Allgemeine Berichte | 17.02.2017

Trauertreffs des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr helfen auf dem Weg aus der Trauer zurück

Viele glauben, sie hätten etwas falsch gemacht

Gesprächsrunden und andere Aktivitäten

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Nicht die Weihnachtszeit ist die schlimmste Zeit für Trauernde, sondern die Zeit nach dem Jahreswechsel. Diese Erfahrung hat Berta Bauer in den vergangenen 15 Jahren gemacht, in denen sie Trauertreffs beim Hospiz-Verein Rhein-Ahr Eifel leitet: „Da ist zum einen das Gefühl, dass Vieles, was im vergangenen Jahr gewesen ist, zu Ende ist. Zum anderen ist da die Frage: Jetzt habe ich das ganze Jahr vor mir. Wie fülle ich das?“ Mit der Beantwortung dieser Frage, aber mit den anderen Emotionen Trauernder befassen sich die Trauertreffs: mit Zweifeln und Unsicherheiten, Angst, Wut, Ohnmacht und Schuld. „Fast jeder, der kommt, fragt sich: Wieso? Warum? Bin ich schuld? Was habe ich unterlassen oder nicht bemerkt?“, sagt Berta Bauer.

Wer in Trauer ist, hat eine dünne Haut und die ist sehr verletzbar, erklärt sie weiter: „Da braucht es manchmal nur ein Wort, das ein anderer überhaupt nicht böse meint, und der Trauernde ist verletzt. Oder er fühlt sich nicht mehr gemocht oder gewollt, wenn jemand mal keine Zeit für ihn hat, obwohl er es vom Kopf her anders weiß. Aber Trauernde fühlen sich ja eh schon verlassen, weil sie einen ihnen nahe stehenden Menschen verloren haben. Und dann ist da die eigene Positionierung im Leben, die Umorientierung. Manchmal passt man in alte Konstellationen nicht mehr rein, oft bleiben nicht viele alte Freundschaften.“

Die Trauertreffs bieten Zeit und Raum, inne zu halten, Solidarität zu spüren und einander Trost zu schenken. Ganz vielen hilft es schon, nur einmal oder auch ein paar Mal in die Gruppe oder zum ebenfalls möglichen Einzelgespräch zu kommen, um zu erleben, dass sie ‚normal‘ reagieren auf den Verlust des geliebten Menschen. In der Gruppe erfahren sie Gemeinschaft und dass andere ähnliche Gefühle haben. Für ein Treffen unter Gleichgesinnten bietet der Hospiz-Verein Rhein-Ahr Trauernden drei Termine an. Die Frühstücksgruppe am Morgen in Bad Neuenahr, die Berta Bauer leitet, sowie eine Nachmittagsgruppe in Adenau die von Sabine Bilnik-Clauß geleitet wird und einen Trauertreff am Abend, den Winfried Seifert leitet . Alle Gruppen treffen sich ein Mal im Monat. „Ziel ist, dass die Trauernden über ihre Trauer reden können und wieder zum Alltagsleben zurückfinden und auch etwas Positives in ihrem Leben finden, trotz des erlittenen Verlusts. Denn wer auf der einen Seite etwas verliere, gewinne auf der anderen Seite oft auch etwas, sagt Berta Bauer.

Freiheiten neu entdecken

Manche entdecken Freiheiten neu: Dass es auf einmal keine Rolle mehr spielt, ob sie etwas kochen oder nicht, oder, dass sie sich mit anderen treffen können, wann sie wollen. Oft seien es kleine Dinge, die helfen, sich auf den Weg zu machen: „Und wer herkommt, hat ja schon den ersten Schritt getan und für sich festgestellt, dass es so wie es ist, nicht bleiben kann.“

Die meisten kommen etwa ein dreiviertel bis ein Jahr nach dem Tod ihrer Angehörigen zu den Trauertreffs, „aber egal, wann man kommt: Wenn das Bedürfnis zu kommen da ist, ist der Zeitpunkt richtig“, sagt Berta Bauer, die als Mutter von fünf Kindern selbst vor 25 Jahren ihren Mann plötzlich und unerwartet verlor und eine Ausbildung als Trauerbegleiterin hat. Rund 70 Trauernde hat sie im vergangenen Jahr bei den Trauertreffs in Bad Neuenahr begleitet. Für jede monatliche Zusammenkunft gibt es ein Leitthema, aber nicht selten geht es auch um ganz andere aktuelle Fragen. Eine Frau hat mal geklagt, dass sie nicht aus dem Handyvertrag ihres verstorbenen Mannes rauskam, und dann wurden unter anderem auch Probleme mit Versicherungen thematisiert. Viele sind auch froh, einfach mal weinen zu können, wenn Verwandte und Bekannte sagen: „Deine Trauer dauert jetzt schon drei Monate und du hast uns deine Wehwehchen schon 50 Mal erzählt.“

Zusätzlich zu den Gesprächsrunden werden Aktivitäten angeboten. Im vergangenen Jahr zählten dazu eine Wanderung mit Schiffsfahrt von Remagen nach Linz und zurück, eine Fahrt ins Konzert nach Köln, eine Tour mit dem Vulkanexpress und Plätzchenbacken für den Uferlichter-Stand des Hospiz-Vereins im Dezember. Termine sind oft am Wochenende oder abends, weil diese Zeiten die schlimmsten für Trauernde sind, sagt Berta Bauer: „Hochachtung habe ich vor all denen, die sich gerade im hohen Alter noch mal auf den Weg gemacht haben in einen neuen Lebensabschnitt, noch mal Fahrstunden genommen haben und nach Jahren wieder Auto fahren oder ganz neue Hobbys für sich finden.“

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