NS-Euthanasie Gedenken
Gedenken an Pauline Leicher und NS-Euthanasieverbrechen in Lautzert
aus Dierdorf
Lautzert. Nachdem Schülerinnen und Schüler des Martin-Butzer-Gymnasiums im vergangenen Jahr eine Gedenkstättenfahrt zur ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar unternommen hatten, bekam ein Einzelschicksal am 16. September 2026 einen Namen: Pauline Leicher.
Pauline Leicher wurde in Lautzert geboren und wuchs dort auf. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde sie im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ in der Gaskammer von Hadamar mit Kohlenmonoxid ermordet. Die Nationalsozialisten bezeichneten die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen zynisch als „Euthanasie“.
Pauline hatte Lernschwierigkeiten und dachte langsamer als andere. Dennoch, so beschreibt es der Autor Heiner Feldhoff, wäre sie wahrscheinlich in der Lage gewesen, ein selbstständiges Leben zu führen. Feldhoff lebt und arbeitet seit mehr als 50 Jahren in Lautzert – demselben Ort, in dem auch Pauline geboren und aufgewachsen ist. In zahlreichen Archiven recherchierte er, befragte Zeitzeugen und suchte Standesämter auf, um die Geschichte „seines Paulinchens“ aufzuarbeiten und den nationalsozialistischen Verbrechen ein konkretes Gesicht zu geben. Dies gelingt ihm eindrucksvoll, obwohl von Pauline selbst kein einziges Bilddokument existiert.
Bei einer eindrücklichen Lesung vor Schülerinnen und Schülern der MSS 11 trugen Heiner Feldhoff und seine Lesepartnerin Claudia Schwamberger die berührende und nachdenklich stimmende Geschichte der jungen Frau vor. Mehr als 80 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod ist es dem Autor gelungen, Teile von Pauline Leichers Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Außerdem erreichte er, dass ihr Todesdatum beim zuständigen Standesamt der Verbandsgemeinde Puderbach korrigiert wurde: In den Unterlagen der vermeintlichen „Landes-Heil- und Pflegeanstalt“ war zunächst der 28. Mai vermerkt. Tatsächlich wurde Pauline Leicher jedoch bereits am 6. Mai 1941 in Hadamar ermordet. Die abweichende Datierung war Teil der systematischen Verschleierung der nationalsozialistischen Morde. Obwohl die Menschen in Hadamar am Tag ihrer Ankunft getötet wurden, stimmte das offiziell angegebene Todesdatum nicht mit dem tatsächlichen Zeitpunkt ihrer Ermordung überein. Diese Vertuschung hatte für die Anstalt zudem einen finanziellen Vorteil: Sie konnte über einen längeren Zeitraum Pflegebeiträge abrechnen – obwohl das Leben der Betroffenen längst vernichtet worden war.
Ein weiterer wichtiger Schritt war die Anbringung einer Erinnerungstafel für Pauline Leicher auf dem Lautzerter Friedhof. Damit wird ihr Schicksal sichtbar – und die Erinnerung an ein Opfer von insgesamt etwa 300.000 Menschen, die den Euthanasiemorden und damit nationalsozialistischen Verbrechen zum Opfer fielen, bleibt lebendig.
Das Projekt wurde durch die LEADER-Förderung der Raiffeisen-Region unterstützt. Mit diesem Demokratieprojekt werden innovative Einzelprojekte unterstützt, die demokratische Werte, Kompetenzen und Wissen vermitteln sowie die aktive und informierte Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger fördern. Diese Projekte berücksichtigen die Lebensrealitäten und Vielfalt der Teilnehmenden und schaffen neue Zugänge für Beteiligung.
Sarah Neitzert