Verleihung der 26. Morenhovener Lupe
Wirrlichkeiten: „Chaos“ und Spektakel in der Krea
Morenhovener Lupe ging an Ulan & Bator
Swisttal-Morenhoven. „Hier wird das Publikum auf eine harte Probe gestellt“, heißt es in der Begründung der Jury zur Verleihung der 26. Morenhovener Lupe an das Kabarettisten-Duo Ulan & Bator. Es waren die Besucher im ausverkauften Krea-Theater gut dran, die dies wörtlich genommen hatten. Ulan & Bator sind Sebastian Rüger, in Bonn geboren und im Nachbarort Flerzheim aufgewachsen, sowie Frank Smilgies, Niedersachse aus der Heidestadt Celle. Wer Ulan und wer Bator ist kann der Besucher nicht ausmachen, es ist auch unwichtig, die Namen werden im Programm nicht einmal erwähnt. Wichtig für den Betrachter ist eine große Portion Unbefangenheit, denn die beiden Akteure springen auf der Bühne von einer Rolle in die nächste. In dem Moment, wo sich die beiden Herren in den grauen Anzügen die wie zufällig gefundenen Wollmützen aufsetzen, lassen sie in Wortwahl und Körpersprache ihrer Fantasie freien Lauf. Schon in einer der ersten Szenen, dem Kauf von einem Paar Socken im „größten Sockenkaufhaus der Welt, das mit bloßem Auge von der ISS zu sehen sei, zeigen die beiden die ganze Variationsbreite der Sprache. Beklemmend zeigen sie auch die Entwicklung einer positiven Haltung gegen den Fanatismus, die dann allerdings selbst im Fanatismus endet. Auch für Absurditäten sind sich die beiden Preisträger nicht zu schade, etwa wenn ergründet wird, ab wann sich die Beziehung des Partners zu „Veronika“ abgekühlt hat. Wann exakt? Eigentlich konkret mit ihrer Beerdigung!
Das Publikum macht mit
Bei einigen Programmpunkten beziehen Ulan & Bator das Publikum geschickt mit in die Bühnenhandlung ein, etwa beim Erkennen von Vogelstimmen. Was davon zwischen den beiden vorher abgesprochen, was improvisiert ist, für den Besucher ist es nicht zu erkennen. Es wird jedenfalls kein festes Programm abgespult, die Übergänge zwischen Geprobtem und Improvisiertem sind fließend.
Was ist Wirklichkeit? Ist die Wirklichkeit den Erkenntnissen der Wissenschaft unterworfen? Und was sind die Erkenntnisse der Wissenschaft wert? In zwei identischen „Schauspielszenen“, die in ihrer satirischen Schlichtheit kaum zu unterbieten sind, „beweisen“ die beiden, dass bei zwei verschiedenen Vorgeschichten sich ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen ergeben.
Was ist Kultur? Eine Sendung im „Kulturradio“ liefert dazu den Beitrag. Die beiden schieben mal laut mal leiser, zum Schluss scheinbar bis zur körperlichen Erschöpfung zwei Klappstühle, die einzigen Requisiten des Abends - natürlich neben den handgestrickten Wollmützen - über die Bühne. Was sich minutenlang dem Besucher eher quälend als verstehend nicht erschließt, wird urplötzlich ganz einfach aufgelöst: Der Beitrag war Auszug eines 5-stündigen Opus eines 95-jährigen kasachischen Komponisten, der versucht hat, sein jahrzehntelanges Trauma vom „Schnarchen“ zu verarbeiten.
Die Morenhovener Lupe
Die Liste der renommierten Preisträger der Morenhovener Lupe ist lang, beginnend mit Konrad Beikircher 1988 über Gerhard Polt, Richard Rogler, Dieter Nuhr, Volker Pispers oder Urban Priol. Alles, was im deutschsprachigen Raum Rang und Namen hat, war in Morenhoven oder kommt hierher, wobei einige ihre Bühnenkarriere durchaus hier in der rheinischen Provinz begonnen haben. Die Jury hat sich selbst die Frage gestellt, ist das, was Ulan & Bator bieten, noch die Wirklichkeit oder wird hier der kabarettistische Globus schon völlig aus den Angeln gehoben? Oder anders gefragt, ist das einfacher Nonsens, ist das hintergründiger Intellekt oder ist dies bereits schon der nackte Wahnsinn?
Klaus Grewe, Sprecher der KuSS-Initiative, ließ bei der Übergabe der antiken englischen Lupen diese Fragen offen.
Er betonte jedoch, „zwei Mann unter der Mütze: Wenn das die Quelle unbeschwerter Ernsthaftigkeit ist - unsere Politiker sollten Wollmützen tragen.“
Ulan & Bator - Komik konkurriert mit Ernsthaftigkeit.
