Ute Wendorff-Grimm
Vom Weltladen bis zum Deutschunterricht
Bad Ems. Irgendwann hatte Ute Wendorff-Grimm, die seit mehr als zwanzig Jahren in Bad Ems lebt, einfach genug von den Krankheiten, die sie als gelernte Krankenschwester täglich umgaben.
Das negativ gefärbte Umfeld ließ sich nach der Arbeit nicht abstellen. Denn auch in der Familie machte sich das Kranksein breit. Zum einen war da der sie stark belastende Krankheitsverlauf der eigenen Eltern, zum anderen die Nachwehen der schweren Nieren-Erkrankung der Tochter. Die hatte sich 2006, als sie gerade 21 Jahre alt war, dank Lebendspende ihres leiblichen Vaters einer erfolgreichen Nierentransplantation unterzogen.
Die Summe dieser Erfahrungen in Verbindung mit dem zu leistenden Schichtdienst im Krankenhaus setzten Ute Wendorff-Grimm derart zu, dass sie erhebliche Schlafprobleme bekam. So beschloss sie im Jahr 2011 im Einvernehmen mit ihrem Ehemann, aus dem Berufsleben auszusteigen, damit sie sich einmal um die eigene Gesundheit kümmern konnte. Schon gut zwei Jahre später stellte sie aber fest, dass es ihr nicht reichte, sich nur noch mit Freundinnen zu treffen oder den eigenen Hobbys nachzugehen. Ihre Stimmung wurde eher mieser, als dass sie sich besserte. „Ich wollte noch etwas tun, eine Aufgabe haben“, sagt sie. Schließlich war sie ja erst 53 Jahre alt. Ein ehrenamtliches Engagement, bei dem sie den Rhythmus selbst bestimmen konnte, sollte Abhilfe schaffen.
Engagement bei der Bad Emser Tafel
Durch den Tipp einer Bekannten erfuhr sie von der Bad Emser Tafel, die zahlreiche bedürftige Haushalte aus den Verbandsgemeinden Bad Ems und Nassau versorgt. Einmal die Woche können sich hier gegen symbolische Zahlung von zwei Euro Personen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, mit Lebensmitteln versorgen, die von den ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeitern zuvor bei verschiedenen Märkten abgeholt, gesichtet, sortiert und in haushaltsüblicher Mischung in Portionskisten gepackt wurden.
Zwei Jahre lang brachte sich Wendorff-Grimm im Sortierdienst ein. Das sei „echte Knochenarbeit“ gewesen. Schwere Kisten mussten gehoben werden und alles sollte „schnell, schnell“ gehen. So stressig hatte sie sich ihr Ehrenamt nicht vorgestellt. Deshalb und um mehr zwischenmenschliche Kontakte zu bekommen, wechselte sie in den Ausgabedienst, wo sie jetzt 14-täglich für jeweils drei Stunden arbeitet. Zeitgleich mit dem „Tafel“-Engagement übernahm sie ein Ehrenamt im Weltladen Bad Ems. Als Kundin hatte sie ihn besucht, jetzt steht sie hinter der Verkaufstheke. Wenn sie alle 14 Tage je drei Stunden lang herkommt, freut sie sich jedes Mal auf die vielen und netten (Stamm-)Kunden. In diesem Jahr hat Wendorff-Grimm erstmalig an der „Tour de Fair“ teilgenommen, eine mehrtägige Radtour für Weltladen-Mitarbeiter, während der an den einzelnen Stationen auf die Vorteile des fairen Handels aufmerksam gemacht wird. Mit über dreißig Teilnehmern ging es innerhalb von fünf Tagen von Mannheim nach Mainz.
Das war eine gleichermaßen anstrengende wie interessante Erfahrung für sie. Ihr klingendstes Ehrenamt übernahm sie vor gut drei Jahren, als sie sich als Mitsängerin in einem Kirchenchor anmeldete. Seit Januar dieses Jahres gehört sie dem Frauenchor der Bad Emser Martinskirche an. Mit „ich singe nicht gut, aber gerne“ begründet sie die Mitgliedschaft. Die wöchentliche Chorprobe und die vier bis sechs Chorauftritte im Jahr passen gerade recht in ihr neues nachberufliches Leben.
Die Fülle der mit den Ehrenämtern hinzugewonnenen Kontakte sei enorm. Es beeindrucke sie, wie viele Menschen die Mitmenschlichkeit pflegen. Ehrenamt hat für Wendorff-Grimm offensichtlich Suchtpotential.
Neue Herausforderungen
Immer neuen Herausforderungen stellt sie sich. Im August 2014 ließ sie sich über das Seniorenbüro „Die Brücke“ des Rhein-Lahn-Kreises in Bad Ems innerhalb von sechs Tagen zur Seniortrainerin ausbilden. Das Büro wurde zur Förderung von Aktivität und ehrenamtlichem Engagement eingerichtet. Gerade für Menschen in der nachberuflichen Phase, wie Ute Wendorff-Grimm, werden hier verschiedene Möglichkeiten geboten, sich sinnvoll zu betätigen. Sie fühlte sich allerdings weder zur Wunschoma noch zur Gärtnerin für das generationenübergreifende Gartenprojekt berufen. Doch eine kleinere Aufgabe wollte sie gerne übernehmen. So organisiert sie nun die jährlichen Treffen der zur Zeit 15 Seniortrainerinnen und arbeitet seit einem halben Jahr auch im Büro selbst mit. Gut sechs Monate nach dieser Ausbildung entschloss sie sich darüber hinaus, bei der evangelischen Kirchengemeinde Bad Ems in einen schon bestehenden Deutschkurs für Flüchtlinge als Unterrichtende einzusteigen. Das sei jetzt ihr Lieblings-Ehrenamt. Die bisher nur weiblichen Schüler ihres Kurses haben russische, somalische und ghanaische Wurzeln. Nachdem sie ihrer Ehrenamts-Kollegin einige Male über die Schulter geschaut hatte, kaufte sie sich ein paar Bücher für Deutsch als Fremdsprache und legte los. Die erfahrene Kollegin, eine ehemalige Lehrerin, wohnt ihrem Unterricht immer bei, lasse ihr aber völlig freie Hand. Weil es kein vorgeschriebenes Konzept gibt, entscheidet sie aus dem Bauch heraus, was sie durchnimmt oder greift die Anregungen der Schülerinnen auf. Mit den beiden Tschetscheninnen hat sie sich mittlerweile angefreundet und unternimmt gelegentlich etwas gemeinsam mit ihnen. Ob sie den Unterricht weiter geben wird, wenn sich der Kurs demnächst auch für Männer öffnet, will sie nach einer Probephase entscheiden. Ein Ableger dieser ehrenamtlichen Tätigkeit ist die Mithilfe bei der Teestube für Migranten, wo Wendorff-Grimm seit Herbst vorigen Jahres ab und an als Springer im Einsatz ist. Viel Zeit für Muße bleibt der Ehrenamtskarten-Inhaberin offensichtlich nicht. Doch ihr Ehemann, der selbst noch als Chemiker im Berufsleben steht, unterstützt ihr Engagement vollends. An den Wochenenden gibt es Zeit für Gemeinsames. Dann stehen Radtouren, Wandern oder Saunabesuch auf dem Programm. Die Ehrenamtskarte, die sie seit diesem Jahr besitzt, hat sie erst ein Mal eingesetzt: In einem Bioladen in Montabaur. Ein wenig sei sie enttäuscht über das relativ geringe Angebot in Bad Ems und der Region. Nur gut zehn Partner bieten Vergünstigungen für Karteninhaber an. „Es hätte mich gefreut, wenn wenigstens Kurtheater, Volkshochschule oder Bücherei dabei gewesen wären“, sagt sie. Genauso wäre ein Angebot für vergünstigtes oder kostenfreies Parken eine tolle Geste der Anerkennung. Wendorff-Grimm hat zwischenzeitlich nicht nur die Geben- sondern auch die Nehmen-Seite des Ehrenamts entdeckt. Das Computertraining, initiiert vom Seniorenbüro, nutzt sie regelmäßig. „Denn ohne Computer- und Internet-Kenntnisse geht heute doch kaum noch etwas“, sagt sie. BSB
