Veranstaltung der Netzwerke Demenz Kreis Neuwied, Kreis Mayen-Koblenz, Stadt Koblenz
„Wie wollen wir mit dem Thema umgehen?“
Fachtag mit Expertenvorträgen beleuchtete medizinische und sozialwissenschaftliche Perspektive
Neuwied. Gemeinsam hatten die Netzwerke Demenz Koblenz, Mayen-Koblenz und Neuwied zu einem Fachtag mit dem Titel „Demenz – eine Krankheit? Auf den Blickwinkel kommt es an“ in die Aula der Christiane-Herzog Schule in Neuwied-Engers eingeladen. Die Veranstaltung richtete sich an alle, die sich mit dem Thema Demenz beschäftigen, sei es als Mitarbeiter der verschiedenen Dienste und Einrichtungen, der kommunalen Verwaltung und Politik oder als Betroffene, Angehörige und Interessierte. Über 150 Interessierte waren der Einladung der Veranstalter gefolgt.
Als renommierte Referenten konnten der Soziologe und Theologe Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer aus Gießen sowie der Mediziner Prof. Dr. Andreas Fellgiebel aus Mainz gewonnen werden. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Vielzahl von Fragen: Wie ist der aktuelle Stand der Demenzforschung? Wird das Thema Demenz medizinisch-pharmazeutisch dominiert? Wie geht unsere Gesellschaft mit den Themen Alter und Demenz um?
Zusammenarbeit ermöglicht Weiterentwicklung der Hilfen
Als Vertreter der Veranstalter begrüßte Psychiatriekoordinator Dr. Ulrich Kettler die Teilnehmer. Er führte aus, wie es zu der engen Zusammenarbeit der drei regionalen Netzwerke kam und welche gemeinsamen Ziele die Kooperationspartner verfolgen. „In den Landkreisen Mayen-Koblenz und Neuwied sowie der Stadt Koblenz leben über eine halbe Million Menschen. Legt man die Zahlen der deutschen Alzheimer-Gesellschaft zugrunde, sind davon rund 10.000 Personen von Demenz betroffen“, führte Kettler aus. Die gute und enge Zusammenarbeit auf regionaler Ebene ermöglicht es, die Angebote und Hilfen ständig weiter zu entwickeln. Auch der 1. Kreisbeigeordnete Achim Hallerbach, der als Vertreter der beteiligten Kommunen die Anwesenden begrüßte, führte die Bedeutung des Themas Demenz sowie die Anforderungen an die Kommunen aus. „Die Kommunen arbeiten daran, Versorgungsangebote zu verbessern und Versorgungslücken zu schließen“, so Achim Hallerbach. „Erfreulicherweise wurden durch die Pflegestärkungsgesetzte die Leistungen für erforderliche Hilfen, insbesondere für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, verbessert.“ Des Weiteren begrüßten Patrick Landua von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in RLP e.V. und Mechtilde Neuendorff vom Seniorenzentrum des Heinrich-Hauses und Teilnehmer.
Plädoyer für eine frühere und verbesserte Diagnostik
Anschließend referierte Prof. Dr. Fellgiebel über das Krankheitsbild Demenz am Beispiel der Alzheimerdemenz, die mit rund 55 Prozent den größten Teil aller Demenzformen ausmacht. Er führte aus, dass typisch neuropathologische Befunde wie die sogenannten Plaques eine notwendige, aber keine hinreichende Diagnose für Alzheimer seien. Er führte weiter aus, dass nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung mit Medikamenten im günstigsten Fall nur eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs, nicht aber eine Heilung möglich sei. Trotzdem plädierte er für eine frühzeitige Diagnostik, auch um andere Krankheitsursachen, die behandelbar sind, auszuschließen. Nach seiner Auffassung erfolge bis heute die Diagnostik zu spät. Die Forschung zeige darüber hinaus, dass mit einer höheren Bildung das Risiko einer späteren Demenzerkrankung sinke. Weitere wichtige Faktoren seien soziale Netzwerke, eine gesunde Lebensführung sowie geistige und körperliche Aktivitäten.
Soziale Fragen stärker in den Blickpunkt rücken
Der Soziologe Reimer Gronemeyer, Autor des Buches „Das 4. Lebensalter – Demenz ist keine Krankheit“, führte kritisch aus, wie unsere moderne, leistungsorientierte Gesellschaft allgemein mit dem Thema Alter und dem Thema Demenz im Speziellen umgehe. Nach seiner Auffassung sei Alter schon immer mit körperlichen und geistigen Einschränkungen verbunden gewesen. Indem die Demenz vorrangig als Erkrankung definiert und das Thema durch die Medizin dominiert wird, würden soziale Fragen in den Hintergrund treten. Dabei stünden Profite der Pharmaindustrie im Vordergrund, der gesellschaftliche Umgang mit dementen Menschen und ihren Angehörigen rücke in den Hintergrund. „Jede Gesellschaft erhält die Erkrankungen, die sie verdient“, so die provokante These von Gronemeyer.
In einer abschließenden Gesprächsrunde unter Leitung der Moderatorin Daniela Bubliz konkretisierten beide Referenten jeweils ihre Standpunkte und beantworteten die zahlreichen Fragen aus dem Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Musikalisch eingerahmt wurde der Fachtag durch Beiträge der Pianistin Arngard Schmidt von der Akademie für Musik und Bildung. Finanzielle Unterstützung erhielt die Veranstaltung von den beteiligten Kommunen, der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in RLP e.V., der Heinrich-Haus gGmbH und den Barmherzigen Brüder Saffig. Pressemitteilung
des Netzewrks Demenz
Den Organisatoren des Fachtags war es gelungen, zwei namhafte Experten als Referenten zu gewinnen, die den zahlreichen Besuchern neue Erkenntnisse und Impulse zum Thema Demenz vermittelten (v. l.): Prof. Dr. Andreas Fellgiebel, Chefarzt der Gerontopsychiatrie der Rhein-Hessen-Fachklinik; Achim Hallerbach, 1. Kreisbeigeordneter Landkreis Neuwied; Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer, Justus-Liebig-Universität Gießen; Uwe Baumann, Netzwerk Demenz Koblenz; Dr. Ulrich Kettler, Netzwerk Demenz Neuwied; Heike Kautz, Netzwerk Demenz Koblenz; Patrick Landua, Landeszentrale für Gesundheitsförderung in RLP; Mechtilde Neuendorff, Seniorenzentrum des Heinrich-Hauses Engers; Moderatorin Daniela Bublitz und Olaf Spohr, Netzwerk Demenz Mayen-Koblenz. Foto: Baumann Fotografie
