30 Jahre Johanna-Loewenherz-Stiftung
Verena Bentele ist die Preisträgerin im Jubiläumsjahr
Neuwied. Ausnahmsweise mal nicht am 12. März, dem lange Zeit gemutmaßten Geburtstag von Johanna-Loewenherz, fand die diesjährige Vergabe des Ehrenpreises der Stiftung an. Mit dem 30-jährigen Jubiläum der Johanna-Loewenherz Stifung hatte dies aber nichts zu tun. Die Preisträgerin war am 12. März schlichtweg verhindert. Zu Ehren von Verena Bentele hatten die Veranstalter die Terminverschiebung gern in Kauf genommen. Landrat Rainer Kaul, gleichzeitig Stiftungsvorsitzender, bezeichnete die Preisträgerin als Persönlichkeit, die anderen Menschen, insbesondere Frauen mit Behinderungen, Mut gibt. „Verena Bentele kämpft dafür, dass Menschen mit Behinderungen mitten in die Gesellschaft gehören“, so Rainer Kaul. Er berichtete, dass dem Kreisausschuss als beschlussfassendes Gremium die Entscheidung, Verena Bentele zu nominieren, leicht gefallen sei. Immerhin sei die Preisträgerin als ehemalige Biathletin und Skilangläuferin, vierfache Weltmeisterin und zwölffache Paralympics-Siegerin, ein Vorbild für alle Menschen mit Handicap. Über die Erfolge im Sport hinaus beendete sie ihr Studium der Neuen Deutschen Literaturwissenschaften mit den Zusatzfächern Sprachwissenschaften und Pädagogik an der Ludwig-Maximilien-Universität in München mit einer ausgezeichneten Note. Die neue Preisträgerin war Mitglied in der Bundesversammlung, war Mitglied im Münchener Stadtrat und ist seit 2014 die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange für Menschen mit Behinderung. Musikalisch umrahmt war die Festveranstaltung im Roentgen-Museum von Vanessa Kasto am Flügel. Die Heimbach-Weiserin ist aktuelle Bundessiegerin im Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Die junge Künstlerin überbrückte die Redebeiträge. Neben Landrat Rainer Kaul sprach Claudia Altwasser. Die Vizepräsidentin des Landessportbundes Rheinland-Pfalz hob in ihrer Laudatio hervor, dass Verena Bentele trotz ihrer Behinderung vor Lebenslust nur so sprühe. Damit sei sie ein Mensch, der andere mit seiner Begeisterung ansteckt und auch motiviert. Das Publikum bekam in ihrer Dankesrede davon einen Eindruck. Und die Preisträgerin beeindruckte noch mehr. Ganz im Sinne von Johanna-Loewenherz, deren Wirken stets für andere war, spendete Verena Bentele ihr Preisgeld anderen Menschen. Es geht an die Integrierte Gesamtschule Neuwied in Irlich, seit neuestem die Johanna Loewenherz IGS und die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Feldkirchen. Eine Auflage machte Verena Bentele: Die Schulen sollen das Geld für einen Mädchenselbstverteidigungskurs einsetzen, an dem Teilnehmerinnen gleichermaßen mit und ohne Handicap mitmachen dürfen.
Einzige kommunale Frauenstiftung in Rheinland-Pfalz
Das 30-jährige Bestehen der Stiftung nahm Landrat Rainer Kaul zum Anlass, an das Leben von Johanna Loewenherz zu erinnern: Sie kam als Tochter aus gutem Haus zur Welt und hätte durchaus ein bequemeres Leben führen können. Bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen, lebte sie ein ganz und gar unkonventionelles Leben: Als alleinerziehende Mutter in dem kleinen Dorf Rheinbrohl. Sie war als Tochter aus bürgerlich-gut situiertem Hause in der sozialdemokratischen Partei engagiert und trat als Feministin für das Frauenwahlrecht und das Recht auf Bildung ein. Als Literatin verfasste sie hochpolitische Schriften. Genauso unkonventionell wie ihr Leben war ihr Testament. Unter einer Auflage bestimmte sie den Landkreis zum Haupterben. Der Landkreis sollte eine wohltätige Stiftung mit einem Erholungsheim für Frauen, die sich in irgendeiner Weise um die Frauensache verdient gemacht haben, einrichten. Wörtlich heißt es im Testament: „Es wird keinerlei religiöser oder politischer Unterschied gemacht. Wissenschaftliche, künstlerische, literarische Hochleistungen, mutvolle Kampfstellung gegen Unrecht, welches den Frauen als solchen angetan wurde und angetan werden soll, entscheiden, welche Frau ein Anrecht darauf hat, im Haus Hauptstraße 2 eine Zeit der Erholung zu verleben“. Ihr Testament schrieb Johanna Loewenherz im April 1937. Nur einen Monat später verstarb sie. Auch wenn sie die brennenden Synagogen nicht mehr erleben musste, waren die Zeichen der bevorstehenden Katastrophe deutlich: Ihr Sohn war flüchtig gemeldet und verstarb mit 33 Jahren. Die Beerdigung war als politisch unbedenklich eingestuft, sie selbst wurde in Schutzhaft genommen und stand danach unter politischer Beobachtung. Weil Johanna Loewenherz jüdischer Abstammung war, durfte der Landkreis das Erbe nicht annehmen. Erst 1984 wurde es wiederentdeckt und umgesetzt. Die Errichtung eines Erholungsheims war nicht mehr realisierbar, aber der Landkreis gründete aus dem Verkauf des Hauses eine gemeinnützige Stiftung. „Heute können wir mit Stolz sagen, dass der kleine Landkreis Neuwied über die einzige kommunale Frauenstiftung in Rheinland-Pfalz verfügt und 14 Mal die besonderen sozialen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistungen, meist von jungen Frauen, durch ein sogenanntes Stipendium unterstützen konnte“, berichte Landrat Rainer Kaul.
