Der zehnte Kunstsalon kam als Gemeinschaftsleistung groß heraus
Vom inneren Schweinehund bis zu Bischofshüten
Remagen. Ein Wochenende lang Kunst ohne Ende das ist der Remagener Kunstsalon. Noch mehr als der LebensKunstMarkt unterstreicht der Kunstsalon den Stellenwert, den die Stadt am Rhein als „Stadt der Künste“ inzwischen hat. Bei der zehnten Auflage bewies das Erlebnisformat, welche Bandbreite an gedanklichen Ansätzen, Motiven und Techniken die Remagener Künstler und Galerien mit ihrem Netzwerk befreundeter Kreativer und Ausstellungsstätten aufbieten können. Darüber hinaus waren vielerorts auch die Freude und der Elan zu spüren, mit dem die Aktiven zugange sind, um den Kunstinteressierten alle paar Meter zwischen Marktplatz und katholischer Pfarrkirche neue Entdeckungen zu bieten. Zum Auftakt im Untergeschoss der Kulturwerkstatt sprach Bürgermeister Herbert Georgi vom „belebenden Effekt“ durch 50 in Remagen lebende Künstler und der „Leistungsschau Kunstsalon“, während Landrat Jürgen Pföhler angesichts der großen Gemeinschaftsleistung in der Kernstadt resümierte: „Ich kann nur Danke sagen, wenn ein solcher Leuchtturm von unten gestemmt wird – der leuchtet für uns alle, für Stadt und Region.“ Er erinnerte daran, dass der erste Kunstsalon zusammenfiel mit der formellen Eröffnung des Arp Museums. Georgi dankte für die wichtige Unterstützung durch das Kulturförderprogramm des Kreises Ahrweiler. Als zweiten Hauptsponsor nannte er die Energieversorgung Mittelrhein AG. Zudem kam Hilfe vom Verein „Lebendigen Marktplatz Remagen“ und von Hauffes Buchsalon.
Kunst und Kegelbahn
Kaum war mit diesen Worten der diesjährige Kunstsalon eingeläutet, stellte die Kunstvermittlung des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, vertreten durch Heike Henze-Bange, die „Dada“-Arbeiten der Aphasie-Selbsthilfegruppe vor. Regelmäßig arbeitet die Gruppe unter Anleitung von Ulla Hieronymi-Pinnock im Museum. Anlässlich 100 Jahre Dada stellten Heiner Hartmann, Willi Westra und Hermann-Josef Wester ihre Bilder im Eingangsbereich aus. Rechts davon erregten auf der Ex-Kegelbahn aufwühlende Skulpturen von Margarete Gebauer und farbige Druckgrafik von Rosmarie Feuser das Interesse. Links daneben taten dies Malerei, Holzschnitte und Zeichnungen der „Art am Rolandsbogen“-Mitglieder Ursula Böttcher, Eva Schwarz und Ute Waldow.
16 Stationen und rund 80 Künstler zur Auswahl, strebten die Gäste der Kunststadt ebenso dem Atelier Kunsthaus Rheinlicht auf der Rheinhöhe zu, wo Stefan Noss und Angelika Erhardt-Marschall Bilder zeigten und Beatrice Fermor aus „Atemhaus – Fremde Heimat“ las. In der Altstadt sahen sie im Studio MoNo „Gezeiten“-Assemblagen von Anja Kleemann-Jacks, stießen in der Kreativwerkstatt „Verwandelt“ auf „Struwwelpeters Freunde – Kunstkreis Georgsmarienhütte“ aus der Partnerstadt und in der Kunststation Remagen auf Malerei, Grafik und Glaskunst von Irene Gravender, Rosemarie Griess, Gisèle Hillen, Erika Klassen, Marianne Kuchta-Schulze und Katja Schnee. Seine letzte Präsentation offerierte der vielseitig engagierte Rudolf Kluth in der Hand in Hand Galerie. Dort ergänzten sich Vesna Faiazzas expressive Malerei und Nina Steiers leuchtende Tier- und faszinierende Falter-Bilder.
Posers Performance
Während die Künstler der Ateliergemeinschaft Villa Heros ihre Ateliers im ersten Stock der Villa öffneten, klinkte sich ebenerdig das Künstlerforum mit vier Ausstellern seiner kürzlich eröffneten ersten „Regionale“ ein. Neues brachte auch der „Kunstraum Remagen Mitte“. Betreiber Herbert Höcky war mit der Galerie ein Haus weiter in der Bachstraße 11 gezogen. Gestaltet der Bildhauer seine klaren Holzskulpturen in reinem Weiß, so beging die Kunstgruppe RheinART ihrem zehnten Geburtstag mit lauter blauen Arbeiten im Katholischen Pfarrzentrum. Das größte Format hatte eindeutig Bloody Pete mit seiner von Franz Marc inspirierten 7,50 Meter breiten Pferde-Bildwand hervorgebracht.
Gegen Ende des Vernissage-Marathons am Samstag – der Sonntag war der Kunst, Musik und Aktionen gewidmet - wurde es immer spannender. Eröffnungsgäste, die im Modern Art Showroom (M.A.SH.) der Vorstellung erstaunlicher Digital-Arbeiten und animierter Figuren des jungen Talents Martin Schneider aus Köln beiwohnten, konnten gleich dableiben, um vor der Galerie Antje Poser bei der Maskenperformance ihres inneren Schweinehundes zu bewundern. Wie im Vorjahr hatten Wartende in der Bachstraße bereits Position bezogen und die Handys gezückt, um sich auch später noch an dem zu erfreuen, was dann kam. In gebückter Haltung, mit Schweinemaske, schwarzer Kopfbedeckung, falsch geknöpftem Mantel und Pantoffeln trat das Schweinerl aus der Galerie auf die Straße. Gespannt verfolgte das Publikum jede seiner eigentümlichen Bewegungen. Den Mantel legte es rasch ab, um sich teils wurstig, teils eitel, dann wieder forsch und mutwillig in kesse wie komische Eskapaden einzulassen. Den großen Pappkarton, den es auf einem Wägelchen hinter sich herzog, durchforstete es wie wild, um sich beseelt ein goldenes Kissen herauszufischen und darauf zu betten. Es war herrlich den inneren Schweinhund, der sonst immer nur vertrieben werden soll, einmal in seinem lahmen, schlamperten, aber doch irgendwie auch grundsympathischen Element zu erleben. Kongenialer Partner dieser Welturaufführung war Musikmechaniker Gerhard Kern, der dazu die selbst geschriebene und arrangierte Musik auf seinen Klangmaschinen beisteuerte.
Sehr böse diese Kinder
Mit der Ausstellung „Böse Kinder“ hat Christoph Noebel für seine Galerie Artspace K2 einen Glücksgriff getan. Er beschert seinen Gästen die Kunst von fünf großartigen Kreativen: „Punk- und Pop-Künstler“ Jörg Schimmel liefert wilde Grafik und ein böses Muttertag-Bild vom gellenden Säugling. Michael Royen bringt köstlich „Die Aufzucht des Künstlers“ zur energetischen Anschauung: ein Baby, das, eingespannt zwischen Strom-Isolatoren aus Porzellan, am Grafit-Fläschchen nuckelt. Michael Marx aus Bern kreiert verschnürte Figuren aus Matratzen und Kupferrohren, welche die Assoziationsmaschine und die Emotionen des Betrachters mächtig in Gang setzen. Seine künstlerisch völlig eigenständig agierende Frau Marion Linke übt mit Bischofshüten in erschütternd überzeugender Materialsprache und präziser Ausführung Kritik an Macht, Intrigen, Geld und Sex im Vatikan und beim Klerus.
Ilse Wegmann legt Max und Moritz für Fotos und Installation in Mehl ein. Bleibt Irene Eigenbrodt zu nennen, deren Verknüpfung isolierter Puppenteile mit Elektrozubehör in aseptisch wirkenden Acrylglaskästen ebenfalls alles andere als kuschelig zu nennen ist. Kunst, die Kritik übt - in der Galerie Artspace K2 ist sie packend versammelt. Äußerst sehenswert, weil stringent durchexerziert, kommt auch Irene Eigenbrodts ungewöhnliche Solo-Präsentation „Sprengstoff“ in der Galerie Rosemarie Bassi daher, zu der Blick aktuell einen eigenen Bericht veröffentlicht. HG
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