„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“
Weitere 17 Stolpersteine vom Künstler in Linz verlegt
Gedenken an jüdisches Leben in Linz erhält wieder mehr Sichtbarkeit
Linz. Im Februar 2022 wurden in Linz am Rhein die ersten zwölf Stolpersteine für jüdische Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Genau ein Jahr später wurden nun weitere 17 Steine zum Gedenken an die jüdischen Mitbewohner der Stadt gesetzt. Der Künstler Gunter Demnig ließ es sich nicht nehmen, wieder persönlich zur Verlegung der Steine nach Linz zu kommen, wo er herzlich und mit Applaus von dem Ersten Beigeordneten der Stadt, Helmut Muthers, der alles organisierenden Citymanagerin Karin Wessel, von anwesenden Schülern der Alice-Salomon-Schule Linz nebst Lehrerin Birgit Bühne und Schulleiterin Doris Schulte-Schwering sowie Schülern des Martinus-Gymnasiums mit den Lehrkräften Stephanie Meurer und Tanja Malottke, von Vertretern der Kirche und weiteren Abgeordneten sowie Interessierten der Stadt begrüßt wurde.
„Fritz Meyer besuchte das Linzer Gymnasium und war aktives Mitglied des Linzer Turnvereins“, erzählte Muthers bei der Verlegung der Stolpersteine. Und die anwesenden Schüler des Linzer Gymnasiums horchten auf. Ein Junge wie du und ich? Mit einem Unterschied: Er wurde deportiert und ermordet.
In den 1930er Jahren zählte die jüdische Gemeinde in Linz noch rund 70 Mitglieder, die nach Kriegsbeginn deportiert oder ermordet wurden. Wenige konnten ins Ausland fliehen. Demnig erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing einlässt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert der Künstler gerne den Talmud. Jeder Stein stehe für einen Namen, einen Menschen, ein Schicksal. Wer sich herunterbeugt, um die Namen zu lesen, verbeuge sich gleichsam vor den Opfern.
Und so verbeugten sich etwa 40 Gäste vor Fritz Meyer und seiner Frau Rosel Meyer, die Vor dem Leetor 20 in Linz die kleinen Gedenktafeln aus Messing erhielten. „Fritz Meyer wurde 1894 als Sohn des Kaufmanns und Zigarrenfabrikanten Max Meyer geboren. Nach dem Besuch des Linzer Gymnasiums absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung und trat 1913 nach dem frühen Tod des Vaters mit nur 19 Jahren in das Familienunternehmen Carl Meyer Jr. ein. Fritz Meyer war seit 1914 aktives Mitglied des Linzer Turnvereins und diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. 1938 zog er mit seiner Ehefrau Rosel nach Köln. Von dort wurden die beiden 1942 zunächst nach Theresienstadt und 1944 schließlich nach Auschwitz deportiert, wo Fritz Meyer ermordet wurde. Rosel Meyer kam in das Konzentrationslager Mauthausen, wo sie von den Alliierten befreit wurde. 1945 kehrte sie nach Linz zurück und emigrierte nach ihrer Hochzeit mit Erwin Levy aus Waldbreitbach in die USA. Rosel Meyer starb 1984 in San Francisco“, verlas Muthers nach Recherchen der Stadtarchivarin Andrea Rönz die bewegende Geschichte zu den Stolpersteinen.
„Es ist eine Verpflichtung, sich an diese Menschen zu erinnern, es kann sich alles so schnell wiederholen.“, mahnte der 18-jährige Abdul Albatran, der das Linzer Gymnasium besucht. „Antisemitismus wird leider immer präsenter in Deutschland“, fügte er traurig hinzu. Philipp Schmitz (15) und Till Handrack (16) unterstützten seine Worte. „Ich finde es so wichtig, daran zu denken“, sagte Till. Von der Verlegung der Stolpersteine haben die Gymnasiasten durch ihre Geschichtslehrerin Stephanie Meurer erfahren. Frau Meurer konnte etliche Schüler gewinnen, die nach der Schule noch freiwillig mit zu der Veranstaltung kamen und reges Interesse zeigten. „Wir hatten jetzt in der 10 die NS-Zeit durchgenommen und kürzlich erst ‚Schindlers Liste‘ gesehen, berichtete Philipp.
Die Landtagsabgeordnete Ellen Demuth, die sich schon seit langer Zeit für die Anschaffung von Stolpersteinen in Linz einsetzt, zeigte sich sehr erfreut, dass es nun so schnell weitergehe mit dieser „wichtigen Erinnerungskultur“. „Das jüdische Leben bekommt endlich wieder Sichtbarkeit in unserer Stadt“, so Demuth. Sie spannte einen Bogen von der Landeshauptstadt Mainz, deren alter jüdischer Friedhof als erstes jüdisches UNESCO-Welterbe Deutschlands (mit den zwei weiteren SchUM-Stätten Worms und Speyer) auf die UNESCO-Welterbe-Liste kam, zum jüdischen Friedhof in Linz, der den Schülern als wichtiges jüdisches Kulturgut nicht unbekannt bleiben solle.
In der Mittelstraße wurden neun Steine nebeneinander zum Gedenken der Kaufmannsfamilie Braun und deren Angehörigen Frieda und Arthur Haim verlegt. Familienvater Gustav Braun war nach Diensten im I. Weltkrieg sogar mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Die Familie wurde teilweise nach Deportation im Konzentrationslager ermordet, teilweise gelang die Flucht. Vier Kinder des bekannten Textilkaufmanns Hermann Hirsch lebten mit ihren Ehepartnern Vor dem Leetor 22. Alle sind in den 40er Jahren umgekommen.
Pastor Lothar Anhalt sprach als Vertreter der Kirchen vom jüdischen Glauben als „älteren Bruder des Christentums“. „Es wäre das Allerschlimmste, wenn wir unsere Brüder vergessen würden“, sagte Anhalt und ließ das Friedenslied Hevenu Shalom Alechem von der im jüdischen Liedergut versierten Stadträtin Ruth Zimmermann anstimmen, das alle Anwesenden an allen drei Verlegungsstätten bewegt mitsangen.
„Im Mai werden wir den 100.000sten Stolperstein verlegen“, erzählte Gunter Demnig abschließend. Jeder Stein werde per Hand gefertigt und per Hand verlegt. Über 20 Städte Europas haben inzwischen Stolpersteine.
Nun ist dem von den Schergen des Nazi-Regimes verfolgten Fritz Meyer und seiner Frau Rosel ein Denkmal gesetzt worden.
