Allgemeine Berichte | 09.11.2018

Der Bunte Kreis Rheinland setzt sich für Kinder mit schweren Schicksalen ein

Was wurde aus dem Mallorca-Baby?

Heute ist die kleine Chayenne ein aufgewecktes Mädchen. privat

Der Mensch plant, während das Schicksal seinen eigenen Weg geht. Erika Strehl aus Mayen hat am eigenen Leib erfahren, wie sehr anders es kommen kann, als gedacht. Dabei war ihr Plan gut! Die 25-Jährige ist in der 26. Woche schwanger, als sie mit ihrem Mann Vadim nach Mallorca fliegt. Der Frauenarzt hat nichts gegen die kleine Auszeit einzuwenden, sicherheitshalber hat sie aber ein Rundum-Sorglos-Paket einer Reisekrankenversicherung im Gepäck. Und so freuen sich die beiden auf Sonne, Meer und Palmen.

Lange hat das Paar auf diesen ersten Urlaub ihrer fünfjährigen Ehe gespart. Der zweijährige Sohn Leon bleibt für die paar Urlaubstage bei seiner Oma. Nach der Reise wollen die Strehls in eine größere Wohnung umziehen, um mehr Platz für ihn und das Baby zu haben. Die alte Bleibe ist bereits gekündigt. Und so freuen sich die beiden darauf, ein bisschen Kraft zu tanken für die kommenden Wochen. Noch dreieinhalb Monate, dann werden sie zu viert sein… Mit diesem Gedanken fliegen Erika und Vadim entspannt nach Palma. Der Deutschen beliebteste Sonneninsel wartet auf sie!

Sechs Jahre ist es nun her, dass die Strehls in ihren Traumurlaub starteten. Sechs Jahre, in denen aus ihrem Traum ein Alptraum wurde. Drei sorglose Strandtage liegen hinter dem Paar, als bei Erika aus heiterem Himmel die Wehen einsetzen. Voller Sorge bestellen sie einen Krankenwagen und Erika wird sofort in eine Privatklinik nach Palma gebracht. Was dort passiert, lässt die junge Mutter bis heute nicht los.

„Statt mich zu behandeln, wurde ich mit stundenlang einfach liegen gelassen“, erzählt sie immer noch fassungslos. „Keiner hat nach mir gesehen. Niemand sprach Deutsch oder Englisch, ein Dolmetscher war um diese Zeit nur telefonisch zu erreichen.“ Bis heute weiß sie nicht, ob man die Entbindung nicht doch noch hätte stoppen können. „Ich hatte keinen Infekt, ich hatte keinen Blasensprung und nur leichte Blutungen.“

Viele Stunden liegt sie schon in den Wehen, als endlich ein deutschsprachiger Gynäkologe an ihrem Bett auftaucht. Aber es ist zu spät. Am Mittag des 22. September 2012 erblickt Chayenne das Licht der Welt. In einer Klinik, in der es noch nicht mal eine Frühgeborenen-Station gibt. Mit Blaulicht wird das kleine Handvoll Leben ins staatliche Krankenhaus Son Espaces verlegt. Sie wiegt gerade einmal 860 Gramm und ist noch nicht bereit für diese Welt.

Für die Eltern beginnt eine Zeit des Hoffens und Bangens. Die Diagnosen klingen nicht gut. Chayenne hat Hirnblutungen und einen Darmdurchbruch. Erika wird in diesen Wochen alles abverlangt. Weil ihr Mann Vadim, ein Epileptiker, mit der Situation völlig überfordert ist, entlässt sich die Mutter zwei Stunden nach der Entbindung selbst aus dem Krankenhaus und nimmt das Heft in die Hand. Es folgen Wochen, in denen Erika zwischen Deutschland und Mallorca pendelt. Hin- und hergerissen zwischen ihrem Sohn Leon und in ständiger Sorge um Töchterchen Chayenne. Vadim muss arbeiten und kann Leon nicht betreuen und Erikas Mutter ist selbst hochschwanger und mit dem quirligen Zweijährigen auf Dauer überlastet. Zu allem Überfluss muss die Familie aus ihrer Wohnung raus und den Umzug stemmen.

Auf Mallorca fühlt sich Erika allein gelassen. Chayenne ist noch lange nicht über den Berg. Die Sprachbarrieren erschweren die Kommunikation im Krankenhaus und sie hat nicht genug Geld, um sich eine Unterkunft zu leisten. Es reicht gerade noch, um sich etwas zu essen zu kaufen. „Ich erinnere mich, dass ich zwei Tage und Nächte auf einem Krankenhausstuhl gesessen habe, weil ich nicht wusste, wo ich sonst hinsoll“, sagt Erika. Wie gerne würde sie Chayenne nach Deutschland bringen, aber der Reiseversicherer will den teuren Transport im Spezialflugzeug nicht bezahlen.

In dieser Notsituation berichtet das Mallorca Magazin über die Familie und Erika hat Glück im Unglück. Inka Orth, die Vorsitzende des Bunten Kreis Rheinland, die zu dieser Zeit Urlaub auf Mallorca macht, liest den Artikel. Es ist der 4. Oktober 2012. Chayenne ist knapp zwei Wochen alt und Erika am Ende ihrer Kräfte. Inka Orth nimmt Kontakt zu der Zeitung auf und trifft die verzweifelte Mutter und ihr Baby in der Klinik. Ein bewegender Moment für beide. Ab da setzt Orth alle Hebel in Bewegung, um der Familie zu helfen.

Spendenkonto für Chayenne

Der Bunte Kreis richtet ein Spendenkonto für Chayenne ein und schickt Nachsorgeschwester Klaudia nach Palma. Dort vertritt sie Erika, als diese für den Umzug wieder nach Deutschland muss. Aus Spendengeldern des Bunten Kreis wird ein Umzugswagen finanziert, damit der Wohnungswechsel schnell über die Bühne gehen kann. Währenddessen führt Klaudia, die Spanisch kann, Gespräche mit Ärzten und Schwestern. Drei Stunden täglich übernimmt sie für Erika das so genannte Känguruing. Dabei wird Chayenne nur mit einer Windel bekleidet auf ihren nackten Oberkörper gelegt, um möglichst viel Hautkontakt zu erfahren.

Inka Orth verhandelt derweil in Deutschland mit dem Krankenversicherer und bringt die Geschichte schließlich an die Öffentlichkeit. Während Chayenne im Brutkasten um ihr Leben kämpft, wird sie hierzulande als Mallorca-Baby bekannt. Als die Bildzeitung über ihr Schicksal berichtet, lässt sich schließlich auch die Versicherung erweichen und gibt aus Kulanz 20.000 Euro für den Spezialtransport frei. Die Münchner Firma Aicher stellt einen Ambulanzjet mit medizinischer Crew zur Verfügung. Am 27. Oktober ist es so weit: Chayenne kann endlich ausfliegen und kommt in die Uniklinik Bonn. Es ist eine riesige Erleichterung für die Familie, ihr Baby endlich in der Nähe zu haben. Und doch soll es noch zweieinhalb Monate dauern, bis die Kleine endlich nach Hause kann. Herzrhythmusstörungen und eine zweite Operation am Darm machen eine Entlassung zu Weihnachten unmöglich. Den 15. Januar 2013 wird Erika nie vergessen. Ihr Mädchen darf endlich heim! Fast vier Monate ist sie nun auf der Welt und wiegt 3.000 Gramm. Wäre Chayenne pünktlich zur Welt gekommen, wäre sie gerade mal zwei Wochen alt.

Nachsorgeschwester Klaudia kümmert sich in den nächsten Monaten weiter um die Familie und steht ihnen zur Seite, als Chayenne wiederholt an Bronchitis und Lungenentzündung erkrankt. „Sie war anfällig, weil sie ja lange beatmet worden war“, erklärt Erika. Zu allem Überfluss hat die Familie auch noch Schimmel in der neuen Wohnung, was die Atemwege der Kleinen noch zusätzlich belastet. „Im ersten Lebensjahr war Chayenne noch einige Male im Krankenhaus“, erinnert sich Erika. Aber irgendwann kehrt Ruhe ein.

Ein kerngesundes Kind

Heute ist die Sechsjährige kerngesund. Körperlich erinnern nur noch die Narben der Operationen und viele weiße Pünktchen von Injektionsnadeln an ihren schweren Start. „Wir sind so glücklich, dass sie sich so gut entwickelt hat“, sagt Erika froh. Bei einer Hirnblutung zweiten Grades bestehe eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass sich ein Mensch wieder ganz erholt. „Der Bunte Kreis hat uns so viel geholfen! Wir sind allen Menschen, die uns damals beigestanden haben unendlich dankbar.“

Derzeit besucht Chayenne den Kindergarten. Sie malt gerne, spielt Rollenspiele, liebt Playmobil und kann auch mal so richtig zickig sein. Einmal in der Woche bringt Erika sie zur Frühförderung. Denn Therapien und Fördermaßnahmen gehören auch in späteren Jahren zum Familienalltag bei Frühgeborenen. Sie leiden häufiger als andere Kinder unter Ängsten und fehlendem Selbstbewusstsein und sind etwas langsamer. „Einerseits ist Chayenne eine starke Persönlichkeit und kognitiv gut entwickelt. Andererseits wäre sie dem Druck in der Schule noch nicht gewachsen.“ Deshalb hat Erika beantragt, sie ein Jahr später einzuschulen.

Ob sie noch häufig an die Zeit in Mallorca denkt? „Eigentlich habe ich das gut verarbeitet“, sagt sie und erinnert sich an ein Gespräch, dass sie an der Bonner Uniklinik mit einem Seelsorger geführt hat. „Er sagte mir damals: ‚Der Körper heilt schneller als die Seele und es wird Zeiten geben, an denen du dich nicht so gut fühlst. Das ist ganz normal!‘“ Mit diesem Rat im Hinterkopf habe sie die schlechten Tage einfach vorbeigehen lassen. „Ich wusste ja, woher es kommt.“ Die Ehe mit Vadim allerdings hat nicht überdauert. „Vor vier Jahren bin ich mit den Kindern ausgezogen“, sagt Erika, die sich von ihrem Mann nicht unterstützt gefühlt hat. „So wie nach Chayennes Geburt war es immer wieder. Oft hatte ich das Gefühl, ein drittes Kind großzuziehen.“ Irgendwann ging es dann nicht mehr. Heute lebt Erika mit ihren Kindern und einem neuen Partner in einer Wohnung ohne Schimmel. Sohn Leon geht in die zweite Klasse und sie arbeitet wieder Teilzeit in ihrem Beruf als Metzgereifachverkäuferin. Währenddessen passen die Großeltern auf die Kinder auf. Ihr eigener Sohn - Chayennes Onkel - kam übrigens eineinhalb Monate nach Chayenne zur Welt. Womit er ein wenig jünger ist als seine Nichte.

Die Geschehnisse auf Mallorca kennt Chayenne aus Erzählungen. „Allerdings kann sie das alles noch nicht so wirklich einordnen und verstehen.“ Manchmal erkennt jemand das Mallorca-Baby und spricht Erika darauf an. Ob sie nochmal auf die Insel will? „Wir waren ein Jahr nach der Geburt noch einmal dort und haben auch die Klinik besucht. Seither aber nicht mehr.“ Ein Gutes hat Chayennes Start auf der Ferieninsel am Ende allerdings doch: „Sollte sie jemals auf Mallorca leben und arbeiten wollen, kann sie die spanische Staatsbürgerschaft beantragen. Schließlich steht ‚Palma‘ in ihrer Geburtsurkunde.“

Von Janina Mogendorf

Heute ist die kleine Chayenne ein aufgewecktes Mädchen. Foto: privat

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Lena: Diversität ist wichtig: Der Wolf reguliert Überpopulationen ( z.B. Schwarzwild, Rehwild). Für schlecht geschützte Herdentiere sind die Besitzer verantwortlich.
  • Peter 1: Trotzdem ist der Wolf hier vollkommen überflüssig.
  • Walter Miller : Ein verpixeltes Bild von der durch den Wolf getöteten Ziege. Was will man damit ausdrücken ? Das ein Wolf besonders grausam ist ? Er ist ein Geschöpf der Natur - nicht mehr und nicht weniger. Im Gegensatz zu den 467.000 Jägern in Deutschland.
  • Michael Geiger, 56337 Eitelborn: Michael Geiger, Leider kann ich die Losnummern aus der Ziehung vom 28.03.26 im Globus Bubenheim nicht finden.. Warum nicht
  • Dietmar Gläsener: Leider kann ich meine Gewinnlos Nummern , Ziehung vom 28.03.26 im Clobus in KO-Bubenheim nicht abrufen im Internet. Woran liegt es? D. Gläsener, 56237 Nauort
  • S. Bastian: Herr Winkelmann, Sie werden doch ihren eigenen Artikel kennen. Zitat: "Verbandsbürgermeister Jan Ermtraud machte in einer Rede deutlich, dass die Maßnahmenliste einerseits das Ergebnis eines vertrauensvollen...
  • Andreas Winkelmann: Hallo Frau Roth, von "vertrauensvoll" steht nichts im Bericht. Und die veränderte Maßnahmenreihenfolge ist ausdrücklich erwähnt. Gleich zu Anfang ist auf die dem Ratsinformationssystem zu entnehmenden Details verwiesen, wo u..a.
  • Dagmar Both: Guten Morgen Herr Winkelmann, herzlichen Dank für ihre Berichterstattung. Wenn sie von einer vertrauensvollen Abstimmung im Abstimmungsprozess zum Sondervermögen berichten, - dann gilt dies leider nicht für die Freien Wähler.
Essen auf Rädern
Koblenz blüht 2026
Doppelseite PR/Anzeigen
Rund ums Hause Mayen/Mendig
Anlagenmechaniker
Vortrag: Arthrose des Hüft- und Kniegelenk
Ostergrußanzeige
Anzeige Lange Samstage
Empfohlene Artikel
Schülerinnen und Schüler der Bienenklasse 3c der KGS Meckenheim sind am Standort Meckenheim der Bücherbrücke in die Bücher vertieft. Foto: Stadt Meckenheim
31

Meckenheim. Die Bücherbrücke Meckenheim/Alfter verzeichnet eine rege Nutzung durch Kindertagesstätten und Schulen im Rahmen der Leseförderung. Unter den teilnehmenden Einrichtungen befinden sich unter anderem Blütentraum, Hüppekästchen, Rasselbande und zahlreiche weitere Kindertagesstätten. An beiden Standorten der Bücherei steht der Mittwochvormittag im Zeichen der Vorschulprogramme, bei denen die Kinder bib(liotheks)fit gemacht werden.

Weiterlesen

Mit 17 Anträgen zur Neuaufnahme in diesem Jahr wurde fast der Spitzenrekord von 2020 geknackt.
50

Leutesdorf. Pascal Berger, Vereinsvorsitzender begrüßte alle Anwesenden zur Jahreshauptversammlung am 28. März und es wurde nach Feststellung einer ordnungsgemäßen Einladung und Bekanntgabe der Tagesordnungspunkte eine Gedenkminute den Verstorbenen gewidmet.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Die Verkehrssituation an der Aloisius-Grundschule stresst die Anwohnerschaft. Foto: ROB
2296

Immer wieder kommt es zu kritischen „Manövern“: Auch die Stadtverwaltung sieht zunehmende Belastung:

HeimatCheck: Ahrweiler: Eltern-Taxis stressen alle

Ahrweiler. Seit mehreren Jahren steht die Aloisius-Grundschule vor einer wachsenden Herausforderung: dem zunehmenden Verkehrsaufkommen durch sogenannte „Elterntaxis“. Leser von BLICK aktuell berichten, dass sich die Situation trotz wiederholter Hinweise und Appelle bislang nicht verbessert habe. Insbesondere zu den morgendlichen Bringzeiten sowie am Mittag beim Abholen der Kinder kommt es regelmäßig zu kritischen Verkehrssituationen rund um das Schulgelände.

Weiterlesen

Symbolbild. Foto: Adobe Stock
134

Bonn. Am kommenden Samstag (04.04.2026) findet in Beuel und in der Bonner Innenstadt der „Bonner Ostermarsch 2026“ statt. Zu dieser Friedensdemonstration erwarten die Veranstalter rund 500 Teilnehmende. Die Versammlung beginnt um 13:00 Uhr auf dem Mirecourtplatz am Beueler Rheinufer. Von dort aus ist folgender Aufzugsweg vorgesehen:

Weiterlesen

Monatliche Anzeige
Rund um´s Haus
Anzeige Haushaltsauflösungen und Ankauf
Daueranzeige
Rund ums Haus
Kreishandwerkerschaft
Dauerauftrag 2025
Mülltonnen -Reinigung, bis auf Widerruf
Imageanzeige Dauerauftrag 04/2026
Auftrag, Nr. AF2025.000354.0, April 2026
Maschinenbediener, Staplerfahrer
Osterangebot
Rund ums Haus
Stellenanzeige
Angebotsanzeige (April)
Dauerauftrag 2026
Titelanzeige
Stellenanzeige Personalreferent/in
Stellenanzeige Kita