Allgemeine Berichte | 03.09.2026, 22:02 Uhr

Denkmäler erhalten

Wenn das letzte Denkmal fällt: Ein Beitrag zum Tag des offenen Denkmals 2026

Ein Neubau aus den 1970er Jahren neben einer historischen Villa im Stadtteil Bad Godesberg.
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Unteres Mittelrheintal. Aktuell steht es um die Denkmäler und historischen Gebäude in der Region des Unteren Mittelrheintals nicht besonders gut. Zahlreiche Gebäude wurden oder werden derzeit zum Abriss freigegeben oder stehen für einen solchen zur Diskussion. In Rheinbreitbach die Burg Steineck, in Unkel das Mieshaus, in Andernach das Rheinhotel und in Rolandseck das ehemalige Hotel „Zum Anker“ – um nur einige Beispiele zu nennen. Sie zeigen, dass die Vernichtung unseres kulturellen und historischen Erbes wieder an Fahrt aufnimmt.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Einerseits hält sich seit Jahrzehnten der von Teilen der Bau- und Immobilienwirtschaft verbreitete Mythos, alte Gebäude seien grundsätzlich nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand sanierbar. Andererseits ist die wirtschaftliche Situation vieler jüngerer Menschen schwieriger geworden. Fehlendes Eigenkapital und hohe Finanzierungskosten erschweren den Erwerb eines Eigenheims. Hinzu kommt der weit verbreitete Irrglaube, modernes und zeitgemäßes Wohnen sei in alten Gebäuden grundsätzlich nicht möglich.

So ist ein verhängnisvoller Kreislauf entstanden: Renovierungsbedürftige historische Häuser werden zunehmend nicht mehr als erhaltenswerte Zeugnisse unserer Vergangenheit, sondern als Problem oder gar als Schandfleck wahrgenommen.

„Endlich kommt der Schandfleck weg!“, schrieb ein Nutzer unter die Meldung über den bevorstehenden Abriss des Mieshauses in Unkel.

Dieser Satz ist mehr als nur eine beiläufige Äußerung. Er zeigt, wie sehr sich der Blick auf historische Bausubstanz verändert hat. Wer ein altes Haus nur oberflächlich betrachtet, sieht vielleicht eine marode Fassade, undichte Fenster oder einen hohen Sanierungsbedarf. Wer genauer hinschaut, erkennt dagegen, dass jedes dieser Häuser seine eigene Geschichte erzählt. Es ist ein materielles Zeugnis dessen, was vor uns war – und stellt diese Geschichte der Nachwelt zur Verfügung, sofern die nachfolgenden Generationen noch bereit sind, hinzuschauen und hinzuhören.

Doch genau dieses Hinschauen und Hinhören nimmt ab.

Wirtschaftlichkeit, Rendite und maximaler Gewinn sind vielerorts zu einem Dogma geworden, das die Wertschätzung der Kulturgeschichte verdrängt. Ein historisches Gebäude wird nicht mehr zuerst danach beurteilt, welchen kulturellen und identitätsstiftenden Wert es besitzt, sondern danach, welche Kosten es verursacht oder welchen finanziellen Ertrag es erzielen kann.

Auch die schwindende Bedeutung historischer Bildung trägt ihren Teil zu dieser Entwicklung bei. Wenn Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde im schulischen Alltag weniger Raum erhalten oder zusammengelegt werden, bleibt immer weniger Gelegenheit, Kindern und Jugendlichen die historischen Zusammenhänge ihrer eigenen Umgebung nahezubringen. Wer die Geschichte des eigenen Ortes nicht kennt, entwickelt zwangsläufig weniger Verständnis für die Gebäude, Straßen und Plätze, die diese Geschichte sichtbar machen.

So wird die gebaute Geschichte unseres Landes und unserer Region zunehmend zum Kostenfaktor, den es zu beseitigen gilt – oder zur Ware, die möglichst gewinnbringend vermarktet werden soll.

Wer sich die Verkaufsanzeigen sanierungsbedürftiger historischer Häuser genauer ansieht, erkennt diesen Widerspruch schnell. Die Geschichte eines Hauses wird gerne hervorgehoben, wenn sie dazu beiträgt, einen hohen Verkaufspreis zu rechtfertigen. Fachwerk, Baujahr, historische Bedeutung und besondere Architektur werden zum Verkaufsargument. Doch sobald es um den tatsächlichen Erhalt geht, verliert diese Geschichte häufig an Bedeutung.

Dabei ist der wirtschaftliche Wert eines historischen Gebäudes nicht unabhängig von seiner gesellschaftlichen Wertschätzung.

Wenn immer weniger Menschen bereit oder in der Lage sind, ein altes Gebäude zu erhalten, sinkt zwangsläufig auch die Zahl potenzieller Käufer. Ein Interessent, der bereit ist, ein historisches Haus zu sanieren, kann nicht gleichzeitig einen hohen Kaufpreis bezahlen und anschließend nochmals erhebliche Summen in die Sanierung investieren.

Wer ein altes Haus besitzt, es selbst aber nicht sanieren möchte oder kann, sollte deshalb nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass sich dessen historischer Charakter in einem hohen Verkaufspreis widerspiegeln muss. Der Wert eines solchen Gebäudes besteht nicht allein in seinem Grundstück und seiner möglichen Neubebauung. Sein eigentlicher Wert liegt auch in der Substanz, die über Generationen hinweg erhalten geblieben ist.

Doch genau hier liegt eines der größten Probleme: Die Erwartung einer möglichst hohen Rendite verhindert allzu häufig den Fortbestand historischer Gebäude.

Bleiben notwendige Investitionen über Jahre aus, verschlechtert sich der Zustand des Hauses. Gleichzeitig bleibt der erwartete Verkaufspreis hoch. Interessenten springen ab, weil Kaufpreis und Sanierungsaufwand wirtschaftlich nicht mehr zusammenpassen. Das Gebäude verfällt weiter. Irgendwann wird aus einem sanierungsbedürftigen Haus ein vermeintlich nicht mehr sanierungsfähiges Haus.

Und dann kommt der Abrissbagger.

Damit entsteht eine Entwicklung, die sich selbst verstärkt. Was zunächst ein wirtschaftliches Problem ist, wird am Ende zu einem kulturellen Verlust.

Besonders problematisch ist, wenn öffentliche oder kommunale Entscheidungsträger diese Entwicklung nicht aufhalten, sondern durch ihre Entscheidungen indirekt bestätigen. Wenn selbst Gemeinden beim Umgang mit historischer Bausubstanz wirtschaftliche Interessen höher gewichten als den langfristigen Erhalt eines identitätsstiftenden Gebäudes, setzt dies ein fatales Signal.

Denn Denkmalschutz oder der Erhalt historischer Gebäude ist keine Frage des persönlichen Geschmacks. Er betrifft den gemeinsamen Raum, in dem wir leben.

Ein historisches Gebäude gehört zwar rechtlich einem Eigentümer. Seine Wirkung gehört jedoch immer auch der Gemeinschaft. Eine historische Fassade prägt eine Straße, ein altes Fachwerkhaus prägt ein Dorf, ein Bahnhof prägt einen Ort. Mit jedem verschwundenen Gebäude verändert sich deshalb nicht nur ein Grundstück, sondern das Gesicht unserer gesamten Umgebung.

Wenn sich an dieser Situation in absehbarer Zeit nichts ändert, wird es über kurz oder lang zu einem erheblichen Identitätsverlust kommen – nicht nur in unseren Altstädten, sondern in ganzen Regionen.

Das, was im Zweiten Weltkrieg im Bombenhagel nicht ausradiert wurde, droht heute durch Kulturvergessenheit, wirtschaftliches Denken und den fehlenden Willen zum Erhalt verloren zu gehen.

Dabei geht es nicht darum, jede alte Scheune, jedes Gebäude aus dem 19. Jahrhundert oder jeden historischen Anbau um jeden Preis zu konservieren. Eine lebendige Stadt und ein lebendiges Dorf müssen sich verändern dürfen. Denkmalschutz darf kein Museumsgedanke sein.

Aber Veränderung bedeutet nicht Zerstörung.

Sie erfordert Kreativität, Investitionsbereitschaft und vor allem die Überzeugung, dass die Vergangenheit nicht wertlos ist.

Andernfalls wird ein grauer Kasten nach dem anderen aus dem Boden wachsen. Gebäude werden austauschbar, Fassaden beliebig, Ortsbilder gesichtslos.

Eine solche Umgebung verliert ihre menschlichen Maßstäbe. Sie verliert ihre Eigenart. Und irgendwann vielleicht auch ihre Identität.

Der Tag des offenen Denkmals erinnert uns daran, dass Denkmäler mehr sind als alte Mauern. Sie sind Erinnerungen in Stein, Holz und Metall. Sie verbinden Generationen und machen Geschichte sichtbar. Doch diese Geschichten können nur erzählt werden, solange ihre Zeugnisse noch existieren.

Erst wenn das letzte Denkmal gefallen, das letzte historische Haus verschwunden und die letzte gewachsene Altstadt durch austauschbare Neubauten ersetzt worden ist, werden wir vielleicht erkennen, was wir wirklich verloren haben. Denn Geschichte lässt sich nicht einfach so reproduzieren.

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Ein Neubau aus den 1970er Jahren neben einer historischen Villa im Stadtteil Bad Godesberg. Foto: Thomas Napp

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