Allgemeine Berichte | 23.07.2018

Dachsanierung der Kirche in Wassenach fördert außergewöhnliche Befunde zutage

Vom Wohnturm zum Glockenturm?

Gesamtrekonstruktion des romanischen Bogenfrieses. mrziglod-leiß

Wassenach. Neue Forschungen haben ergeben, dass der alte Kirchturm in Wassenach bereits im Jahr 1201 errichtet wurde. Ursprünglich war er vermutlich ein romanischer Wohnturm.

„Wer macht denn so was, hier kommt doch kein Mensch jemals hin?!“ So ging es dem Bauforscher Niko Leiß von den Restauratoren Mrziglod-Leiß durch den Kopf, als ihm die Wandmalereien im obersten Geschoss des alten Glockenturms auffielen, die bislang noch niemand beachtet hatte. Dieser Raum diente bis zum Bau des neuen Kirchturms 1898 als Glockenstube und ist nur über eine lange Leiter vom Kirchenschiff aus zugänglich. Die stark verschmutzte und beschädigte Wandmalerei zeigt einen ansteigenden Bogenfries mit kleinen Konsolkapitellen und ist sorgfältig mit Vorritzung und Fugenstrichen ausgeführt. Solche Architekturbemalungen sind charakteristisch für die Zeit der Romanik von etwa 1100 bis 1300.

Eigentlich sollte der Bauforscher im Auftrag des bischöflichen Amtes für kirchliche Denkmalpflege Trier die Dachsanierung begleiten, die derzeit durch das Architekturbüro Becker-Arnold vorgenommen wird. Solche Sanierungen bieten die Gelegenheit, über dendrochronologische Beprobungen nähere Informationen über die Baugeschichte eines Gebäudes zu erhalten. Bei diesem Verfahren werden an verschiedenen Bauhölzern wie Dach- oder Deckenbalken Holzproben und Bohrkerne entnommen und im Labor ihr Alter bestimmt.

Die Analyse brachte eine Überraschung. Zwar stammt der heutige Helm des alten Turms wie erwartet aus der Barockzeit, und zwar genau genommen von 1766. Aber die dabei zweitverwendeten Hölzer des ursprünglichen Gebälks datieren aus der Zeit der Romanik 1201. Der Turm ist damit deutlich älter, als es die Ersterwähnung einer Kirche in Wassenach um 1322 erwarten lässt.

Wie passt das nun mit der Wandmalerei zusammen? Verschiedene Umstände weisen darauf hin, dass der Turm zunächst gar kein Kirchturm war, sondern als romanischer Wohnturm errichtet wurde. Eine Familie von Wassenach erscheint urkundlich bereits im 12. Jahrhundert, ein Dymar von Wassenach wird um 1230 erwähnt. Eine Nutzung als Wohnturm würde die Malerei im obersten Geschoss erklären. Später – vermutlich kurz nach 1300 – wurde dann ein Kirchenschiff angefügt, der Turm umgebaut und durch Einbau eines Glockenstuhls zu einem Glockenturm umfunktioniert.

Romanische Wohntürme haben sich am Mittelrhein und der Mosel nur in geringer Zahl erhalten. Bundesweit gibt es einzelne Beispiele für spätere Umnutzungen, mitunter auch als Glockenturm. Für das Bistum Trier ist dieser Befund bislang jedoch einzigartig. Eine detaillierte Untersuchung und Bestandsaufnahme soll folgen.

Gesamtrekonstruktion des romanischen Bogenfrieses. Foto: mrziglod-leiß

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