17 Schulsieger aus dem Rhein-Sieg-Kreis trafen sich zum Kreisentscheid
Vom Zauber des Vorlesens
Für Gesine Engel aus Rheinbach geht es beim bundesweiten Wettbewerb eine Runde weiter
Rheinbach. Zum bundesweiten Vorlesewettbewerb trafen sich 17 Schulsieger aus dem Rhein-Sieg-Kreis im Februar vor insgesamt mehr als 400 vorwiegend jungen Besuchern in der Rheinbacher Stadthalle. Die Rheinbacherin Gesine Engel (SJG) gewann.
„Kein Laut war zu hören, außer Mos Stimme, die Buchstaben und Wörter zum Leben erweckte.“ Der 11-jährige Simon Lang, Schulsieger vom Städtischen Gymnasium Rheinbach, liest aus Cornelia Funkes Buch „Tintenherz“. Die dreiminütige Stelle aus dem erfolgreichsten Buch der deutschen Bestsellerautorin, das der magischen Kraft des Vorlesens ein zeitloses Vermächtnis schuf, ist perfekt ausgewählt. Auch die rund 250 Besucher, darunter Simons Klasse und die komplette Stufe 5 der Rheinbacher Gesamtschule, hören gebannt zu, weil Simon genau dieser Zauber gelingt. In der ehrwürdigen Stadthalle kann man eine Stecknadel fallen hören. Das Erreichen des „Halbfinales“, das Lesen des Fremdtextes, ist der verdiente Lohn. Als die Vorsitzende der Jury, WDR-Sprecherin Regina Münch, seinen Namen nennt, bricht tosender Jubel los.
Ein Kreis-Vorlesewettbewerb, der nicht nur im kleinen Kreis stattfindet, das war das Ziel der drei lokalen Veranstalter, Buchhandlung Kayser, öffentliche Bücherei St. Martin und Rheinbach liest e.V.. Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels holte man sich grünes Licht für den Plan, die Mammutveranstaltung in zwei für Kinder „konsumierbare“ Teile zu splitten. Durch die gastgebende Rheinbacher Gesamtschule, die ihren Stufen 5 beziehungsweise 6 eine ganz spezielle Deutschstunde ermöglicht, wird auch das Ziel erreicht, die 17 Schulsieger aus Bad Honnef, Bornheim, Hennef, Königswinter, Meckenheim, Rheinbach und Wachtberg vor einer großen Zuhörerschaft lesen zu lassen und sie so mit dem „Vorlesevirus“ und der Leidenschaft für Bücher zu infizieren.
Moderator Julius Esser hatte den immer wieder in Begeisterungsstürme ausbrechenden Saal und die Aufregung der lampenfiebergeplagten Kinder auf der Bühne gut im Griff. Der 26-jährige Student der Germanistik aus Brühl macht Kleinkunst und Kulturarbeit und hat schon seit seinem fünften Lebensjahr Bühnenerfahrung. Er fand die nötige Mischung zwischen Lockerheit und Disziplin, überbrückte die Beratungspausen für die Jury mit Bühnengesprächen und dem Sammeln von Witzen im Publikum.
Fachkundig besetzte Jury
Die Jury selbst war fachkundig besetzt. Neben Regina Münch bewerteten dort der ehemalige Leiter der Volkshochschule, Karl Hempel, Andreas John, Meckenheim-Rheinbacher Buchhändler im Ruhestand, Literaturwissenschaftlerin Christel Engeland von der Buchhandlung Kayser und die Rheinbacher Büchereileiterin Daniela Hahn die Vorträge nach den Kriterien Textauswahl, Lesetechnik und Gestaltung. Die Büchereileiterinnen aus Bornheim und Hennef, Brigitte Nowak und Sabine Janke, komplettierten die Jury.
Beim Lesen des jeweils zweiminütigen Fremdtextes („Stars“ von Salah Naoura) war neben Simon, Alina Kindt (Gesamtschule Hennef) und Laurena Lehrich (Europaschule Bornheim) auch eine andere Rheinbacherin dabei. Gesine Engel vom Sankt-Joseph-Gymnasium hatte aus Michael Morpugos „Der verborgene Schatz vom Big Hill“ gelesen. In der ausgewählten Textstelle empört sich die gehbehinderte Jessy in der Schönschreibstunde gegenüber ihrer Lehrerin, die ihr das Erklimmen des sagenumwobenen Berges nicht zutraut und sie der Lüge bezichtigt. Das ging wohl auch der Jury unter die Haut. Ihr Schlusssatz „… das war das Beste.“ sollte ein gutes Omen sein. Gesine lag beim Vormittagsblock A vorne und durfte sich auf das Finale mit dem Führenden des Nachmittagsblocks B freuen.
In Block B nach der Mittagspause hatte Rabea Nikolaidis von der Rheinbacher Gesamtschule ein Heimspiel vor ihrer Stufe 6. Sie hatte eine wunderbare Stelle aus „Wunder“ von Raquel J. Palacio vorbereitet, „in der Komik und Rührung so nah beieinander liegen“, wie sie erklärte, und die sie mit wunderbarem Charme vortrug. Ähnlich überzeugend war Paula Rydzicki vom Konrad-Adenauer-Gymnasium in Meckenheim, die mit der „Chatroom-Falle“ von Helen Vreeswijk ein spannendes Problembuch gewählt hatte.
Schließlich war es aber Rabea, die mit Lukas Pie aus Bad Honnef (Siebengebirgsgymnasium), Jonna Joy Profitlich (Jugenddorf-Christopherusschule Königswinter) und Lucy Luna Werry (Gymnasium Hennef) das Fremdtext-Halbfinale erreichte, natürlich unter riesigem Jubel ihrer Mitschüler. Ins Finale mit Gesine und dem äußerst witzigen Buch „Die Götter sind los“ gelangte aber Lukas.
Gemeinsame Vorbereitung in den Rheinbacher Leseclubs
Es oblag der Vorjahressiegerin beim Kreisentscheid, Katja Krancke (SJG Rheinbach), zu verkünden, wer am Ende haarscharf vorne lag: Gesine. In Gegenwart von Bürgermeister Stefan Raetz erhielt sie von Buchhändler Christoph Ahrweiler die begehrte Siegerurkunde und einen Buchpreis. Simon, der sich mit Rabea und Gesine in den Rheinbacher Leseclubs gemeinsam vorbereitet hatte, erklärte: „Ich war anfangs erst mal enttäuscht, aber jetzt freu ich mich, dass es mit Gesine einer von uns drei Rheinbacher Schülern geworden ist.“ Er habe durch seinen Auftritt und die jubelnde Unterstützung seiner Klassenkameraden und seines Lehrers Herrn Niemann viel Auftrieb bekommen und wolle weiter an seiner Vorlesefertigkeit arbeiten.
Die Jury-Vorsitzende Regina Münch brachte genau diese Einstellung in ihrer Ansprache auf den Punkt: „Schön vorlesen zu können ist etwas Tolles, und manchmal kann man das sogar zu seinem Beruf machen.“ Toll fanden die Kinder im Publikum auch die Powerpoint-Präsentation mit den riesigen Buchcovern im Bühnenhintergrund. „Geht morgen in die Buchhandlung Kayser und holt Euch eins!“, empfahl Julius Esser und behauptete augenzwinkernd, dass dies „natürlich keine Werbung“ sei.
Nächste „Gegner“ sind die besten Vorleserinnen des Regierungsbezirks Köln
Für Gesine geht es beim bundesweiten Vorlesewettbewerb, der nun schon zum 57. Mal vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgerichtet wird, eine Runde weiter. Ab Mitte März darf sie sich mit den besten Vorleserinnen des Regierungsbezirks Köln messen. Bis dahin wird sie zuhause und im Leseclub der öffentlichen Bücherei St. Martin sowie im Leseclub „Bücherwelten“ der Buchhandlung Kayser noch viele Bücher lesen, denn schließlich, so die 11-Jährige, brauche sie ständig Nachschub: „Lesen gehört bei mir zum Tag so wie Schlafen und Essen.“
Infos zum Vorlesewettbewerb unter vorlesewettbewerb.de.
Pressemitteilung Rheinbach liest e.V.
Die Siegerin las aus „Der verborgene Schatz vom Big Hill“ vor.
