Kultursalon Koblenz beleuchtet Koblenzer Städtebaupolitik
Von Gassen, Baukultur und Renaissance des Lehmbaus
Koblenz. Sonnenschein hatte an diesem Samstag Koblenz und das Schloss erobert. Das Thema „Gassen- das Gesicht einer Stadt“ füllte die Veranstaltung im Schlossinneren. Viele Besucher stürmten das Schloss-Café in dem Lokalmatadore wie Marlis Weis (Gästeführerin GkkG-Ehrenrätin), Willi Gabrichs (Ortschronist Neuendorf), Gerd Meurer (Fachmann für Lehmbau), Dr. Dr. Kallenbach (Bauhistoriker und Fachautor) mit Salongründerin Petra Lötschert über die Historie und städtische Entwicklungen debattierten. Viele, die heimatverbundene Regional-Prominenz war gekommen – Kalle Grundman, Mit-Initiator der „Kulturinitiative Neuendorf“, K.E. Bernady (Westdeutsche Gesellschaft für Familienkunde), Michael Heisser (Leiter des Vermessungsamtes), Henner Herrmanns (Architekt), die BUGA Freunde und viele mehr. Kurz ein Publikum, dem seine Stadtentwicklung am Herzen liegt.
Lang lebe Neuendorf
Nicht nur das Neuendorf im 19. Jahrhundert einen Pastor Lang besaß, der Reisen und Ortsentwicklung dokumentierte. Die Pastor Langstraße im selbigen Ortsteil besitzt heute einen engagierten Ortschronisten - Willi Gabrich, der es sich nicht nehmen ließ, Neuendorf aus den Augen von Peter Bahns Erzählungen zu beschreiben. Das Publikum lauschte. Der ehemalige Medienfachmann arbeitet mit Anke Sürtenisch und seiner Ehefrau an dieser einmaligen, bereits 157 Seiten starken Chronik, die heute zum Stadtarchiv Koblenz gehört. Gesammelt werden Fotos, Postkarten, Kaufverträge, Urkunden, Totenzettel, Zeitungsausschnitte. Selbst das Rheinufer ist eine Fundgrube für die drei Ortschronisten: Bleikugeln, antike Scherben, Flaschen von historischem Wert fand man hier.
Als Alleinstellung hat Neuendorf mit Sicherheit die große Gassenanzahl, die zum Rhein verläuft. Ursprünglich 22 Gassen sorgten für den direkten Zugang der Flößer zu ihrer Arbeitsstätte. Das Flößerdorf, das die Römer einst „villa nova“ nannten, war berühmt für seine delikaten Gemüsesorten. Der Kurfürst selbst ließ sich täglich von der Burgstraße 1 zur Rheinwiese rudern, um hier Morgen-Gymnastik zu machen. Die Natürlichkeit und Gelassenheit dieser Rheinseite hatte es ihm angetan. Heute dient, die immer noch federviehreiche Schartwiese verschiedenen Neuendorfer Events: „Picknick unterm Hüttchens-Baum“ - ein Selbstverpflegungsveranstaltung. Dem „Kreppelchenfest“ kann keiner wiederstehen, selbst die Dähler kommen mit der Fähre rüber.
Willi Gabrich stellt das am 9. Juni startende dritte „Höfe-, Garten- und Gassenfest“ vor. Selbst das Adventsevent „Offene Fenster“ am 3. Adventssonntag preist er frühzeitig an. Statt eines Adventskalenders gibt es bei den Neuendorfern ein „Fenster öffne Dich“ - mal sind es moderne Weihnachtsgedichte, mal alte Weihnachtmärchen, mal ein Klavierkonzert, oder ein Schattenspiel, was aus den Adventsfenstern unten am Rhein klingt. Was die kreativen Neuendorfer so sympathisch macht, sie machen nichts für Geld. Herz statt Kommerz. Auch vom verkommerzialisierten Vereinswesen lassen sie die Finger weg. Das Motto „Von Bürgern für Bürger“ ist einmalig. Neuendorfer haben aber auch einen eigenen Kopf, sind echte Schängelcher. Im Laufe der Geschichte schlug man sich mit der Gedarmerie, wehrte sich gegen Steuerzahlungen. Heute kreist auch schon mal ein Hubschrauber über dem Stadtteil. Eben Neuendorf.
Gassenbewohner können noch feiern
Davon kann der SWR-Theologe und Gästeführer Kalle Grundmann ein Lied singen. Er ist neben Iris Kiefer, Andrea Duderstaedt und einigen anderen Initiator der „Kulturinitiative Neuendorf“. Einst im Oberdorf, im Kreuzchen aufgewachsen, im Unterdorf am Rhein Fußball spielend, ist aus ihm ein Gästeführer besonderer Art geworden. Er schenkt Neuendorf am 9. Juni Gassen-Lesungen; Willi Gabrich Führungen. Ein Orgelkonzert, eine Fotoausstellung über die Hochstraße mit diversen Hochwasserbildern, aber auch diverse Leckereien und Weine warten im gastfreundlichen Neuendorf, so hießt das Flurstück seit 1300 bereits. Weinanbau ( ab 11. Jh. ), Lachsfang (ab 12. Jh.), Bierbrauereien (ab 17. Jh. ), Schafzucht (seit 14. Jh. ), Gemüseanbau ( 16.Jh. ) - Neuendorfer sind Selbstversorger, bodenständige Feinschmecker. In der „Zur alten Brauerei“ sitzt auch hin und wieder Sigmar Gabriel und andere Prominenz zum Speisen. Auch Willi Gabrich bietet bei seinen Neundorf-Führungen in dieser alten Institution mit Biergarten eine Mahlzeit an. Kalle Grundmann, als Weinknecht bekannt, steht hingegen für historische Weinbergführungen auf dem Marienberg bei Weinbauer Schwaab in Güls.
Die Frau mit de Dudebaincher
Marlis Weiß ist ein Koblenzer Original. Seit 2011 Gästeführerin und einstige Chefsekretärin von Oberbürgermeister Schulte-Wissermann wird von Salongründerin Petra Lötschert am Samstagabend gern etwas gefoppt.“ Sie meint, „sie war die Managerin des OBs“. Das Publikum lacht.
Marlies Weiß geht voll in der Gästeführer-Rolle des Huckeweibs Lisbeth auf. Ihr Mann im Publikum nickt. Ursprünglich waren Dudebaincher ein Allerseelen-Gebäck. Marlis Weiß stellt ihre Dudebaincher selbst her, gesteht die Moddersprochpreisträgerin 2017. Das Hefegebäck in Knochenform ist für ihre Koblenztouristen und wird statt in Schmalz in guter Butter gebacken. Den „Dähler Drobbe“, den sie dabei einschenkt, ist nichts anderes als ein Kräuterlikör, der nur von Manfred Diehl hergestellt wird - nach jahrhundert alter Rezeptur der Gebrüder Buschmann, versteht sich. Marlis Weiß lässt Geschichte lebendig werden.
Die geborene Dählerin zählt sämtliche Gassen der ehemaligen Barockstadt auf, manche verschwanden, andere wurden umbenannt - aus der Judengasse wurde die Bootkellereigasse.
Marlis Weiß, einst auch Präsidentin des Dähler Faschingsclubs, wohnte als Kind in der Helfensteinstraße und berichtet über das Hochwasser im Dahl. Wie Boote Nahrungsmittel brachten, Kinder mit einem Kahn zur Schule fuhren- oder über Stunden gar nichts fuhr. Wie die Familien aus Parterre zu den Familien in den ersten Stock zogen, wenn nicht sogar alle zusammen, in den zweiten Stock einziehen mussten, wenn der Hochwasserpegel stieg. Nicht nur Gassen auch Hochwasser führt zur echten Intimität. Wegen den unbezähmbaren feuchten Häuserwänden verließen viele Menschen Ende des 20 Jahrhunderts E-Stein.
Der rechtsrheinsche Stadtteil besitzt seit 2003 eine Hochwasserschutzmauer, 2010 folgte Neuendorf mit der längsten Schutzmauer am Rhein. Das Wohnen am Fluss ist wieder beliebt und lässt die Häuserpreise fröhlich steigen.
In alten Gassen atmen Wände
Mit Gerd Meurer hatte der Kultursalon Koblenz einen HWK-Sachverständigen für Lehmbau an den Tisch geholt. Als Student im Dahl in der Bootkellereigasse wohnend, hatte Gerd Meurer neben der alten Synagoge ein barockes Haus für wenig Geld gekauft und liebevoll mit Lehm und regionalen Baustoffen wiederhergestellt. Diese Arbeit macht den einstigen Maschinenbaustudenten zum Unternehmer für Lehmbau. Heute wohnt Gerd Meurer in Neuendorf in der Flößervilla von Geheimrat von Milz. Für eine DM erworben, machte er aus einem maroden Haus von 1679 wieder einen kleinen Palast. Jedes Jahr am „Tag der Denkmalpflege“ öffnet er für interessierte Besucher das Tor, um zu zeigen, was man mit Lehmbau alles erreichen kann. Für seine Arbeiten hat er bereits zweimal den Bundespreis für Denkmalpflege Handwerk erhalten.“
Lehmbau“, erklärt er, „hat folgende Qualitäten, permanent 50% Luftfeuchte, Wände können atmen, Schimmelbildung hat keine Chance, mit Lehm kann man Wände streichen/verputzen. Der Raum hat unten wie oben gleiche Raumtemperatur. Lehm ist Wärme speichernd, schalldämmend, führt zu geringerer Staubentwicklung“. Meurers biologische Baustoffe sind nachhaltig, entwickeln keine Gifte, sie sind lösungsmittelfrei.
Gerd Meurer spricht auch Bausünden an, wenn es um die Bebauung neben einem Denkmal geht. Dispersions-, Latexfarben hindern das Haus am Atmen, Fäulnis entwickelt sich. Dach- und andere Balken werden feucht, innerhalb von 10 Jahren baufällig. Das Publikum erfährt eine Menge über regionale Baustoffe, Bausünden, gesunde Heiz- wie Kühlsystem. Gesunde Dämmstoffe mit Heu und anderen natürlichen Pflanzenanteilen. Neuendorf betont er, ist in seinem Ortskern noch zu 80% von ursprünglicher Bausubstanz. Das Flößerdorf ist authentischer als die Stadt Koblenz geblieben.
Der Koblenz-Kenner
Dr. Dr. Kallenbach ist Bauhistoriker, der im Bereich Gassen sogar seine Magisterarbeit gewidmet hat. Selbst seine Promotion hat er Koblenzer Baukonstruktionen zu Füßen gelegt. Die Mehlgasse und ihre Historie hat es ihm angetan. Wer weiß heute noch, dass das Etzegässje nur ein Knick der Mehlgasse war, dass sie einst zu einem Friedhof führte?
Was ihn zutiefst kränkt sind die Bausünden von Koblenz. Gassen als schmale Wege waren früher organisch angelegt, es gab Krümmungen, Halbkreise – sichtbar auf alten Koblenzvermessungskarten und Gemälden. Im 18. Jahrhundert wurden Straßen nicht nur begradigt, auch erweitert. Ein Produkt der Industrialisierung, des Kommerzes. Der Mensch als organisches Produkt der Natur wird in eine Entfremdung geführt durch Geraden, perfekte Kreisformen. Der Mensch ist einfach keine Reisbrettfigur. Die Natur geht mit Formen lockerer um. Der Mensch wurde im Laufe der Industrieentstehung zum reinen Nutzungsobjekt. Der Neuwieder F. W. Raiffaisen begegnete dieser Menschen kränkenden Entwicklung mit menschenwürdigeren Genossenschaftswohnungen. 2018 ist ein Raiffaisenjahr.
Kallenbach wohnt in der Koblenzer Altstadt, dort wo früher die Kneipe „Zum Armen Josef“ war. Ein Haus, das um einiges älter als der „Deutsche Kaiser“ ist. Er spürt den Städtebauwandel mehr als mancher andere und macht sich so seine Gedanken. Das verraten die vielen interessanten Buchthemen aus dem Garwain Verlag.
Was ist aus unserer Architektur geworden?
Die Gemütlichkeit wird im Laufe der Geschichte den Menschen entzogen. Der Mensch von heute schaut immer öfter auf „Wohnkäfige im erdrückenden Preudobauhausstil“, nennt Kallenberg es. Muss man nicht davon allein schon psychisch krank werden? Die „Weißer Höfe“ findet er, eigentlich alle am Tisch, in ihrer Protzigkeit langweilig. Hier hätte mit Wohntürmen, kleinen Rasenflächen gespielt werden können. Bäume fehlen, der Abstand zur Straße. Sind die „Weißer Höfe“ zu einem modernen Nutzbau verkommen?
Die 60er und 70er Jahre gaben der Stadt und ihren Räten in ihrer „Autoverliebtheit“, so Kallenbach, eine verkehrte Baurichtung. Lötschert toppt den Satz mit dem Einwurf „Selbstverliebtheit?“. Mitten in der Stadt verschwand ein Stück Stadtmauer für eine Tiefgarage. Aua.
„Die schnelle Moderne aus Beton und Zement „ meint Dr. Dr. Kallenbach, „spiegelt sich im 20 Jahrhundert in diversen Nutzbauten - siehe Justizministerium, Löhrcenter“ – die der Stadt den letzten Charme an Natürlichkeit nahmen. Im 21. Jahrhundert entstand ein Zentralplatz-Monster, der Entenpfuhl wurde zu einer innerstädtischen Rennbahn und, und, und. Beton und Zement vertreiben Vögel und andere Kleintiere. In der Ulnerstraße in Neuendorf werden gerade Gärten betoniert, der Gesang der Vögel ist verschwunden.
Ein Baugestaltungsausschuss muss her
Auf den warten die Bürger von Koblenz und seinen Ortsteilen vergeblich seit über 20 Jahren. Lötschert spricht hier von verdrängter Bauethik: „Einem Ausschuss, dem alle baulichen Veränderungen der Stadt vorgelegt werden müssen. Der nicht von Theoretikern, sondern von integren Praktikern bestückt sein muss“. Dr. Dr. Kallenbach spricht über seine Erfahrungen mit den Baubehörden, die sich eher mal an Fenstervorhaben festbeißen und den Gesamtüberblick des Projektes und seine Wirkung auf die Umgebung verlieren.
Wenn Koblenz noch den Rest seines historischen Charmes behalten möchte, muss es baugestalterisch in die Gänge kommen. Hier sind sich die Talkgäste einig. Es ist höchste Zeit. Eins vor Zwölf. Die historischen Teile der Stadt haben längst Nachhaltigkeit bewiesen und die Erneuerungen der letzten 70 Jahre nicht. Im Publikum ruft einer: „Sich Tallinn in Estland ansehen“. Genau, es geht doch!
Mit dem Kultursalon Heimat kennenlernen
Der nächste Kultursalon startet am 13. Oktober 2018 mit dem Thema „BUGA 2031 – was wird das werden? Zur dieser Runde konnte Moderatorin Lötschert gleich Dr. Dr. Kallenbach gewinnen, der bereits zur BUGA 2011, die einzige BUGA, die bis lang ein Plus in den Kassen erzielte, eine Buchtriologie verfasst hatte. Bei der Diskussion um die BUGA 2031 sind Oberbürgermeister, Vorsitzende und Redakteure als Talkgäste eingeladen. 67 km Rheinufer gilt es hier zu vermarkten. Wer treibt diese Projekte voran? Wer verteilt die Gelder? Wer sind die Macher? Wer die Gemachten? Was bringt uns die BUGA 2031? Herzlich willkommen von 17.30 bis 19 Uhr im Kurfürstlichen Schloß. Eintritt frei! . www.kultursalonkoblenz.de
1955 Hochstr. 63, Foto: Ortschronik Neuendorf, W.G.
Petra Lötschert stellte überaus interessante Fragen.
