Allgemeine Berichte | 09.02.2022

Zur Geschichte einer 1939 emigrierten jüdischen Familie aus Mayen

Wie die Froehlings in den USA Fuß fassten

Leopold, Frieda und Werner Froehling.  Foto: privat

Thür/Mayen. Es ist bemerkenswert, dass, obwohl seit dem Dritten Reich doch einige Generationen herangewachsen sind, Geschichten über das Schicksal damals lebender, verfolgter Menschen heute noch mit Interesse gelesen werden. Dies verhindert u. a. das Vergessen. So las eine Trierer Heimatforscherin die „Erinnerungen an die Thürer Juden“ und recherchierte die Kontaktadresse des Verfassers. Erneut konnten nun von ihr erfreulicherweise umfangreiche, bisher unbekannte Details über die Judenfamilie Froehling gewonnen werden. Wie schon mal publiziert, stammte Leopold Froehling, geb. 1.4.1887, aus Thür, wo sein Bruder Moritz in der Hagelstraße eine Metzgerei betrieb. Leopold heiratete am 31.12.1919 die aus Kempenich stammende Frieda geb. Kempenich, geb. 8.6.1898. Die Froehlings verlagerten ihren Lebensmittelpunkt nach Mayen, wohnhaft in der Koblenzer Str. 38, wo er sich - offensichtlich erfolgreich - als Viehhändler betätigte. Die im letzten Artikel erwähnten Grundstücks-Auseinandersetzungen mit der Stadt Mayen lassen vermuten, dass die Froehlings nicht unvermögend waren. Letzteres wird auch durch die Annahme bestärkt, dass der am 16.9.1921 in Mayen geborene Sohn Werner damals in jungen Jahren ein Reitpferd besaß. Werner spielte in seiner Kindheit selbstverständlich mit seinen Mayener Altersgenossen, verstand jedoch „die Welt nicht mehr“, als diese alle nach 1933 in die „Hitlerjugend“ eintraten, von denen er als Jude jedoch ausgeschlossen blieb.

Als sich am 9.11.1938 reichsweit die Pogrome gegen die Juden, ihre Synagogen und ihr Privatvermögen, ereigneten, lebte Werner in Trier, wo er bei einem Siegfried Leib in dessen Geschäft eine Schneiderlehre absolvierte. Leib geriet damals auch in das Blickfeld der Trierer Nazis; man hängte ihm ein Schild („Ich bin ein wertloser Jude und werde nie etwas erreichen“) um, mit dem er durch Zerf bei Trier laufen musste. Die überall den Juden widerfahrende Verfolgung und Schmach muss wohl bei Werner eine tiefe Bedrückung ausgelöst haben; umgehend verließ er die Moselstadt und ging nach Mayen zu seinen Eltern zurück. Leopold, der im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich an der Front war, wurde bei den Mayener Pogromen an diesem denkwürdigen Tag auch festgenommen und ist dann im Arresthaus in der Stehbachstraße eine Zeit lang festgehalten worden. Für die amtsärztliche Haftfähigkeitsbescheinigung musste er anschließend drei RM bezahlen.

Familie emigrierte

Man kann feststellen, dass die reichsweiten Pogrome bei den Froehlings den Entschluss zu einer Emigration letztlich festigten. Ihre Flucht aus Mayen bereiteten sie vor, als wollten sie zu einem Picknick aufbrechen; man verstaute wichtige Gegenstände in Körbe, ferner legten sie sich mehrere Schichten Bekleidung an und gingen nach Belgien. Hier wohnten sie bis zum Kriegsausbruch und Vorrücken der deutschen Armee bei einer Jüdin. In den USA war zunächst New York ihre Anlaufstelle, da jedoch die Schwester der Frieda Froehling bereits in Milwaukee lebte, zog es sie auch dort hin; sie wohnten fortan in Nr. 2937 Murray, Milwaukee, Wise.

Zunächst war das Leben in einem Land, dessen Sprache man nicht sprach, nicht so einfach; Frieda ging putzen und Leopold übte wohl seinen Beruf als Viehhändler hier nicht mehr aus, sondern verkaufte Putzmittel von Haus zu Haus. Werner meldete sich alsbald bei der Armee; als Soldat kam er im Krieg wieder nach Deutschland. Sein Gehalt bei der Armee schickte er größtenteils zur Unterstützung an seine Eltern.

Nach dem Krieg arbeitete Werner als gelernter Tuchmacher und Schneider in einem Bekleidungsgeschäft, ehe er einen eigenen Laden „Werners Menswear“ eröffnete. Die Eltern und auch er lebten bescheiden. In der Bezugsquelle steht, dass sich die Froehlings sogar von ihren ehemaligen Nachbarn aus Mayen ihre alten Möbel nach USA nachsenden und verschiffen ließen. Von anderen emigrierten oder deportierten Judenschicksalen ist jedoch bekannt, dass deren zurückgebliebenes Vermögen vom Staat vereinnahmt und Möbel, Hausrat und Wäsche meist an deutsche Bombenopfer verteilt wurde. Werner wollte auch nicht, dass seine Eltern noch arbeiten mussten; er soll ferner sein Geld mit Aktien verdient haben, wie Vertraute wussten. Nur eine wohl kostspielige Schwäche Werners war bekannt: alle paar Jahre kaufte er sich einen Cadillac. Werner Froehling blieb ledig und kümmerte sich vorbildlich um seine Eltern; Vater Leopold starb 1971, Mutter Frieda 1998. Werner selbst litt an Darm- und Prostatakrebs und musste sich Herzoperationen unterziehen. Dennoch wurde er 97 Jahre alt und starb am 18.12.2018. Seiner jüdischen Gemeinde erwies er sich als großzügiger Gönner und Spender; er hinterließ ihnen zwei Millionen Dollar. Nach alle dem kann man feststellen, dass die emigrierte Judenfamilie Froehling, zumindest aber der geschäftliche Erfolg des Sohnes Werner dafür spricht, dass sie in den USA fußgefasst haben. Allerdings gibt es in der zur Verfügung stehenden Quelle keinen Hinweis darauf, ob die Froehlings in den USA auch tatsächlich heimisch geworden sind. Sie retteten mit ihrem Weggehen ihr Leben, verloren haben sie aber die alte, vertraute Heimat, die ihnen einst Behütetsein und Geborgenheit bedeutete.

Franz G. Bell

Quelle:

„The Wisconsin Jewish chronicle“

Leopold, Frieda und Werner Froehling. Foto: privat

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