Allgemeine Berichte | 13.06.2016

11 Jahre Tafelarbeit im Westerwaldkreis

„Verteilen statt Vernichten“

Wandel der Gesellschaft – Wandel der Tafel

Jung und Alt helfen gerne mit, wenn es darum geht, Nahrung zu verwerten und armen Menschen zu helfen. SMK

Westerwaldkreis. 11 Millionen Menschen in Deutschland leben unterhalb der Armutsgrenze, darunter 1,5 Millionen Kinder. 20 Millionen Tonnen Essen werden jährlich weggeschmissen. Und das nur in Deutschland. Erschreckende Zahlen, die leider der Realität entsprechen. Dass es einen Weg gibt, durch Verknüpfung der beiden Probleme, diesem Trend entgegenzuwirken, zeigte vor ca. 23 Jahren die erste Tafel in Berlin. Nach dem Beispiel aus Amerika wurde dort der Startschuss gemacht und brauchbares Essen, das von Supermärkten weggeschmissen werden sollte, an arme Menschen verteilt.

2005: In Bad Marienberg wird unter Trägerschaft des Diakonischen Werks im Westerwaldkreis die Westerwaldkreis Tafel gegründet. Seit dieser Zeit hat sich einiges geändert. Inzwischen findet man im Westerwaldkreis acht Ausgabestellen mit 430 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Begleitet und koordiniert wird die Arbeit von drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werkes. Die gesamte Tafelarbeit wird aus Spenden finanziert und zusätzlich unterstützt vom Förderkreis Westerwaldkreis Tafel und für die Ausgabestelle Montabaur/Wirges vom Förderverein Westerwaldkreis Tafel Montabaur/Wirges e.V.

Tafelarbeit basiert auf zwei Säulen. Zum einen soll der extremen Vernichtung von Lebensmitteln entgegengewirkt werden. Als Folge unserer heutigen Konsumgesellschaft wird etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel weggeworfen, obwohl die Produkte noch gut und genießbar sind. Oftmals liegt es nicht einmal an dem Verfallsdatum, sondern an der krummen Form der Gurke oder der zu großen Kerbe in der Kartoffel, was dafür sorgt, dass Obst und Gemüse den Verkaufsstandards nicht entsprechen und gedankenlos entsorgt werden.

Auf der anderen Seite leben Menschen, die von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Asyl oder geringer Rente betroffen sind, oft in finanziell bedrückenden Verhältnissen. Bekämpfen kann die Tafel das Problem nicht, dafür ist die Politik verantwortlich. Doch durch die Verteilung noch einwandfreier Lebensmittel, die eigentlich im Müll landen würden, kann Armut zumindest gelindert und die Vernichtung von Lebensmitteln verringert werden. Für zwei Euro pro Einkauf eines volljährigen Haushaltsmitglieds bekommen bedürftige Menschen einmal in der Woche Tafellebensmittel.

Möglich machen das all die ehrenamtlichen Helfer, Frauen und Männer jeden Alters, die mit Herzblut, Kreativität und Engagement bei der Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel helfen, aber auch immer ein offenes Ohr für die Schicksale der Betroffenen haben. Die Intention der Helfer ist dabei sehr unterschiedlich. Sei es, weil man helfen möchte, bzw. der Gesellschaft ein Stück selbst erfahrener Hilfe zurückgeben möchte, sei es die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung oder nach einer Aufgabe, bei der man gebraucht wird, nachdem man bereits im Ruhestand ist oder einfach das Reinschnuppern im Rahmen des Schul-, Firm- oder Konfirmandenunterrichts. Auch viele Betroffene helfen selbst mit, damit sie nicht nur nehmen, sondern auch etwas geben können.

Aktuell hat in den letzten Monaten die hohe Anzahl Asylsuchender und Flüchtlinge die Tafelarbeit vor neue Herausforderungen gestellt.

Am Beispiel der Tafelausgabestelle Rennerod lässt sich der Zuwachs der Flüchtlinge unter den Tafelkunden deutlich erkennen. Aus den fünf Haushalten mit insgesamt 17 Personen, die 2013 noch registriert waren, waren bis Dezember 2015 schon 25 Haushalte mit 70 Personen, davon 33 Kinder, geworden. Und diese Zahl ist 2016 weiter gestiegen. Menschen verschiedenster Länder und Sprachen kommen in die Ausgabestellen, wo sich die ehrenamtlichen Helfer gravierenden Sprachbarrieren stellen müssen. Doch die kreativen Köpfe finden immer einen Weg zur Verständigung und wenn es mit Händen und Füßen sein muss. Inzwischen können bereits einige ausländische Tafelbesucher, die schon länger in Deutschland wohnen, dolmetschen.

Dank Tafelarbeit gelingt auch ein kleines Stück Integration. Flüchtlinge lernen mit „unseren“ Nahrungsmitteln umzugehen, auf der anderen Seite werden den Tafelmitarbeitern kulinarische Zubereitungsarten aus anderen Ländern näher gebracht. Natürlich wird bei der Weitergabe der Lebensmittel auch immer auf den jeweiligen religiösen Hintergrund der Kunden geachtet.

Besucht man eine Ausgabestelle der Westerwaldkreis Tafel, so findet man Infoschilder in vielen verschiedenen Sprachen, wodurch Asylsuchende eine Chance haben, Tafelarbeit kennenzulernen und das System zu verstehen. Dass diese Mühe auf regen Anklang stößt, sieht man an der Beteiligung junger asylsuchender Männer, die freundlich und hilfsbereit mit anpacken. Mehrere Asylsuchende arbeiten bereits regelmäßig ehrenamtlich in den verschiedenen Teams mit. Sie sind dankbar für das, was die Tafel ihnen bietet und froh, selbst einen Beitrag leisten zu können.

Doch es gibt durchaus aus auch kritische Stimmen zur Tafelarbeit. Die Meinung der Bevölkerung spaltet sich bei diesem Thema und es ist tatsächlich eine gewisse Ambivalenz zu erkennen. Die zwei Ziele der Tafel, die in diesem Artikel bereits deutlich hervo

Jung und Alt helfen gerne mit, wenn es darum geht, Nahrung zu verwerten und armen Menschen zu helfen. Foto: SMK

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