Dohrer Theaterensemble begeistert mit tollen Charakteren
Eine zauberhafte Glaskugel sorgt für reichlich Gaudi
Dohr. Gleich zur Premiere konnte sich das örtliche Theaterensemble über ein volles Haus freuen, denn die hervorragende Aufführung aus dem vergangenen Jahr machte das Publikum auf das neue Stück der Laiendarsteller neugierig. „Die zauberhafte Glaskugel“ nannte sich diesmal die turbulente Komödie, ein amüsanter Dreiakter aus der Feder von Beate Irmisch. Als zentraler Mittelpunkt im Geschehen entpuppt sich die große Glaskugel der beiden Schwestern Veronika und Lina Schick (Helene Maas und Tanja Schäfer), die als selbst ernannte Wahrsagerinnen und Kräuterfeen ihr Dasein in einem Wohncontainer am Ortsrand fristen. Hier versuchen sie mit viel Raffinesse bei manipulierten Séancen, gepanschten Cremes, Salben und Pülverchen allen abergläubischen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Nebenbei beweist Lina auch noch ein geschicktes Händchen bei der Aufzucht von Cannabis im vor Einblicken geschützten Gärtchen hinter ihrer Behausung. Um an Informationen über die guten Mitmenschen heranzukommen, öffnen sie mit schöner Regelmäßigkeit die Briefpost der geliebten Mitmenschen unter Wasserdampf. Dies ist ihnen deshalb möglich, weil der scheinbar etwas unterbelichtete Postbote Heini (Stefan Schäfer) im Wohncontainer der beiden „Kräuterhexen“ ein und aus geht und jeden Morgen seine schwere Posttasche für eine halbe Stunde deponiert, um sie nicht bis zu einem weiter außerhalb liegenden Gehöft mitschleppen zu müssen. Kaum hat Heini dann die Tür hinter sich geschlossen, machen sich Veronika und Lina über die Briefe her. Daraus entnehmen sie diesmal, dass der ungeliebte Bürgermeister Helmut Gierig (Günter Erdmann) am Standort ihres Wohncontainers den Bau eines noblen Wellness-Hotels plant, was unweigerlich die Entfernung ihrer Behausung zur Folge hätte. Weiterhin bringen sie nach ihrer Briefkontrolle in Erfahrung, dass der Bürgermeister bereits seit etlichen Jahren 250 Euro Alimente für ein uneheliches Kind abdrücken muss. Seine Gattin Hilde (Helene Gilles) ahnt indes davon nichts, zählt aber zur abergläubischen Kundschaft der beiden Betrügerinnen. Zu dieser gehört auch der brave Bauer Gregor (Jürgen Schäfer), der mit seiner ungeliebten Glatze Patient bei Lina ist und sich in seiner Not von ihr übel riechende Tinkturen auf sein Haupt auftragen lässt: „Ich will endlich wieder eine Matte auf meiner Platte!“ Dass besagtes Haarwuchsmittel mit der Hinzugabe von Hühnermist für ungeahnte Wachstumsformen sorgt, wird allerdings erst kurz vor dem letzten Vorhang bekannt. Bäuerin und Witwe Gerlinde (Sabine Jansen) hat mittlerweile drei Ehemänner (zum Teil auf mysteriöse Art) verschlissen und hält Ausschau nach einem neuen. Mit Hilfe der Glaskugel von Veronika und Lina hofft sie, einen solchen zu finden. Zwar macht ihr Gregor seit Jahren den Hof, doch die Offerten des „Glatzen-Typs“ ignoriert sie mit scheinbar unbeugsamer Ignoranz. Derweil erscheint die mondäne Irene von Schön (Ines Grundmann) auf dem Plan und gibt sich als gut betuchte Investorin und baldige Eigentümerin für besagtes Wellness-Hotel aus. Bei einer von Kerzenschein schummrig beleuchteten Glaskugel-Sitzung im Halbdunkel des Wohncontainers lässt auch sie sich vom übernatürlichen Können der beiden Kräuterhexen überzeugen, nachdem sich auch Lotte (Ilona Batta) nach der Einnahme von Lina`s Gesundheitskörnern binnen einem Tag von einer dicken Motte zu einem bildhübschen Blickfang entwickelt hat. Danach nimmt das Geschehen finale Fahrt auf, bei der zunächst die von Cannabis-Keksen außer Gefecht gesetzten Gregor und Heini nach einem mystischen Séance-Trip im Hohlraum unterhalb der Glaskugel wieder erwachen. Natürlich wendet sich am Ende alles zum Guten, doch sei hier nicht zu viel verraten, denn auch an diesem Wochenende finden noch zwei Aufführungen statt.
Die Darsteller
Helene Maas als Veronika ist ein Bühnenurgestein und weiß einmal mehr mit stoischer Ruhe und trockenem Humor zu überzeugen. Tanja Schäfer gibt als Lina die geborene Quasselstrippe mit Denkvermögen und einem ausgeprägten Fingerspitzengefühl für Leute, die sie übers Ohr hauen kann. Stefan Schäfer geht in seiner Rolle als junger, unbedarfter Postbote auf. Er erfreut mit glaubhafter Schlagfertigkeit und trefflich gespielter Ahnungslosigkeit. Wie erwartet überzeugt Günter Erdmann im Part des Ortsvorstehers ohne Fehl und Tadel, der zwar lautstark seine Überzeugung kundgibt, allerdings klein beigeben muss und gleichzeitig heftig an der Nase herumgeführt wird. Helene Gilles erfreut im Stück als seine resolute Gattin, die beispielhaft die Eifersucht in Person ist. Sabine Jansen weiß sich als „Bio-Öko-Vollkorn-Tussi“ hervorragend in Szene zu setzen und fegt wie ein Derwisch über die Kleinkunstbühne. Ilona Batta hat mit der dicken Lotte zwar nur eine kleine Rolle übernommen, begeistert allerdings als unreinlicher Bauerntrampel und als kurvenreiches Model. Jürgen Schäfer ist die Rolle des alleinstehenden Bauers geradezu auf den Leib geschrieben. Als weltfremder Landmann gibt er sich herrlich trottelig mit versteckter Bauernschläue. Ein Fest für jedes Auge ist Ines Grundmann als Lebefrau Irene von Schön. Sie weiß sich als Dame der besseren Gesellschaft nicht nur entsprechend zu artikulieren, sondern ebenso perfekt zu bewegen. Resümee: eine turbulente und kurzweilige Aufführung, die weniger vom Inhalt als von den ausgezeichneten Darstellern lebt. Diese wissen zu jedem Zeitpunkt des Stücks bravourös mit der Handlung zu verschmelzen und das Ganze überaus amüsant und glaubhaft zu vermitteln. Eine beeindruckende Leistung aller Aktiven, die dem kuriosen Spektakel am Ende auch zu einer erstklassigen Punktlandung verhelfen.
Eine zauberhaft-magische Glaskugel spielte bei der amüsanten Komödie des Dohrer Theaterensembles die Hauptrolle. Fotos: TE
„Hier bauen wir ihr nobles Wellness-Hotel hin!“ Bürgermeister Helmut Gierig beschreibt Investorin Irene von Schön den künftigen Standort.
Postbote Heini hat die beiden Schwestern Veronika und Lina zur Rede, weil sie das Briefgeheimnis kurzerhand umgangen haben.
