Klaus Ridder erinnert sich
Wer wird Weltmeister 1956?
Adenau. Nun das wollte ich auch wissen! Aber wie? Nach Italien zum Autodrom von Monza, wo die Entscheidung fallen sollte, konnte ich nicht fahren. Die Vorentscheidung sollte auf dem Nürburgring beim „Großen Preis von Deutschland“ fallen. Und das wollte ich natürlich miterleben. Ich sattelte meinen Drahtesel und fuhr zusammen mit zwei Freunden aus der Lüneburger Heide in die Eifel zum Nürburgring (430 km). Was ich beim Training und beim Rennen erlebte, möchte ich erzählen.
Drei Tage Training
Drei Tage lang trainierten die schnellen Autos zum „Großen Preis von Deutschland“ auf der schönsten Rennstrecke Europas - dem Nürburgring. Ich strolchte überall an der Rennstrecke und im Fahrerlager herum. Jeder interessante Wagen wurde auf die „Platte“ genommen. Im Fahrerlager konnte man Autos verschiedener Altersklassen finden, vom alten Bugatti aus dem Jahr 1925 (er fuhr natürlich nicht mit) bis zum modernen Lancia-Ferrari Formel 1-Rennwagen war alles vertreten. Die berühmten Rennfahrer wie Fangio - Moss - Collins usw. ließen sich leider nur selten im Fahrerlager blicken. Scheinbar fürchteten sie sich vor den zahlreichen Autogrammjägern, unter denen auch ich war.
Endlich, am 5. August 1956 war es soweit. Bereits morgens um 8 Uhr hatte ich mir einen Stehplatz in der Südkehre ausgesucht. 100.000 Zuschauer umsäumten den 22,81 km langen Nürburgring. Um 10.30 Uhr starteten die Rennsportwagen bis 1500 ccm (z.B. Porsche1500 RS , EMW/AWE R3, Cooper-Climax,usw.) und Seriensportwagen bis 1500 ccm (z.B. Porsche Spyder, MG „A“, Maserati 150 S). Fünf Minuten später wurden die Grand-Tourisme-Fahrzeuge über 2000 cm‘ (z.B. Mercedes 300 SL, Jaguar XK140) auf die Strecke geschickt. Das sehr interessante Rennen der Rennsportwagen gewann der Stuttgarter Konditor und Porsche-Werksfahrer Hans Herrmann auf Porsche 1500 RS vor Stirling Moss (Maserati) und Roy Salvadori (Cooper-Climax).
Beim Haupt- Rennen der Formel 1-Rennwagen um den „Großen Preis von Deutschland“ war die gesamte Rennfahrerelite am Start. Die Scuderia Ferrari hatte fünf Werkswagen mit ihren Spitzenfahrern Fangio, Collins, Castellotti, Musso und de Portago zum Rennen entsandt. Die Officine Maserati entsandte vier Werkswagen mit den Fahrern Moss, Behra, Maglioli und Perdisa. Der französische‘ Bastler‘ Amedee Gordini beteiligte sich ebenfalls mit zwei Werkswagen am Rennen, die Wagen wurden von da Silva Ramos und Pilette gefahren. Außerdem waren viele Privatrennställe mit ihren Wagen und einige Privatfahrer am Start.
Fangio gewinnt
„Noch zwei Minuten bis zum Start zum siebenten Lauf zur Automobilweltmeisterschaft, dem „Großen Preis von Deutschland - Helfer und Funktionäre den Startplatz räumen“, tönte es aus den Lautsprechern. Der Lärm der laufenden Motoren schallte vom Start zu meinem Südkehreplatz herüber. Ich konnte kaum die Zeit bis zum Start abwarten. Es ‚kribbelte‘ in mir. ‚Noch eine Minute bis zum Start‘ ‚Noch dreißig Sekunden ...‘; Starrrrt!!! Laut dröhnte der Motorenlärm der startenden Wagen vom Start herüber. Kurze Zeit später waren auch schon die Spitzenreiter in der Südkehre. Ein ohrenbetäubender Lärm herrschte für ein paar Sekunden. Augenblicke später sah man nur noch die rasenden Rennwagen hinter den Boxen auf der Gegengeraden verschwinden. Ich hatte nur erkennen können, dass Collins auf Lancia-Ferrari an der Spitze lag vor Fangio auf Lancia-Ferrari und Moss auf Maserati. Kurz danach kam die Meldung vom Streckensprecher durch den Lautsprecher, dass Fangio Collins kurz vorm Streckenabschnitt „Hatzenbach“ überholt hätte. Aber Collins jagte Fangio. Nur drei Sekunden trennten die beiden Weltklassefahrer. Der Abstand zu Moss wurde größer. Bereits in der dritten Runde wurde der aus dem Jahre 1939 (!) von Herrmann Lang stammende Rundenrekord von Fangio sowie auch von Collins unterboten.
Viele Ausfälle
Manchen Wagen bekam dieses Rennen auf der mörderischen Nürburgringrennstrecke nicht gut. Bereits in der ersten Runde schieden schon Wagen aus. Nach der zweiten Runde fuhr Castellotti an die Box und gab auf. Dasselbe Schicksal traf Collins in der zehnten Runde. Diese beiden Rennfahrer übernahmen jedoch in der elften bzw. zwölften Runde die Wagen von Musso bzw. de Portago. Sie versuchten zur Spitze aufzuschließen; leider wurden beide Wagen aus der Bahn „getragen“. Fangio lag noch immer unangefochten an der Spitze. Er gewann nach zweiundzwanzig Runden und einer Gesamtstrecke von 501,82 km den „Großen Preis von Deutschland“ im Rekorddurchschnitt von 3 Stunden, 38 Minuten und 4,7 Sekunden vor Moss und Behra. Wie groß die Belastungen des mörderischen Rennens waren, zeigt die Tatsache, dass von den neunzehn gestarteten Wagen nur fünf platziert wurden.
Nach dem Rennen hatte der Sieger einen schweren Siegerkranz zu tragen. Er hatte den „Großen Preis von Deutschland“ und somit 10.000 DM gewonnen. Außerdem bekam er für den Sieg und für die schnellste Runde (9:41,6 Min.) neun Punkte für die Wertung zur Automobilmeisterschaft. In dieser Wertung lag Fangio nun mit 30 Punkten in Führung vor Collins und Behra (beide 22 Punkte). Einen Monat später gelang es Fangio, beim „Großen Preis von Europa“ in Monza seine 4. Automobilweltmeisterschaft zu erringen.
Nach den vier Tagen am Nürburgring fuhren wir wieder zurück in Richtung Lüneburger Heide, wir waren drei Tage mit dem Fahrrad unterwegs und hatten tolle Sachen am Nürburgring erlebt.
Das Schlüsselerlebnis
Es war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich wollte Rennfahrer werden!! Nach meiner Mittleren Reife lernte ich - entgegen der Meinung meines Vaters (er war Sparkassendirektor) - Kraftfahrzeugmechaniker , natürlich bei Mercedes. Mit 17 Jahren machte ich mit Sondergenehmigung meinen Führerschein - und hatte, weil ich mit dem Motorrad zu schnell unterwegs war, gleich einen mittelschweren Unfall. Eine 500er BMW, die ich mir kaufen wollte, scheiterte an dem Veto meines Vaters. Auch mein Antrag, Ausweisfahrer zu werden, wurde von meinem strengen und konservativen Vater nicht unterschrieben (man war damals erst mit 21 volljährig).
Nach der Lehre folgte ein Studium und während des Studiums ‚schraubte‘ ich bei Theo Harzheim, einem Bonner Privatrennfahrer, und kam so mit Rennfahrern wie Jochen Rindt, Kurt Bardy- Barry in Kontakt.
Mittlerweile hatte ich eine Familie und nach dem Studium hatte die Familie Vorrang - und aus der Rennfahrerei wurde nichts. Ich war dann noch Sportwart eines Kölner Automobilclubs, fuhr kleinere Rallyes mit meinem Familien-PKW (sammelte dabei viele Pokale) - aber der große Motorsport war für mich in weiter Ferne. Aber, dem Motorsport bin ich bis heute verbunden geblieben und wenn mal etwas Zeit ist, geht’s hoch zum Nürburgring und der Nürburgring ist meine ‚zweite Heimat‘ geworden, so jedenfalls bezeichnet meine Frau Geschi meine Aufenthalte am Ring. Es sind auch nur noch 80 km, ich wohne heute in Siegburg und von dort benötigt man gerade mal eine Stunde, vorausgesetzt es gibt in Bonn oder auf der A 61 keinen Stau.
Resümee
Seit dem Besuch des ersten Formel 1-Rennens sind 60 Jahre vergangen. Ich habe in dieser Zeit insbesondere am Nürburgring viele Rennen gesehen, interessante Menschen kennen gelernt und viel erlebt. Es war eine schöne Zeit und ist es immer noch!!
- Klaus Ridder -
Mit dem Fahrrad fuhr ich 1956 mit zwei Freunden aus der Lüneburger Heide zum Nürburgring.
Motorsportjournalist Klaus Ridder.
