Raiffeisen als sozialer Vordenker aus dem Westerwald gewürdigt
Wäller waren auf den Spuren des Genossenschaftsgründers
WW. Oft wird er 200 Jahre nach seiner Geburt als „Der Vordenker aus dem Westerwald“ bezeichnet: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. 45 „Wäller“ wandelten jetzt auf Einladung des Forums Soziale Gerechtigkeit einen ganzen Tag bei einer Rundreise auf den Spuren seines Lebens und seiner Ideen. Ihr Fazit: Er gilt zu Recht als großer Sozialreformer und sein Wirken hat viele Folgen bis in die heutige Moderne.
Für die Teilnehmenden wurde im Laufe des Tages an verschiedenen Stationen der Mensch Raiffeisen ebenso wie die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. Jhd. lebendig. „Wir wollen aber auch deutlich machen, dass wir heute in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung genauso wie damals Weichen in unserer Gesellschaft stellen müssen“, sagte Forumssprecher und Reiseleiter Uli Schmidt bei der Begrüßung.
Da lag es nahe, dass erstes Ziel eine Genossenschaft sein sollte, deren Ideengeber bekanntlich Raiffeisen war. Heute ist etwa 1/5 aller Deutschen Mitglied in einer Genossenschaft als gemeinschaftlicher Form des Wirtschaftens. Dies gilt auch für die Mitglieder der „Maxwäll Energie Genossenschaft eG“. Deren Vorstand Gerd Stein begrüßte die Gruppe im Solarpark in Wölferlingen.
Nächstes Ziel war das Raiffeisen-Haus in Flammersfeld. Dort wartete mit Josef Zolk der Vizepräsident der Deutschen Raiffeisen-Gesellschaft und einer der Motoren der Raiffeisenbewegung auf die Gäste. Bei einer Führung durch das Museum führte er die Besucher in eine Zeit demokratischer Umbrüche und Aufstände. „Hier hat Raiffeisen als Bürgermeister erlebt, wie 16 arme Familien ihr mehr als bescheidenes Hab und Gut an profitsüchtige Geldverleiher verloren hatten“, so Zolk. Daraufhin habe Raiffeisen einen „Hülfsverein für unbemittelte Landwirte“ gegründet, dem weitere Hilfsprojekte für die Armen folgen sollten.
Für das wohlverdiente Mittagessen fand sich leider in der Region keine gastronomische Genossenschaft. Aber etwas abseits der Raiffeisenstraße in Hemmelzen wurde trotzdem ein gutes Restaurant gefunden. Danach wartete schon Josef Zolk im Raiffeisen-Begegnungs-Zentrum (RBZ) in Weyerbusch, das von der Westerwald Bank eG, die selbst als Genossenschaft organisiert ist, gebaut wurde und betrieben wird. Kaum zu glauben, aber nach einem guten Mittagessen schaffte es Zolk, die Gäste mit einem über einstündigen Vortrag über das Leben und Wirken Raiffeisens zu fesseln. „Auch hier war Raiffeisen als Bürgermeister tätig und gründete 1846/1847 den Weyerbuscher Brodverein als Hilfsprojekt für die Bedürftigen der Gemeinde“, so Zolk, der abschließend am Raiffeisendenkmal auf dem Freigelände des RBZ feststellte: „Er wollte helfen, wo Not war und hat das mit Ideen und deren erfolgreicher Umsetzung konsequent getan!“.
Entlang der Raiffeisenstraße bis Neuwied, wo der Reformer auch als Bürgermeister in Heddersdorf gewirkt hat, ging die Reise zur letzten Station, der Festung Ehrenbreitstein. Dort wurden die Gäste in Kleingruppen durch die Sonderausstellung „Tradition Raiffeisen – Wirtschaft neu denken“ geführt. Hierbei wurden Antworten auf die Frage gegeben, warum Raiffeisens Genossenschaftsidee noch immer so aktuell und modern ist. An zahlreichen Mitmachstationen wurde verdeutlicht, wie jede und jeder Einzelne das wirtschaftliche Leben mitgestalten und auch verändern kann.
Bei der Heimfahrt in den Westerwald wurde im Bus darüber diskutiert, in welchen gesellschaftlichen Bereichen von Energie und Sozialem bis zu Wohnungsbau und Gesundheit Genossenschaften ihren festen Platz haben und sogar noch an Bedeutung gewinnen. So sieht beispielsweise die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler in Arztgenossenschaften ein zukunftsweisendes Modell, um die Versorgung mit Ärzten auch auf dem Land sicherzustellen.
Durften Friedrich Wilhelm Raiffeisen über die Schulter schauen: Josef Zolk (r.) und Uli Schmidt.
