Lahnstein hat Geschichte, Folge 890
Vor 125 Jahren wurde Lorenz Schlösser geboren
aus Lahnstein
Lorenz Schlösser, 1901 in Niederlahnstein geboren, gründete eines der größten Reiseunternehmen der Region und prägte die Lahnsteiner Fastnacht über Jahrzehnte. Seine Familiengeschichte und Verdienste sind untrennbar mit der Stadtgeschichte verbunden.
Lahnstein. Am 31. März 1901 erblickte Lorenz Schlösser das Licht der Welt. Vater Albert Schlösser war ein Jahr zuvor als Eisenbahnbeamter mit seiner Frau Josefa von Düren nach Niederlahnstein versetzt worden. Hier wuchs Lorenz mit zwei Schwestern und zwei Brüdern auf. „Do häsde se, du Knülles!“ Aus diesem Ausdruck für Keilkopf im tiefsten Dürener Platt, als Lorenz unbedingt seine Zuckerbonbons haben wollte, machten die Menschen im Land der Baare, die in ihrem Dialekt solche Laute mit „Ü“ und zwei „L“ nicht aussprechen konnten, den „Knieles“. Knieles wurde zum Synonym für einen Lahnsteiner, der Fastnachtsgeschichte schrieb, aber auch für ein modernes Busunternehmen, welches Lorenz aus kleinsten Anfängen heraus aufbaute.
Nach der Entlassung aus der Volksschule Niederlahnstein erlernte er bei den Didierwerken das Schlosserhandwerk. Anschließend ging er drei Jahre auf Wanderschaft, war unter anderem bei der Zeche Bottrop als Schlosser beschäftigt. 1923 begann Lorenz mit einem Pferdefuhrwerk Gemüse zu verkaufen. „Landesprodukte Lorenz Schlösser Niederlahnstein“ stand auf seinem ersten Lastwagen, mit dem er nach Köln zum Großmarkt fuhr. „Transportiert wurden Obst und Gemüse und am Wochenende Vereine“, erzählt seine Familie.1925 entschloss er sich, ein Autovermietungsgeschäft im Taxi- und Omnibusverkehr zu betreiben, zunächst mit zwei großen Taxis. Seinen ersten Omnibus erwarb er um 1930. Darauf stand „Auto-Verkehr L. Schlösser Niederlahnstein a. Rhein“ und war besonders begehrt für Vereinsausflüge. Als einer der ersten am Mittelrhein entwickelte er sich zum Reiseunternehmer. Bald hatte er zwei 42-Sitzer Omnibusse auf seinem Betrieb konzessioniert.
Durch die Kriegseinwirkungen verlor er jedoch sämtliche Fahrzeuge; der letzte Omnibus wurde ihm von der französischen Besatzungsbehörde beschlagnahmt. Als er aus dem Krieg kam, stand er vor dem Nichts und fing wieder mit zwei Pferden und einer Kutsche an. Unter den schwierigsten Nachkriegswirren konnte er sein Unternehmen wieder in die Höhe bringen. Bereits Mitte der 1950er Jahre betrieb er mit einem 16er und einem 42er Omnibus sowie einem 8er VW-Bus Lahnsteins größtes Reiseunternehmen. Mit Panoramafenstern und dem Gepäck auf dem Dach ging es auch im VW-Bus auf Reisen. Ab den 1960er Jahren stand regelmäßig Kirchdorf in Tirol auf dem Reiseprogramm. Die durch den Verkehrs- und Gewerbeverein Niederlahnstein hergestellte Verbindung hatte Familie Schlösser durch persönlichen Einsatz ständig erweitert und ausgebaut, sodass eine echte Städtefreundschaft zwischen Niederlahnstein und Kirchdorf entstand. Innerhalb von 20 Jahren wurden von den Lahnsteinern über 12.000 Personen mit 150.000 Übernachtungen in die Tiroler Gemeinde gebracht, wofür Gretel Schlösser von der Gemeinde Kirchdorf für besondere Verdienste im Fremdenverkehrswesen 1983 mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet wurde.
Seine Gretel, die aus dem Oberlahnsteiner Haus Böhm stammte, hatte Knieles als Verkäuferin in ihrem Zigarrenladen am Niederlahnsteiner Bahnhof kennen- und lieben gelernt und 1933 geheiratet. Mit ihr hatte er die Söhne Toni und Lorenz jun., genannt Lori, die das Familienunternehmen „Schlösser-Reisen“ weiterführten. Bis zu vier große Reisebusse gehörten zum Betrieb, den sie altersbedingt Ende 2012 an Familie Kröber in Winningen verkauften.
Mit Knieles reisen bedeutete 88 Jahre lang professionelle Organisation gepaart mit viel Spaß und Humor. „Bei Schlössers war das ganze Jahr über Karneval“, hörte man die Niederlahnsteiner sagen. Der ganze Knieles-Clan stand alljährlich bei den NCV-Sitzungen auf der Bühne, Gretel Schlösser bereits 1936 mit 23 Jahren bei Strobels Karla auf der Saalbühne, wo auch Knieles gerne in fremden Rollen die Zuschauer verblüffte. Bei so einem Urgestein war es kein Wunder, wenn die ganze Familie vom Bazillus der Narretei angesteckt wurde. Auch die beiden inzwischen verstorbenen Söhne hatten den trockenen Humor geerbt, Toni sogar den Spitznamen des Vaters. 1948 stand Knieles jun. erstmals auf der Bühne zusammen mit seinem Kumpel Toni Weinbach jun. alias Knieles & Schofje. Später trat auch Lori beim NCV als Büttenredner oder in Zwiegesprächen auf. Viele Jahre waren Lori und sein Bruder zusammen mit Ludwig Nett und Ernst Rech als die legendären Zylindermänner in schwarzem Frack und Zylinder aktiv. Mutter Gretel wurde 1956 Mitgründerin des Möhnenvereins Immerfroh und von 1964 bis 1989 dessen Obermöhn. Der urwüchsige Humor aller Familienmitglieder prägte jahrzehntelang die Lahnsteiner Fastnacht, hauptsächlich den NCV, wo sie beispielweise als Zirkus Knieles oder als Rittersleut auf der Bühne standen.
„Lorenz Schlösser hat sich große Verdienste um die Erhaltung heimatlichen Brauchtums erworben, hier vornehmlich in der Lahnsteiner Fassenacht. Mit seinem heimatverbundenen Humor, seiner Originalität, hat er über einen Zeitraum von Jahrzehnten unzählige Male vielen seiner Mitbürger Freude gemacht“, sagte der damalige Oberbürgermeister Karl-Heinz Groß, als er Lorenz Schlösser sen. 1984 mit der Verdienstplakette der Stadt Lahnstein auszeichnete. „Aber auch mit seinem Busunternehmen, das er aus kleinsten Anfängen heraus zu seiner heutigen Größe als Familienunternehmen aufgebaut hat“, so Groß weiter in seiner Laudatio, „hat er sich hohes Ansehen erworben und den Namen seiner Heimatstadt in viele Länder Europas getragen, insbesondere auch die Städtefreundschaft mit Kirchdorf/Tirol gestärkt.“ Als Knieles sen. am 19. März 1990 mit fast 89 Jahren starb, verlor die Stadt ein echtes Lahnsteiner Original.
Knieles als Braut beim Karnevalsauftritt 1938 mit seinem „Bräutigam“ Toni Weinbach sen. Foto: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein
Schlösser Reisen mit Knieles Foto: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein
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