Politik | 29.12.2014

Ministerin Bätzing-Lichtenthäler besuchte Gemeinschaftsunterkunft

Sorgen und Nöte hüben wie drüben

Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler überreicht den ehrenamtlich Aktiven einen Scheck für deren Einsatz und freut sich für diese Art von Willkommenskultur.-FF-

Neuwied. Von 224 (2013) auf 487 (2014) hat sich die Zahl der Asylbewerber in Neuwied mehr als verdoppelt. Die Kreisverwaltung stellt das vor große Herausforderungen. Die rheinland-pfälzische Gesundheits- und Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler besuchte kürzlich die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Hafenstraße. Geplant waren die Besichtigung des neuen Sanitärtrakts und Gespräche mit den Verwaltungsmitarbeitern und Vertretern von ehrenamtlich Engagierten. Eine dritte Gruppe war eigentlich gar nicht eingeplant. Es handelte sich um elf junge Männer, aus verschiedenen Ländern Afrikas, die die Gunst der Stunde nutzten und Sabine Bätzing-Lichtenthäler direkt ansprachen. Besonders wohl fühlen sie sich in Neuwied nämlich nicht und nannten der Ministerin ihre Nöte. Dabei hat sich im Quartier schon einiges getan. Dass nicht alles perfekt ist, liegt an fehlenden finanziellen Mitteln und mangelnder Personalausstattung. 1995 zogen sich die Flusspioniere aus Neuwied zurück. Seitdem nutzt der Kreis die Kaserne als Gemeinschaftsunterkunft. Wohlfühlatmosphäre oder gar Komfort ist also nicht zu erwarten. Fast schon luxuriös fällt der neue Sanitärtrakt aus, den Landrat Rainer Kaul präsentierte. Jetzt können sich die Menschen einzeln hinter verschlossener Türe duschen. Der Sanitärtrakt wurde am bestehenden Gebäude hochgezogen, sodass auf jeder der drei Etagen mehrere Duschen für die jeweils rund 30 Personen zur Verfügung stehen. Bei der Führung durch die Unterkunft ging Landrat Rainer Kaul auf die personelle Ausstattung ein. Derzeit läuft die Ausschreibung für einen Sozialarbeiter. Die ausgebildete Fachkraft wird für die Befindlichkeiten und Sorgen der Flüchtlinge ein offenes Ohr haben und sie adäquat betreuen. Auch in Neuwied gibt es einen externen Sicherheitsdienst, keinesfalls aber vergleichbar mit denen der in Kritik gekommenen Unterkünfte in Nordrhein-Westfalen. „Die Sicherheitsleute sehen lediglich am Wochenende, und während der Woche drei Stunden nachts, nach dem rechten“, erklärt Rainer Kaul. Rund 140 Menschen leben derzeit in der ehemaligen Kaserne. Viel Platz gibt es nicht. Daher führte der Weg des Besuchertrupps auch an den neuen Containern vorbei. Sie wurden vom Nachbarn, den Stadtwerken Neuwied, ausgemustert und werden nun als Multifunktionsräume genutzt. Sei es für Sprachunterricht oder Kunstprojekte. Den „Waschsalon“ der Unterkunft, bestehend aus einem duzend Waschmaschinen, managt eine Person aus der Maßnahme „gemeinnützige Arbeit“.

Bätzing überreicht Scheck

Mit einem Scheck in Höhe von 800 Euro sprach Sabine Bätzing-Lichtenthäler den Ehrenamtlichen ihren besonderen Dank aus. „Ohne Sie wäre das alles nicht möglich“, so die Ministerin. „Das zu leisten, sind wir gar nicht in der Lage“, bestätigte Sozialamtsleiterin Agnes Ulrich. Die Freiwilligen begleiten die Neuankömmlinge bei Behördengängen, Arztbesuchen und Einkäufen. Herbert Woidke kümmert sich um die Kinder und Jugendlichen. Für sie ist das Leben in der Gemeinschaftsunterkunft besonders langweilig. Besonders wichtig sind die Freiwilligen beim Deutschlernen oder der Alphabetisierung. Nicht jeder der Ankömmlinge kann lesen und schreiben. Andere können nur arabisch. Regelmäßige Deutschkurse finden in der Mennoniten Brüdergemeinde Ringstraße statt. Wobei man damit schon bei einem von vielen Problemen ist. Für die Asylbewerber kostet die Monatskarte für den Bus ein kleines Vermögen. Noch teurer wird es, wenn sie in privaten Unterkünften im Kreis untergebracht sind. Von daher war die Erstattung der Fahrkosten eine von zahlreichen Anregungen für die Ministerin. Ein anderer ist die Schulpflicht. Flüchtlingskinder sind vom ersten Tag an in Deutschland schulpflichtig. Selbst wenn sie kein Wort verstehen. Im Gegensatz zu Asylbewerber dürfen Menschen, die wegen Krieg in ihren Heimatländern, unter „Abschiebeschutz“ stehen, bereits nach drei Monaten arbeiten. Vorausgesetzt es gibt keinen Deutschen Bewerber für den Posten. Es wurde bedauert, dass potenzielle Arbeitskräfte den Job nicht antreten können, weil der Führerschein nicht in Landessprache gemacht werden kann. Trotz vorhandener Fahrerlaubnis im Heimatland. Ein anderes Problem ist, dass die Asylbewerber keine Kontoverbindungen haben oder ihnen Sportvereine nicht zugänglich sind. Keine idealen Voraussetzungen für die Integration. An Interessierten zur Mithilfe mangelt es momentan nicht. Unisono berichteten die Gemeinden und Organisationen von einer großen Hilfsbereitschaft. Gerade in Anbetracht der aktuellen Demonstrationen in Dresden freute sich Sabine Bätzing-Lichtenthäler über diese Art von Willkommenskultur. Aber auch die Kreisverwaltung hat so ihre Sorgen. Agnes Ulrich wünscht sich vor allem eine bessere finanzielle Ausstattung vom Land. Für Folgeantragsteller, also bei wiederholter Einreise, gibt es gar nichts. Sie kommen zudem ohne oder mit sehr kurzer Vorlaufzeit in den Kreis. Das Budget im Land ist knapp. Die Ministerin berichtete von 45 Mio. Euro, die in 2014 mehr als geplant ausgegeben wurden. Und für 2015 wurde das Budget sogar noch reduziert. Der Landkreis selbst wendet 2 Prozent der Kreisumlage für die Flüchtlinge auf. Friedhelm Lorscheid, seit 13 Jahren für die Asylbewerber zuständig, moniert das Prozedere bei der Aufnahme. Häufig kämen die Menschen ohne Registrierung von der zentralen Aufnahmestelle nach Neuwied. Wenige Tage später müsste die Registrierung in Trier nachgeholt werden, was für den Kreis stets einen großen und teuren logistischen Aufwand bedeutete.

Syrer stellen die größte Fraktion

Mit 232 Personen (47 Prozent) stellen die Syrer die stärkste Fraktion unter den Neuankömmlingen. Es folgen Menschen aus dem Kosovo (30 Personen), Serbien (28), Afghanistan (25) und Armenien (23). Die Folgeantragsteller stammen zu 51 Prozent aus Serbien, 25 Prozent aus Mazedonien, 21 Prozent aus Bosnien und 2 Prozent aus dem Kosovo. FF

Landrat Rainer Kaul zeigt der Ministerin und SWN Geschäftsführer Stefan Herschbach den neuen Sanitärtrakt, ganz rechts im Bild.

Landrat Rainer Kaul zeigt der Ministerin und SWN Geschäftsführer Stefan Herschbach den neuen Sanitärtrakt, ganz rechts im Bild.

Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler überreicht den ehrenamtlich Aktiven einen Scheck für deren Einsatz und freut sich für diese Art von Willkommenskultur.Foto: -FF-

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