Allgemeine Berichte | 28.06.2017, 12:43 Uhr

Tag der offenen Tür beim Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik in Werthhoven

Wenn sich die Radarantenne mit voller Geschwindigkeit dreht, fliegen Hüte weg

Tausende von Besuchern nutzten die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen des weltgrößten Radoms zu werfen – Gleich mehrere Weltrekorde zu bestaunen

Wenn sich die Radarantenne mit voller Geschwindigkeit dreht, fliegen Hüte weg
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Werthhoven. „Wenn wir die Radarantenne mit voller Geschwindigkeit drehen würden, dann flögen Ihnen die Hüte und Jacken weg“, warnt Dr. Ludger Leushacke, Abteilungsleiter Radar zur Weltraumbeobachtung, die 300 Besucher. Spannungsgeladen ist die Atmosphäre im 47,5 Metern Durchmesser größten Radom der Welt auf dem Gelände des Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR) in Werthhoven. Denn gleich soll die riesige Radarantenne mit ihren 34 Metern Durchmesser und 240 Tonnen Gewicht hoch über den Köpfen der staunenden Besucher ihre Beweglichkeit unter Beweis stellen.

Wer nun gedacht hatte, das gehe nur langsam und zentimeterweise voran, kann seinen Augen kaum trauen, denn selbst bei halber Kraft dreht sich das Teil in rasenden Tempo, und es entsteht ein ordentlicher Luftzug im Radom. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 24 Grad pro Sekunde, für eine komplette Umdrehung braucht die Antenne also gerade einmal 15 Sekunden. Keine Antenne auf der ganzen Welt ist schneller.

Höchste Qualität der Abbildung von Weltraumobjekten

Und noch einen dritten Weltrekord kann diese

Forschungseinrichtung für sich verbuchen, denn die Qualität der Radarabbildungen von Weltraumobjekten ist mit einer Auflösung von 6,3 Zentimetern die weltweit Höchste. In Zusammenarbeit mit dem nur wenige Kilometer entfernten Radioteleskop in Effelsberg kann die Auflösung sogar noch deutlich auf neun Millimeter in einer Entfernung von 1.000 Kilometern verbessert werden, das erfuhren mehrere tausend Besucher beim Tag der offenen Tür des FHR. Nach 13 Jahren gewährten die Wissenschaftler wieder einmal einen Blick hinter die Kulissen der weithin sichtbaren Forschungseinrichtung, die mittlerweile zu einer Art Wahrzeichen der Gemeinde Wachtberg geworden ist, wie auch Bürgermeisterin Renate Offergeld bestätigte, die sich die Gelegenheit ebenfalls nicht entgehen ließ.

Prof. Dr.-Ing. Dirk Heberling, der zusammen mit Dr.-Ing. Peter Knott das FHR leitet, war jedenfalls vollauf zufrieden mit dem Zuspruch aus der Bevölkerung. „Fast alle wollen einmal in die Kugel hineinschauen, die sie ja sonst nur von außen sehen, und möchten erfahren, was die Forscher hier so treiben“, schmunzelt er. „Sie werden feststellen: wir machen hier Forschung und Entwicklung, die jeder gebrauchen kann.“

Weltraumbeobachtungsradar als Vorzeigeobjekt gezeigt

Vorzeigeobjekt ist natürlich das Weltraumbeobachtungsradar TIRA. Für Raumfahrtorganisationen auf der ganzen Welt außerhalb der USA bietet das Radom als einziges System die Möglichkeit, vom Boden aus mit großer Präzision Flugbahnen zu vermessen oder in hoher Auflösung Objekte wie Satelliten abzubilden. Das System wird daher unter anderem dafür eingesetzt, Weltraumschrott genau zu vermessen, damit aktive Satelliten ihm ausweichen können, oder etwa um ein Objekt abzubilden, welches außer Kontrolle geraten ist. Zuletzt unterstützten die Fraunhofer-Forscher die Wissenschaftsgemeinschaft mit Messdaten und Bildern bei den Abstürzen des deutschen Röntgensatelliten ROSAT und der russischen Marssonde Phobos-Grunt.

Dabei sind die Geschäfts

felder des FHR, eines der größten Radarforschungsinstitute in Europa, weitaus umfangreicher. Sehen, auch wenn es dunkel oder rauchig ist. Erkennen, was sich hinter Wänden oder in Verpackungen versteckt. Einsturzgefährdete Gebäude überwachen, damit Rettungskräfte sich nicht in Lebensgefahr begeben müssen. Oder den Autofahrer warnen, wenn andere Autos, Bäume oder Fußgänger in der Nähe sind. All das ist mit Radartechnik möglich, die von den Wissenschaftlern rund um die große weiße Kugel in Wachtberg erforscht wird.

Zahlreiche interessante Geschäftsfelder im Institut

Im Geschäftsfeld „Verteidigung“ befasst sich das Institut seit seiner Gründung vor fast 60 Jahren mit allen Aspekten der Hochfrequenzphysik und Radartechnik. Schließlich ermöglicht das Radar Aufklärung, Überwachung und Schutz, in dem es selbst kleinste Objekte in riesiger Entfernung aufspüren kann. Auf dem Gebiet der Weltraumbeobachtung mit Radar ist das Fraunhofer FHR eines der führenden Forschungsinstitute. Raumfahrtorganisationen weltweit verlassen sich auf seine Kompetenzen. Radar kommt inzwischen auch in Autos, Schiffen sowie Flugzeugen zum Einsatz, hier entwickelt das FHR mit seinem Geschäftsfeld „Verkehr“ intelligente Sensoren für mehr Sicherheit im Verkehr. Im Geschäftsfeld „Umwelt“ untersuchen die Forscher die Einsatzmöglichkeiten von Radar rund um den Themenkomplex Erneuerbare Energien und Umweltmonitoring.

Moderne Städte fordern neuartige Infrastruktur- und Sicherheitskonzepte. Ein Schwerpunkt des FHR liegt im Geschäftsfeld „Sicherheit“ daher auf der Erforschung von kompakten und autonomen Sensoranwendungen zur Unterstützung von Polizei und Rettungskräften. Im Geschäftsfeld „Produktion“ schließlich forscht man an innovativen Sensoren, mit denen sich das Ziel einer „Null-Fehler-Produktion verwirklichen lässt.

Man kann mit Radarwellen auch Schinken kochen

All das wurde auf etwa 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche überaus informativ präsentiert, fast alle der 330 Mitarbeiter standen dabei den Besuchern Rede und Antwort zu ihrem jeweiligen Aufgabengebiet. Besonders die diversen „Trägerplattformen“ für die Tests außerhalb des Labors stießen auf großes Interesse, darunter das Ultraleichtflugzeug „Delphin“ und der in Kooperation mit dem RheinAhrCampus in Remagen entwickelte Tragschrauber. Und auch Einsatzgebiete, die man nicht sofort mit Radar in Verbindung bringt, wurden augenzwinkernd präsentiert. Denn wer hätte gedacht, dass man mit Radarwellen auch Schinken kochen kann, und das in weniger als zehn Minuten?

JOST

Wenn sich die Radarantenne mit voller Geschwindigkeit dreht, fliegen Hüte weg
In Gruppen von 300 Personen dürfen sich die Besucher im Inneren des Radoms umschauen, Abteilungsleiter Dr. Ludger Leushacke erläuterte die Technik.

In Gruppen von 300 Personen dürfen sich die Besucher im Inneren des Radoms umschauen, Abteilungsleiter Dr. Ludger Leushacke erläuterte die Technik. Foto: Volker Jost

Foto: Volker Jost

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