„TextProbe .Lyrik spezial“: Lieder und Gedichte bei Lothar Tolksdorfs „talentierter Literaturbühne“ im Rheinbacher JUZE.
Vom alten Apfelbaum, der Nacht mit Kurt und der ewigen Suche
Rheinbach. Eine Rekordzahl an Teilnehmern aus Rheinbach, Meckenheim, Wachtberg, Bonn und Wesseling konnte der Bornheimer Literaturkabarettist Lothar Tolksdorf auf seiner mittlerweile sechsten TextProbe begrüßen.
Die Würze liegt in der Kürze
Zum ersten Mal gastierte die „talentierte Literaturbühne“ vor wieder über 40 Gästen im neu gestalteten JUZE an der Brahmsstraße. Eingebunden in die Lyriktage galt die Beschränkung auf Gedichte und Lieder. Und da bekanntlich in der Kürze die Würze liegt, kam der Abend auch mit sage und schreibe 14 Teilnehmern auf kurzweilige zwei Stunden Programm. Die Spanne reichte von Gedichten aus der zerlesenen Kladde der 24-jährigen Meckenheimerin Kristina Gross, die zuvor noch nie vor Publikum vorgelesen hatte, bis zu Beiträgen von Bühnen-Profis wie Irena Rostalski und Alexandra Stegh. Die Wachtbergerin Rostalski hatte aus ihrem Kabarettprogramm etwas Prosa eingeschmuggelt und schrieb humorvoll über den Internetfund von gekonnten frauenverstehenden Versen eines gewissen Kurt, der sich zu ihrem Bedauern als der bereits lange verstorbene Kurt Tucholsky herausstellte. Die 39-jährige Multi-Künstlerin Alexandra Stegh aus Wesseling sang und deklamierte charmant auf hohem Niveau über die Spielarten des Eros und begleitete sich selbst auf der E-Gitarre.
Jede Menge Lieder
Überhaupt gab es diesmal jede Menge Lieder: Die 29-jährige Fabienne Löhr von den „Churchillers“ trat ebenso erstmals als Solistin mit großer Stimme und zwei eigenen Liedern auf („Ich bin immer auf der Suche …“), wie Christiane Bröckelmann, begleitet von Dirk Plücker am Klavier, mit der Aufarbeitung ihres Daseins als Fußballmutter. Die Musik bettete die zahlreichen Gedichte wunderbar ein. Margret Wittgrefe las unter anderem ein Maigedicht und eine Reflexion über das Schweigen von Cafebesuchern. Renate Meier aus Meckenheim präsentierte hoch konzentrierte Kurzlyrik und tat es dabei Hilde Domin gleich, sie las nämlich alles gleich zweimal. Horst Dieter Maurer, vielen aus seiner Zeit als Rheinbacher Ratsherr bekannt, rezitierte sein gleichnishaftes Gedicht über einen alten Apfelbaum und hinterließ damit bleibenden Eindruck. Bei einem lyrischen Abendspaziergang ließ Thomas Mentzel aus Bonn niemanden ungeschoren.
Stau im Tunnel...
Nach der Pause eröffnete der 21-jährige Rheinbacher Student Hendrik Mikliss den zweiten Block. Er hatte sich unter anderem vom Adventslied „Maria durch ein Dornwald ging“ zu einer hoffnungsfrohen Wende in seinem Schaffen inspirieren lassen. Marina von Grote aus Bonn erzählte in humor- und kunstvollen Enjambements von einer Autofahrt, bei der der Ehrgeiz den Komponisten eines Musikstücks zu erraten, jäh durch einen Tunnelstau verhindert wird. Die Rheinbacherin Renate von Elm trug aus ihrem großen Fundus fünf Gedichte vor, die vom Erwachen der Natur bis zum Abschied von einem lieben Menschen reichten. Ein Gedicht-Gericht bot Beate Fuhrmann aus Bonn dar und reflektierte mit dieser Metapher, was das Schreiben eines Gedichts alles mit einem genussvollen Mahl gemeinsam hat. Das Rheinbacher Duo dirkundich, alias Dirk Plücker und Gerd Engel, beschloss den Abend mit zwei Liedern und bewies bei der Rheinbach-Meckenheimer Version von Ingo Insterburgs „Ich liebte ein Mädchen …“ zum Vergnügen der Zuhörer Selbstironie und Ortskenntnis.
Die nächste TextProbe
Die TextProbe wäre ärmer, ohne die kleinen situativ zugeschnittenen „Einstreuer“ von Moderator Lothar Tolksdorf, diesmal in Form von teils eigenen Bonmots. Die Veranstalter, Rheinbach Liest, Öffentliche Bücherei St. Martin und Buchhandlung Kayser, bedankten sich bei Esther Grote von Optik Sichtweise, die mit ihrer privaten Anlage für ausgezeichneten Ton gesorgt hatte. Die nächste TextProbe ist für den September geplant. Mitmachen? Infos unter www-rheinbach-liest.de Die vierte und letzte Veranstaltung der Lyriktage in Rheinbach folgt am 6. Juni, wenn der Rezitator und Sänger Peter Sturm die humorvollen Gedichte des Weggefährten von Robert Gernhardt, Günther Nehm, im Pfarrzentrum St. Martin präsentiert: „Den Nehm ich …“. Karten im VVK gibt es zum Preis von acht, ermäßigt sechs Euro in der Öffentlichen Bücherei St. Martin und der Buchhandlung Kayser.
