatten die Sinti-Kinder zu erleiden. Sie kamen mit ihren Eltern und Großeltern in Ghettos in Polen oder in das „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau. Statt vieler von ihnen werden in der Ausstellung Michael Reinhardt/Böhmer und Daweli Reinhardt porträtiert.

Aber nicht nur deutsche Kinder und Jugendliche waren Opfer des NS-Terrors, sondern auch ausländische. Die Nazis verschleppten sie wegen ihres Widerstandes gegen das NS-Regime als KZ-Häftling oder wie die Ukrainerin Warwara T. und den Polen Norbert Widok als Zwangsarbeiter hierher.

Die Ausstellung des Fördervereins Mahnmal Koblenz mit diesen und anderen, insgesamt 27 Biografien junger NS-Opfer, wird ab Dienstag, dem 23. Januar, bis Freitag, dem 9. Februar in der Citykirche am Jesuitenplatz in Koblenz gezeigt. Die Öffnungszeiten sind von Montag bis Samstag von 9 bis 17.30 Uhr (nicht während der Gottesdienste).

Die beiden Veranstaltungen am Gedenktag selbst beginnen am Samstag, dem 27. Januar, um 17.30 Uhr mit der Statio am Mahnmal auf dem Reichensperger Platz. Dabei bringen Schülerinnen und Schüler der Diesterweg- und der Hans-Zulliger-Schule die Biografien der porträtierten NS-Opfer am Mahnmal mit einer Rose an und Oberbürgermeister David Langner verliest deren Namen.

Anschließend um 18 Uhr findet die Gedenkstunde in der Citykirche statt. Es sprechen Oberbürgermeister David Langner und Vorsitzender des Fördervereins Mahnmal Koblenz Dr. Martin Schlüter. Eine Schülergruppe des Gymnasiums auf dem Asterstein gestaltet einen Wortbeitrag. Die Gedenkstunde endet mit einem christlich-jüdischen Gebet und wird umrahmt von Musik.

Anschließend besteht Gelegenheit, die Ausstellung in der Citykirche zu besuchen.

Im Begleitprogramm zur Ausstellung zeigt der Förderverein Mahnmal Koblenz mit einer Einführung und anschließenden Diskussion den selbst produzierten Dokumentarfilm „Werner Appel – Jüdisches Leben und Überleben in Koblenz 1933-1945“ (2009). In 60 Minuten erzählt der 1928 geborene jüdische „Schängel“ Werner Appel wie er als Kind und Jugendlicher die NS-Zeit in Koblenz erlebt und als „U-Boot“ überlebt hat. Dabei geht er mit einer Schülergruppe durch die Stadt und zeigt die damaligen Stätten der Verfolgung. Zu sehen ist der Film am Sonntag, dem 4. Februar, um 11 Uhr im Kurt-Esser-Haus, Markenbildchenweg 38 (Nähe Hauptbahnhof), dort im Medienladen, 2. Stock.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Fördervereins Mahnmal Koblenz: www.mahnmalkoblenz.de.

Pressemitteilung des

Fördervereins Mahnmal für

die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.

Irene und Bertha Schönewald in Koblenz, ca. 1938. Quelle: Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.

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