Interview mit Michael Mihm aus Höhr-Grenzhausen, Gründer und Betreiber von Radio Westerwald
„Wir haben keinen Quotendruck“
Als Programm gibt es den Sender schon seit September 2017
Wie lange gibt es Radio Westerwald, die Wäller Welle, schon?
Mihm: Radiowesterwald.de als Seite gibt es schon länger, etwa seit zwei bis drei Jahren. Wir betreiben seitdem die Seite aktiv, füttern Nachrichten auf, stellen Meldungen und Events online, das aktuelle Wetter und vieles mehr in Text und Bildform. Als Programm gibt es uns seit September 2017. Da sind wir offiziell on air gestartet. Damit gibt es das Hörfunkprogramm jetzt eineinhalb Jahre.
Es gibt ja viele tausend Radiosender auf der Welt. Warum soll der Wäller ausgerechnet Radio Westerwald hören?
Das ist richtig, aber es gibt ganz wenig Programme, die ganz explizit und speziell auf den Westerwald ausgelegt sind. Also für die Region, den geografischen Westerwaldkreis. Ganz wichtig ist mir immer, den Hörer über das zu informieren, was gerade bei ihm vor der Haustür passiert. Und es gibt eben keinen Sender, der sich ausschließlich mit dem geografischen Westerwald und dem Westerwaldkreis und den Nachbarkreisen Altenkirchen und Limburg-Weilburg befasst. Das ist die Lücke, die ich sehe, die wir mit dem Programm jetzt schließen.
Wie ist denn so der typische Hörer von Radio Westerwald? Was hört der denn gern so am Tag?
Welches Programm muss ich liefern, damit ich gehört werde? Wir machen das hier ein bisschen anders. Wir gehen eigentlich hin und sagen: Was hören wir gern? Und das quasi geben wir on air. Die Leute, die uns unterstützen, eine feste Stamm-Crew von zwei bis drei Leuten, und einige, die gelegentlich mal mitarbeiten, also so ein Querschnitt von zehn Leuten, die zeigen: Die mögen die Musik der Sechziger bis heute, wobei die Achtziger und Neunziger einen ganz hohen Stellenwert haben. Wir verwehren uns auch nicht gegenüber aktueller Musik. Da gibt es tolle Titel. Auch ein paar richtig gute deutsche, Deutschrocktitel, Klassiker. Wir versuchen, einen breiten Querschnitt für alle abzubilden, die gern Musik hören und um die 40 Jahre alt sind. Die haben in ihrer Kindheit noch junge Musik gehört, Sechziger plus, sind mit den Achtzigern und Neunzigern großgeworden und sind dann mit der neuen Musik älter geworden. Und das versuchen wir eben, im Querschnitt abzubilden.
Wenn ich etwas über den Westerwald erfahren will, lese ich vielleicht Tageszeitung, wenn ich älter bin. Wenn ich jünger bin, gucke ich auf die Seite. So hat Radio Westerwald angefangen. Aber ihr seid jetzt eigentlich topaktuell. Das ist ja der Vorteil des Radios, dass es ein schnelles Medium ist?
Richtig, das versuchen wir umzusetzen. Besonders, was Verkehrsmeldungen aus dem Westerwaldkreis und den angrenzenden Nachbarkreisen angeht, wenn wir irgendwelche Unfälle oder Verkehrsbehinderungen haben. Wir verstehen uns da so ein bisschen als Servicemedium für die Pendler. Wir können sogar noch ein bisschen schneller reagieren, als das beispielsweise die großen Öffentlich-Rechtlichen machen können, die in Baden-Baden beispielsweise sitzen und ja auch Rheinland-Pfalz mit abdecken oder die rheinland-pfälzischen Sender, die sich exklusiv in Ludwigshafen befinden. Damit dürften die beiden Sender klar sein, die ich meine, die auch das Gebiet ein bisschen mit abdecken. Die können nicht so schnell reagieren, wie wir das können. Die haben festere Programmvorgaben, festere Formatvorgaben. Wir haben spezielle Moderationsstrecken. Bei uns ist es tatsächlich so: Wenn etwas passiert, etwas Großes und Wichtiges passiert, können wir den Regler aufreißen, können das on air direkt mitteilen. Wir müssen also nicht warten, bis Viertel nach oder bis Halb oder bis zum nächsten Moderationspunkt im Programm.
Ihr seid ja nicht weit weg. Jeder kann also auch so ein bisschen mitmachen. Sowohl ehrenamtlich vielleicht, wenn sich jemand ein bisschen für Radio interessiert, aber auch so als Hörer sich beteiligen. Die großen Sender werben damit, an irgendwelchen Pfingstmontagen oder so: Wir machen schrilles Musikprogramm. Aber ihr könnt eigentlich immer Musikwünsche aufgreifen von Hörern, oder?
Klar. Wir sind für Feedback, Anregungen und auch Kritik dankbar. Wer Musikwünsche sendet, schickt sie ganz einfach an wunsch@radiowesterwald.de. Oder im modernen Social Media-Zeitalter ist natürlich der Weg über Facebook der noch direktere. Da reagieren wir innerhalb weniger Stunden dann auf Mails oder persönliche Nachrichten, die uns erreichen. Jeder ist zum Mitmachen eingeladen, sich aktiv am Programm und im Programm zu beteiligen. Wir verstehen uns auch ein bisschen als ein Radio von Wällern für Wäller. Wenn der gesamte Kreis das Medium als sein Medium versteht, haben wir auf lange Sicht einen guten Erfolg, uns hier zu etablieren und der Region tatsächlich auch auf Dauer einen Mehrwert zu bieten: schriftlich auf den Internetseiten, per Facebook und natürlich auch auf die Ohren.
Ist es auch möglich, euch persönlich zu treffen? Nicht nur, wenn ihr von einer Veranstaltung berichtet, sondern auch auf Festen, auf dem Dorfplatz?
Sehr gern. Wir freuen uns über jede Einladung zur Berichterstattung, wenn die Zeit es zulässt, da es überwiegend ehrenamtlich betrieben wird. Wenn die Zeit es zulässt, kommen wir gern vorbei, berichten von Veranstaltungen vor Ort. Technisch sind wir auch in der Lage, Festlichkeiten mit einem Live-Programm von vor Ort zu begleiten. Die einzige Voraussetzung, die wir dafür brauchen, ist – und das ist manchmal im Westerwald, je nachdem, wo du bist, ein bisschen schwierig – eine gute, stabile und leistungsstarke Internetleitung.
Gab es denn auch von politischer Seite oder von Vereinen oder Institutionen Zuspruch oder Unterstützung?
Ja. Es freut sich jede Institution, Organisation, Verein und auch politische Partei, wenn sie bei uns erwähnt wird in der Berichterstattung. Sei es in den Regionalnachrichten oder über ein Posting auf der Seite. Wenn eine Partei zum Beispiel eine Umweltaktion hatte oder ein Verein eine Spendenaktion gemacht hat. Klar.
Aber auch da leben wir vom Input der jeweiligen Quellen. Die müssen uns natürlich auch auf dem Schirm haben und uns per Mail Informationen zuschicken. Dann berücksichtigen wir das gern. Eine Unterstützung im Sinn von: Das finden wir toll, wir finanzieren euch die Kosten mit XY. Nein. Da sind wir auch ganz froh drum, dass wir unabhängig und frei sind. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht Werbeplätze zur Verfügung stellen. Klar, unsere Kosten müssen gedeckt werden. Das machen wir über Werbung im Programm. Die kann ganz regulär gebucht werden zu Schleuder- und echt geilen Schweinepreisen im Vergleich zu den anderen Sendern für die Region. Darüber finanzieren wir uns. Aber sonst sind wir unterstützungstechnisch eben frei und unabhängig. Und das wollen wir auch gern bleiben.
Jeder Sender versucht, ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln. Natürlich habt ihr den Vorteil: Ihr seid der Sender der Region. Aber gibt es vielleicht im Programm etwas Besonderes, was die anderen nicht haben?
Das ist schwer. Es gibt fast nichts mehr, was es im Fernsehen, im Internet oder auch im Radio nicht schon gibt. Ich würde aber sagen: Wir reden frei Schnauze. Auch da sind wir frei von Formaten und Zwängen, wie sie andere Sender haben. Spezielle Formatierungsregeln, das spezielle, wirtschaftliche Radiogeschäft: Wenn du dich als Privatsender über Werbung finanzierst, dann wirst du anhand der Quoten gemessen. Wir haben keinen Quotendruck. Wir können also on air so sein, wie wir wollen. Wenn das Wetter draußen scheiße ist, dann sagen wir das Wort auch. Und wir sagen nicht: Heute ist es nicht ganz so schön. Wir können da schon ein bisschen freier nach Wäller Bauernschnüss sprechen.
Wo steht Radio Westerwald in fünf Jahren?
Dass alle Westerwälder sagen: meine Heimat, mein Sender. Das ist Radio Westerwald. Dass es ganz wenige gibt, die noch andere Sender auf ihrer Programmtaste eins haben. Und dann denke ich: In fünf Jahren sind wir in jedem Auto auch ohne DAB plus oder UKW empfangbar. Ich glaube, dass sich W-LAN auch für den Musikgenuss durchsetzen wird. Neufahrzeuge werden immer häufiger schon mit W-LAN an Board ausgestattet. Im Moment ist ja immer noch unklar: Wird es DAB plus oder überlebt UKW doch? Und solange diese Fragen nicht endgültig geklärt sind, setzen wir eigentlich auf das Internet. Und ich glaube, in fünf Jahren sind wir auch bei der flächendeckenden Versorgung hier bei uns im Westerwaldkreis mit stabilem und leistungsfähigem W-LAN, also LTE-Netz so weit, dass wir uns dann vielleicht keine Gedanken mehr über UKW oder Verbreitung über DAB plus machen müssen.
Der Studioeingang des Radio Westerwald.
